Posts Tagged ‘Stadtbahn’

Handelskammer fordert Gutachten

Einen parteiübergreifenden Konsens fordert die Hamburger Handelskammer in Sachen Nahverkehrsausbau. „Alle aktuell diskutierten Projekte – Stadtbahn, S4 nach Ahrensburg und Weiterleitung U4 bis nach Harburg – sind für Hamburg wichtig und haben ihre spezifischen Stärken“, meint Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg. Man könne jedoch angesichts der Haushaltlage nicht alle Projekte zeitgleich realisieren.

Zur Klärung der Prioritätsfrage schlägt die Kammer vor – man ahnt es schon – ein (oder zwei? Oder drei?) Gutachten in Auftrag zu geben. Diese solle ein unabhängiges Kosten-/Nutzenverhältnis ermitteln und dadurch eine „wichtige Entscheidungsgrundlage“ sein. Ob es für den Hamburger Haushalt so gut ist, teure und vor allem langwierige Gutachten in Auftrag zu geben?

Es fällt der Handelskammer reichlich spät ein, ein Gutachten, kurz vor Bürgerschaftsdebatte und anschließendem Planfeststellungsverfahren zur Stadtbahn, anzufordern. Zudem hat der Erste Bürgermeister, Ole von Beust, die U4 zum kleinen Grasbrook und damit Richtung Harburg, mit „wünschenswert, aber nicht bezahlbar“ längst zu Grabe getragen.

Somit fällt die U4 aus der Diskussion, verbleiben Stadtbahn und S4 nach Ahrensburg. Hier steht die Reihenfolge bereits fest: Nach nun erfolgter Kostenberechnung und Finanzierungsplanung wird sich die Bürgerschaft der Stadtbahn annehmen und Bundesmittel werden beantragt. Danach geht es ins Planfeststellungsverfahren, 2012 sollen die Bagger anrücken.
Bezüglich der S4 arbeitet Hamburg mit Schleswig-Holstein zusammen, um auch dieses wichtige Verkehrsprojekt auf den Weg zu bringen. Da der S-Bahn-Verkehrsvertrag zwischen Hamburg und DB bis 2017 läuft, wird es vorher sowieso nichts mit der S4 – man braucht Planungssicherheit bezüglich neuer Triebzüge. Wenn es glatt läuft, wird frühestens 2017 die erste S4 in Ahrensburg halten; zu dem Zeitpunkt soll der erste Streckenabschnitt der Stadtbahn schon drei Jahre im Betrieb sein.

Was das Kosten-/Nutzenverhältnis angeht, muss dieses eh per standardisierten Bewertungsverfahren für beide Projekte erfolgen, was quasi im Gleichschritt mit dem Antrag auf Bundesmittel erfolgt. Stimmt das Verhältnis nicht, der Nutzen würde also nicht die Kosten rechtfertigen, fließen keine Bundesmittel – und das jeweilige Verkehrsprojekt wäre erledigt. Ohne Bundesmittel kein Ausbau des Nahverkehrs, so einfach ist das.

Um die Fragen der Handelskammer zu beantworten braucht man keine teuren Gutachter, die alles nur in die unendliche Länge ziehen.

Immerhin erkennt man die wirtschaftliche Bedeutung des Nahverkehrs an, so sagt Dr. Thomas M. Schünemann, Vizepräses der Handelskammer:

Ein moderner und zuverlässiger ÖPNV kommt unseren 150.000 Mitgliedsunternehmen mit ihren über 800.000 Beschäftigten auch unmittelbar zugute, weil er die Erreichbarkeit der Betriebe für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichert, aber auch die leichte Anfahrt zu Einzelhandelsstandorten und touristischen Attraktionen gewährleistet.

CityNord und der Winterhuder Marktplatz kommen hoffentlich bald in den Genuss eines modernen und zuverlässigen öffentlichen Verkehrsmittels – der Stadtbahn.

Da braucht es doch keiner Gutachter mehr.
— OR

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Allerhöchste Eisenbahn

Kommentar | Nach dem Rekordjahr 2006, bei dem bekanntlich die Fußball WM in Deutschland abgehalten wurde und die einen entsprechend positiven Effekt bei den Fahrgastzahlen hatte, wäre es kein Wunder gewesen, wenn die Zahlen wieder zurückgegangen wären. Das sind sie nicht. Von Jahr zu Jahr nutzen immer mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel. Kein Strohfeuer, sonst würde man nicht ein deutliches Plus bei den Zeitkarten (ProfiCard, CC-Karte, et cetera) verbuchen können, erst recht im Abo – die Leute binden sich an den HVV für einen längeren Zeitraum.

Der HVV hat gut 628.000 Abonnementen; weit mehr als doppelt soviel wie das „Hamburger Abendblatt“ Auflage und sogar mehr, als der ADAC in Hamburg Mitglieder hat (600.000). Ach ja, und 8,7-mal mehr, als die FDP bundesweit Parteimitglieder hat.

Den öffentlichen Personennahverkehr nutzen nicht nur Arme, Arbeitslose, Auszubildende, Rentner und einige haschrauchende, mit Sandalen ausgestattete Ökofritzen oder passionierte Gewalttäter, wie das in den Köpfen einiger Journalisten und Politikern scheinbar herumspukt. Und die außerordentlich gute Entwicklung zeigt auch, dass Otto-normal-Bürger – sicherlich nicht zur Freude des ADAC – sehr wohl das Auto stehenlassen oder vielleicht gar ganz darauf verzichten kann; wenn Qualität und Angebot des Nahverkehrs stimmen.

Das Angebot kann sich ja auch wirklich sehen lassen. Fährt ein Bus alle 20 Minuten, gilt das für uns Hamburger schon als unzumutbar selten. Die U3 verkehrt selbst am Sonntag alle 5 Minuten und sogar die Überlandbahn AKN schickt alle 10 Minuten in der Hauptverkehrszeit einen Zug vorbei. Zwar wird oft über die Sauberkeit gemeckert, aber im Vergleich zu anderen Städten wirken unsere Verkehrsmittel wie geleckt (Fahren Sie mal nach Berlin oder Bochum oder Dortmund!).

Standards wie einheitliche Fahrgastinformation (Informationsvitrinen), gute Beschilderung und einheitliches Auftreten/Design sind dem HVV zu verdanken und man kann nur wünschen, dass der in diesem Punkt nicht nachlässt. Nun will man – endlich – auch die Bushaltestellenmasten in der nördlichen Metropolregion auf HVV-Standard trimmen, damit auch dort die Leute merken, dass sie im HVV angekommen sind – gut so. Übrigens keine billige Sache, die Kreise dürften sich mit Händen und Füssen dagegen gewehrt haben. Gerade im Regionalverkehr (bei Pendlern z.B.) liegt jedoch noch potenzial.

Bei all den positiven Dingen und der guten Bilanz muss man aber leider eine, bittere Wahrheit hinnehmen: Viel mehr Fahrgäste dürfen es nicht werden.

Der HVV kündigt an, Buslinien noch weiter verstärken zu wollen – und es wird spannend werden zu beobachten, wie man das schaffen will. Denn die Busbetriebshöfe im Großbereich Hamburg sind bis zur Oberkante voll, es gibt einfach keine Kapazitäten mehr. Es fahren schlicht und ergreifend schon jetzt zu viele Busse in Hamburg herum. Will man noch mehr einsetzen, muss man auch hier in die Infrastruktur investieren. Auch der Omnibus braucht Infrastruktur, schließlich werden Busse nicht unsichtbar, wenn sie nicht auf Strecke sind; und die Fahrzeuge wollen ja auch betankt und gewartet werden.
Es ist ein Fakt, wenn man denn noch mehr Fahrgäste befördern will, dass die Stadtbahn notwendig ist, ob man sie nun hübsch findet oder nicht.

Die S-Bahn operiert in Hamburg ebenso längst an der Kapazitätsgrenze, der Fahrzeugpark bietet praktisch keine Reserve mehr (und von S-Bahnern ist zu vernehmen, dass es bei der Personaldecke auch nicht furchtbar viel besser aussieht). Das hat man im letzten Winter schon zu spüren bekommen, als ein Schwung Triebzüge verreckten und infolgedessen es zu heftigen Störungen kam. Selbst wenn man wollte, man könnte die Leistung nicht weiter hochfahren.

Bitter auch die Lage am Hauptbahnhof: Durch den Boom im regionalen Schienenverkehr die letzten Jahre wurden immer mehr Züge eingesetzt und Takte verdichtet. Eine wunderbare Entwicklung, die aber eine Kehrseite hat – denn auch der Hauptbahnhof ist voll ausgelastet, auch hier gibt es keine Kapazitäten mehr. Mehr metronom-Züge von Bremen nach Hamburg? Geht nicht, da keine Bahnsteige mehr frei sind.

Angenommen, in fünf Jahren befördert man 10 % mehr Fahrgäste als heute – was keineswegs utopisch wäre –, dann gleichen unsere Verkehrsmitteln Sardinenbüchsen und Busfahrpläne sind nicht mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt wurden. Ob man dann die so mühevoll hinzugewonnen Kunden wird halten können? Das darf bezweifelt werden.

Begreift man „Klimaschutz“ nicht nur als öde Phrase für Sonntagsreden, kommt man nicht umhin, in die Infrastruktur für den Nahverkehr zu investieren. Da die Hamburger Nahverkehrspolitik in dem Punkt seit Jahrzehnten im Koma lag – abgesehen von der U4, deren Sinn man höchstens nur unter einer Lupe finden kann – werden nun eben zwei Großprojekte auf einmal fällig: S4 und Stadtbahn.

2019 fallen die Zuschüsse aus Bundesmitteln (GVFG) weg, dann sind die Investitionen faktisch nicht mehr zu finanzieren.

Es ist allerhöchste Eisenbahn.
— OR.

Initiative pro Stadtbahn gegründet

Mit einer virtuellen Unterschriftenliste startete heute die neue Bürgerinitiative „Stadtbahn JETZT!“. Mit kurzen & knackigen Argumenten will man für das Nahverkehrsprojekt werben. Eine Liste, um selber Unterschriften zu sammeln, sowie Plakate sollen in Kürze folgen.

Mehr zum Thema im Internet:

— OR

„Grüne“ Podiumsdiskussionen zur Stadtbahn

Die GAL-Bürgerschaftsfraktion veranstaltet in den kommenden Wochen zwei Podiumsdiskussionen zum Thema „Mit der Stadtbahn durch Hamburg“. Die Veranstaltungen richten sich bevorzugt an die Anwohner.

Dienstag, 30.03.2010, 19.00 bis ca. 21.00 Uhr

Paul-Gerhard-Gemeindesaal, Ohlsdorfer Straße 67

Eingeladen sind Martina Gregersen, Verkehrsexpertin der GAL-Fraktion, Gerhard Schenk, Hamburger Hochbahn AG und Martin Nussbaum, Bremer Straßenbahn AG (BSAG).
Mehr Infos hier.

Dienstag, 13.04.2010 19.00 bis ca. 21.00 Uhr

Bramfelder Kulturladen (Brakula), Bramfelder Ch. 265

Die Teilnehmerliste ist noch nicht bekannt.
— XP

Kurzmeldungen (6)

Kapitän bleibt an Bord | Günter Elste, Jahrgang 1949, bleibt für weitere 5 Jahre – und damit bis 2016 – Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG, berichtet der Fernsehsender Hamburg 1. Sein Vertrag wäre im Frühjahr 2011 ausgelaufen. Elste ist bereits seit 1996 Chef der HOCHBAHN. Letztes Jahr gab Elste das Amt des VDV-Präsidenten nach 6-jähriger Tätigkeit ab, er wolle sich in seinen letzten Berufsjahren voll auf die HOCHBAHN konzentrieren, hieß es. +++

Neue Homepage | Die AKN hat ihre Website einen Relaunch unterzogen, diese erstrahlt nun in einer völlig neuen Optik. Die Schrift, inklusive der Menüführung, ist nun deutlich größer, Farbgebung kontrastreicher, Seitenstruktur flacher und Navigation vereinfacht. Die Hausfarben Blau / Rot werden stärker eingesetzt, man legt auch Wert auf Barrierefreiheit. Auf grafische Elemente wird weitgehend verzichtet – das macht die Website zwar extrem schnell, lässt den neuen Auftritt aber auch etwas plump wirken. +++

Aufgeklärt | Am Sonntag, 10.01.2010 (von 7 bis 19.45 Uhr), setzte die S-Bahn zwischen Sülldorf und Wedel kurzfristig einen Schienenersatzverkehr an, ohne Gründe anzugeben. In einem Infoflyer (3/2010) der Gewerkschaft der Lokführer, GDL, Ohlsdorf, wurde der Grund genannt: Die S-Bahn war nicht in der Lage, das örtliche Stellwerk mit einem Fahrdienstleiter zu besetzen. Der eingeplante Fahrdienstleiter meldete sich schon zuvor am Freitagmorgen krank. Für die Sonntagsschicht konnte die DB-Tochter keinen Ersatz finden. Folge: Fahrgäste mussten im strengen Winterwetter auf den Ersatzbus umsteigen. +++

Stadtbahnplanung | Gut 1.400 Anmerkungen, Wünsche und Hinweise arbeiten die Stadtbahnplaner der HOCHBAHN in ihr Vorhaben ein. Rund 70 verschiedene Stellen – von der Polizei über Feuerwehr bis zu  Naturschutzverbänden – sind am Planungsprozess beteiligt. Man bemüht sich, schon so früh wie möglich alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, was sicherlich keine einfache Aufgabe ist, da sich die Wünsche teilweise widersprechen. Einzelne Streckenabschnitte werden (im Straßenraum) komplett neu geplant. +++

Lärmschutz | Die Arbeiten an der Lärmschutzwand an der Güterumgehungsbahn in den Bereichen Alsterkanal / Erikastraße / Salomon-Heine-Weg / Sengelmannstraße / Rosenbrookgehen gehen weiter. Gießen der Betonfundamente und Montage von Stützen und Aluelementen stehen derzeit auf dem Programm. Bis einschließlich Freitag wird von 8 bis 18 Uhr und von Samstag 6 bis Sonntag 23.30 Uhr durchgehend gearbeitet. +++

Dachsanierung | An den S1-Haltestellen Kornweg und Wellingsbüttel beginnen Dachsanierungsarbeiten. Von Samstag bis Montag (Betriebsbeginn) werden daher beide Gleise zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel gesperrt und die Züge durch Busse ersetzt. Die S1 verkehrt in dieser Zeit durchgehend als Vollzug bis Hamburg Airport, ein Stärken bzw. Schwächen der Züge findet in Ohlsdorf nicht statt. [Weitere Infos: PDF, Fahrplan: PDF] +++

Geplante Verspätung | Nächte von Montag auf Dienstag auf Mittwoch: erneute Oberbauarbeiten auf dem Gleis zwischen Stade und Horneburg. Hierfür wird die Oberleitung abgeschaltet. Montag von 23.30 bis 4.20 Uhr und Dienstag von 22.50 bis 1.20 Uhr werden die wenigen Züge der S3 auf das (nicht betroffene) Gegengleis geleitet, was gute 8 Minuten zusätzliche Fahrzeit kostet. [Weitere Infos: PDF] +++

City-Tunnel | Nächte von Montag auf Dienstag auf Mittwoch: Zwischen den S1/S3-Stationen Landungsbrücken und Hauptbahnhof wird ein Gleis von jeweils 22 bis 4 Uhr gesperrt. Grund sind Schienenschleif- und Schienenfräßarbeiten. In dieser Zeit entfällt die S31, die S21 verkehrt nach Plan, die anderen wie folgt:
S1 → Ohlsdorf: abwechselnd über den City-Tunnel (Jungfernstieg) und über die Verbindungsbahn (Dammtor).
S1 → Wedel: alle Züge über Verbindungsbahn.
S3 → Harburg: alle Züge über Verbindungsbahn.
S3 → Pinneberg: abwechselnd über den City-Tunnel (Jungfernstieg) und über die Verbindungsbahn (Dammtor). [Weitere Infos: PDF] +++

Sommerzeit | Samstagnacht (bzw. Sonntagmorgen, wie man will) wird um 2 Uhr die Uhrzeit auf 3 Uhr gestellt (+1 Stunde). +++
— OR/XP/HS

Diskussionstermine zur Stadtbahn

„Eine neue Stadtbahn für Hamburg“

Beim lokalen Privatsender Hamburg 1 in der Talkshow „Schalthoff live“ findet eine Diskussionsrunde zur Einführung einer Stadtbahn in Hamburg statt. Angekündigte Gäste sind unter anderem:

  • Günter Elste, Vorstandsvorsitzender Hamburger Hochbahn
  • Stephan Hugo Winters, Staatsrat Stadtentwicklungsbehörde
  • Carsten Willms, verkehrspolitischer Sprecher ADAC

Sendetermine: heute um 20.15 Uhr und 22.15 Uhr; Morgen (Mittwoch, 24.03.2010) um 08.15 Uhr und 15.00 Uhr.

„Stadtbahn – Fluch oder Segen?“

Die CDU, dessen Nachwuchsschmiede „Junge Union“ (JU) sich immer noch schwer tut mit einer Stadtbahn, lädt für Mittwoch, 24.03.2010 zu einer Podiumsdiskussion ein. Schwerpunkt soll die JU-Idee einer „U-Stadtbahn“ sein, welche am Sonntag auch hier auf Rycon ausführlich behandelt werden wird.
Eingeladen zur Podiumsdiskussion ist Günter Elste sowie der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord, Wolfgang Kopitzsch, der hier im Blog schon an anderer Stelle vorkam.

Das Ganze findet im „Haus der Jugend“, Bebelallee 22, ab 20.00 Uhr statt.
Anfahrt: U1 Lattenkamp, Ausgang Bebelallee.

Nachtrag, 26.03.2010: Einen schönen Bericht über diese Veranstaltung findet sich hier.

Via drehscheibe-foren.de, NVB
— OR

Attraktiver Nahverkehr: Chancen für den örtlichen Handel

„Kleine“ Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister sind unglaublich wichtig für eine belebte, bunte Stadt. Nicht nur, weil sie Arbeitsplätze bieten (und Steuern zahlen), sondern auch weil sie die Nahversorgung der Bürger gewährleisten und für Abwechslung im Viertel sorgen. Riesige Konsumtempel („Shopping-Malls“) sind zwar architektonisch hochgezüchtet, sehen aber dennoch alle gleich aus; egal ob sie in Berlin, München, Stuttgart, Bonn oder Kiel stehen. Das Ladenangebot gleicht sich hier wie dort, immer dieselben, öden Ladenketten. Uniformität und traurige Langeweile pur. In Anbetracht der unverschämt hohen Mieten (plus der selbstverständlichen Umsatzbeteiligung) und den drangsalierenden Bedingungen wird man auch in Zukunft dort keine, „stinknormalen“ Einzelhändler vorfinden.

Wie ungeheuer lebendig wirken dagegen die wilden, bunten und abwechslungsreichen Einkaufsgegenden, wie man sie beispielsweise im Schanzenviertel oder Ottensen vorfindet.

Sicherlich wird der eine oder andere Einzelhändler gut leben können, aber die Substanz eines Handelsgiganten haben sie nicht. Sie sind auf laufende Einnahmen angewiesen und können nicht mal eben mehrere Monate ohne Kundschaft überleben. So verwundert es nicht, das Einzelhändler jegliche Art von Bautätigkeit mit Misstrauen, Argwohn und schließlich Ablehnung begegnen. Gleichzeitig spukt der Glaube in den Köpfen, dass nur der fließende Autoverkehr das eigene Auskommen sichern könnte.

Der „kleine“ Einzelhandel (und bitte nie auch die Gastronomie und Dienstleistungen hierbei vergessen, bis hin zum Onkel Doktor) ist lokal verwurzelt, aus dem Nahbereich kommt die Kundschaft. Womit wir dann den großen Bogen zum Nahverkehr gespannt hätten.

Fließender Autoverkehr und lokale Einzelhändler

Die billigste und effektivste Möglichkeit für Einzelhändler ist es, mit einem hübsch gestalteten Schaufenster auf sich aufmerksam zu machen. Das Werbebudget der Konzerne haben sie nicht; großformatige, fette Werbeanzeigen in der „Bild“-Zeitung sind ebenso wenig drin, wie wöchentlich erscheinende, üppig gestylte Werbebeilagen.

In 100 vorbeifahrenden Autos sitzen im Durchschnitt 120 Menschen. Logischerweise sind 100 Personen dabei beschäftigt, denn sie müssen ja ihr Auto steuern. Da bleibt keine Zeit aus dem Fenster zu schauen und sich die Schaufenster anzugucken. So fließen dann viele potenzielle Kunden vorbei und strafen den Einzelhändler mit Nichtbeachtung.

In einem 18-Meterlangen Gelenkbus sind, sagen wir mal, 80 Fahrgäste. Der Großteil davon guckt gerne während der Fahrt aus dem Fenster, was soll man sonst auch anderes machen. In einem Stadtbahnzug sind vielleicht 200 Menschen, welche aus-dem-Fenster-guckend dahingleiten. Je erfolgreicher der öffentliche Nahverkehr ist, desto mehr Menschen fahren mit den Transportmitteln; erkennbar an der höheren Schlagzahl eingesetzter Fahrzeuge. Das sind alles potenzielle Kunden, die man für lau auf sein Angebot aufmerksam machen kann.

Einzugsgebiet

Nun werden viele Einzelhändler darauf pochen, dass man jede Menge Parkplätze braucht; der Kunde soll ja bequem sein Geschäft erreichen können. Sofern der Händler kein so spezielles (seltenes/einzigartiges) Angebot hat, das auf regionale oder gar überregionale Kundschaft ausgerichtet ist, generiert sich seine Kundschaft allerdings aus dem Lokalen bis zum Nahbereich.
Gewerbetreibende am Winterhuder Marktplatz zum Beispiel – wie Apotheker, Optiker, Gemüsehändler, der Grieche oder Italiener und so weiter – begrüßen kaum Kunden aus Rahlstedt, Harburg oder Elmshorn, sondern aus ihrer Nachbarschaft. Ein leistungsfähiger und attraktiver öffentlicher Nahverkehr vergrößert diese „Nachbarschaft“, erst recht, wenn sich in angrenzenden Vierteln wenige (oder unattraktive) Einkaufsmöglichkeiten befinden.

Attraktive Einkaufsstraßen

Die Formel, fließender Autoverkehr gleich viele Kunden, kann auch aus anderen Gründen nicht so richtig hinhauen. Wäre dem tatsächlich so, müssten die Einzelhändler sich an Autobahnen ansiedeln, denn da „fließt“ nun wirklich jede Menge Autoverkehr.

Wo man den Verkehr komplett ausgesperrt hat entstehen Fußgängerzonen, zum Beispiel Niendorf-Markt. Auch da ist der Einzelhandel nicht gleichsam mit dem Auto verschwunden. Anderes Beispiel wäre die Mönckebergstraße, wo man weitgehend die Autos verbannt hat oder, wie oben schon genannt, Ottensen. Dort sind die Straßen so eng, dass Autofahrer möglichst einen großen Bogen machen und Parkplätze sind tradionell Mangelware; den Einzelhändlern schadet es seit Jahrzehnten nicht.

Und mal Hand aufs Herz – wie viele Einkaufsgegenden, in denen man sich wohl fühlt und wo entsprechend die Aufenthaltsqualität hoch ist, kennen Sie, die durch eine vierspurige Straße mit fließendem Autoverkehr durchschnitten wird? Mit Autoverkehr hochbelastete Straßen sind wahnsinnig laut, die Luftqualität ist schlecht und man kann nicht mal eben die Straßenseite wechseln, ohne Angst zu bekommen, umgenietet zu werden. In solchen Straßen fühlt sich nur der Autofahrer wohl. Aber welcher Kunde macht da schon gerne einen Schaufensterbummel?

Das soll hier kein fundamentalistisches Plädoyer gegen das Auto werden. Der ausschließliche Fokus auf das Automobil ist jedoch schade. So wie andere Mütter auch schöne Töchter haben, so haben andere Verkehrsmittel eben auch ihre Vorzüge.

Sorgen über den Bau der Stadtbahn

Die Sorgen der Einzelhändler gerade gegenüber der Stadtbahn muss man sehr ernst nehmen. Besonders die Bauphase ist eine sehr empfindliche Zeit, hier müssen Bauherr und Stadt den Einzelhändlern das Leben so einfach machen, wie nur irgendwie möglich. Es ist absolut gerechtfertigt, wenn Gewerbetreibenden hier den Verantwortlichen ganz gehörig auf die Finger klopfen. (Es sieht aber danach aus, das der Bauherr das schon im Vorfelde begriffen hat.)
Die Stadtbahn bietet andererseits Vorteile und Chancen für Gewerbetreibende. Auch wenn es oft so dargestellt wird: Die Stadtbahn wird keine verwüstete Kraterlandschaft hinterlassen, wo auf Jahrzehnte hinaus kein Blümchen mehr wachsen kann. Es soll ja gerade das Gegenteil erreicht werden.

Bauzeit

Man liest und hört, die Stadtbahn-Bauarbeiten sollen zwei Jahre andauern, was Anwohner und Gewerbetreibende (verständlicherweise!) die Panik ins Gesicht treibt. Das klingt ja auch nach dem reinsten Horror. Was die Gegner dabei „vergessen“ (*hust*) zu erwähnen ist, dass man nicht 7,7 Kilometer Straße/Radweg/Bürgersteig von heute auf morgen komplett aufreißt, um dann 2 Jahre daran herumzuwerkeln. Derartige Projekte baut man immer abschnittsweise. Man unterteilt also die Strecke und knöpft sich Stück für Stück vor. Anders ginge es schon allein aus organisatorischen Gründen nicht, denn: Auch während der Bauarbeiten muss der Autoverkehr ja fließen. In der Gesamtzeit kommt man dann auf (mutmaßlich) zwei Jahre, aber die örtlichen Bauarbeiten sind beträchtlich (!) kürzer, als es die Horrormeldungen suggerieren.

Zudem soll es auch nicht zu einem Kahlschlag an Parkplätzen kommen, wie gerne behauptet wird. Wegfallende Parkplätze sollen so gut es irgend geht an anderer Stelle (örtlich) neu eingerichtet werden. Wie das genau bewerkstelligt wird, kann man erst nach der Planung beurteilen.

Attraktiver Nahverkehr & Einzelhandel

Bei einer vernünftigen, attraktiven Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln profitieren alle Beteiligten. Händler, die so für Kunden einfach und bequem zu erreichen sind; Verkehrsunternehmen, die sich über weitere Fahrgäste freuen können; Anwohner, die weniger Autolärm ertragen müssen und sogar Autofahrer, denn der Einkaufsverkehr wird vom Auto auf den Nahverkehr verlagert, was die Straße natürlich entlastet.

Die Stadtbahn im besonderen bietet den örtlichen Einzelhändlern ganz neue Chancen, Kunden zu gewinnen. Die Werbewirkung ist nicht zu verachten und die Aufenthaltsqualität (durch weniger Autoverkehr und damit weniger Krach) wird ganz enorm gesteigert. Gleichzeitig vergrößert sich die „Nachbarschaft“ und damit das Einzugsgebiet.

Das ist doch gar nicht so übel, oder?

Der angekündigte Artikel über die oft zu lesenden (allgemeinen) Argumente gegen die Stadtbahn verschiebt sich. Nächsten Sonntag ist ein Bericht zur Idee einer „U-Stadtbahn“ vorgesehen.

— OR