Attraktiver Nahverkehr: Chancen für den örtlichen Handel

„Kleine“ Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister sind unglaublich wichtig für eine belebte, bunte Stadt. Nicht nur, weil sie Arbeitsplätze bieten (und Steuern zahlen), sondern auch weil sie die Nahversorgung der Bürger gewährleisten und für Abwechslung im Viertel sorgen. Riesige Konsumtempel („Shopping-Malls“) sind zwar architektonisch hochgezüchtet, sehen aber dennoch alle gleich aus; egal ob sie in Berlin, München, Stuttgart, Bonn oder Kiel stehen. Das Ladenangebot gleicht sich hier wie dort, immer dieselben, öden Ladenketten. Uniformität und traurige Langeweile pur. In Anbetracht der unverschämt hohen Mieten (plus der selbstverständlichen Umsatzbeteiligung) und den drangsalierenden Bedingungen wird man auch in Zukunft dort keine, „stinknormalen“ Einzelhändler vorfinden.

Wie ungeheuer lebendig wirken dagegen die wilden, bunten und abwechslungsreichen Einkaufsgegenden, wie man sie beispielsweise im Schanzenviertel oder Ottensen vorfindet.

Sicherlich wird der eine oder andere Einzelhändler gut leben können, aber die Substanz eines Handelsgiganten haben sie nicht. Sie sind auf laufende Einnahmen angewiesen und können nicht mal eben mehrere Monate ohne Kundschaft überleben. So verwundert es nicht, das Einzelhändler jegliche Art von Bautätigkeit mit Misstrauen, Argwohn und schließlich Ablehnung begegnen. Gleichzeitig spukt der Glaube in den Köpfen, dass nur der fließende Autoverkehr das eigene Auskommen sichern könnte.

Der „kleine“ Einzelhandel (und bitte nie auch die Gastronomie und Dienstleistungen hierbei vergessen, bis hin zum Onkel Doktor) ist lokal verwurzelt, aus dem Nahbereich kommt die Kundschaft. Womit wir dann den großen Bogen zum Nahverkehr gespannt hätten.

Fließender Autoverkehr und lokale Einzelhändler

Die billigste und effektivste Möglichkeit für Einzelhändler ist es, mit einem hübsch gestalteten Schaufenster auf sich aufmerksam zu machen. Das Werbebudget der Konzerne haben sie nicht; großformatige, fette Werbeanzeigen in der „Bild“-Zeitung sind ebenso wenig drin, wie wöchentlich erscheinende, üppig gestylte Werbebeilagen.

In 100 vorbeifahrenden Autos sitzen im Durchschnitt 120 Menschen. Logischerweise sind 100 Personen dabei beschäftigt, denn sie müssen ja ihr Auto steuern. Da bleibt keine Zeit aus dem Fenster zu schauen und sich die Schaufenster anzugucken. So fließen dann viele potenzielle Kunden vorbei und strafen den Einzelhändler mit Nichtbeachtung.

In einem 18-Meterlangen Gelenkbus sind, sagen wir mal, 80 Fahrgäste. Der Großteil davon guckt gerne während der Fahrt aus dem Fenster, was soll man sonst auch anderes machen. In einem Stadtbahnzug sind vielleicht 200 Menschen, welche aus-dem-Fenster-guckend dahingleiten. Je erfolgreicher der öffentliche Nahverkehr ist, desto mehr Menschen fahren mit den Transportmitteln; erkennbar an der höheren Schlagzahl eingesetzter Fahrzeuge. Das sind alles potenzielle Kunden, die man für lau auf sein Angebot aufmerksam machen kann.

Einzugsgebiet

Nun werden viele Einzelhändler darauf pochen, dass man jede Menge Parkplätze braucht; der Kunde soll ja bequem sein Geschäft erreichen können. Sofern der Händler kein so spezielles (seltenes/einzigartiges) Angebot hat, das auf regionale oder gar überregionale Kundschaft ausgerichtet ist, generiert sich seine Kundschaft allerdings aus dem Lokalen bis zum Nahbereich.
Gewerbetreibende am Winterhuder Marktplatz zum Beispiel – wie Apotheker, Optiker, Gemüsehändler, der Grieche oder Italiener und so weiter – begrüßen kaum Kunden aus Rahlstedt, Harburg oder Elmshorn, sondern aus ihrer Nachbarschaft. Ein leistungsfähiger und attraktiver öffentlicher Nahverkehr vergrößert diese „Nachbarschaft“, erst recht, wenn sich in angrenzenden Vierteln wenige (oder unattraktive) Einkaufsmöglichkeiten befinden.

Attraktive Einkaufsstraßen

Die Formel, fließender Autoverkehr gleich viele Kunden, kann auch aus anderen Gründen nicht so richtig hinhauen. Wäre dem tatsächlich so, müssten die Einzelhändler sich an Autobahnen ansiedeln, denn da „fließt“ nun wirklich jede Menge Autoverkehr.

Wo man den Verkehr komplett ausgesperrt hat entstehen Fußgängerzonen, zum Beispiel Niendorf-Markt. Auch da ist der Einzelhandel nicht gleichsam mit dem Auto verschwunden. Anderes Beispiel wäre die Mönckebergstraße, wo man weitgehend die Autos verbannt hat oder, wie oben schon genannt, Ottensen. Dort sind die Straßen so eng, dass Autofahrer möglichst einen großen Bogen machen und Parkplätze sind tradionell Mangelware; den Einzelhändlern schadet es seit Jahrzehnten nicht.

Und mal Hand aufs Herz – wie viele Einkaufsgegenden, in denen man sich wohl fühlt und wo entsprechend die Aufenthaltsqualität hoch ist, kennen Sie, die durch eine vierspurige Straße mit fließendem Autoverkehr durchschnitten wird? Mit Autoverkehr hochbelastete Straßen sind wahnsinnig laut, die Luftqualität ist schlecht und man kann nicht mal eben die Straßenseite wechseln, ohne Angst zu bekommen, umgenietet zu werden. In solchen Straßen fühlt sich nur der Autofahrer wohl. Aber welcher Kunde macht da schon gerne einen Schaufensterbummel?

Das soll hier kein fundamentalistisches Plädoyer gegen das Auto werden. Der ausschließliche Fokus auf das Automobil ist jedoch schade. So wie andere Mütter auch schöne Töchter haben, so haben andere Verkehrsmittel eben auch ihre Vorzüge.

Sorgen über den Bau der Stadtbahn

Die Sorgen der Einzelhändler gerade gegenüber der Stadtbahn muss man sehr ernst nehmen. Besonders die Bauphase ist eine sehr empfindliche Zeit, hier müssen Bauherr und Stadt den Einzelhändlern das Leben so einfach machen, wie nur irgendwie möglich. Es ist absolut gerechtfertigt, wenn Gewerbetreibenden hier den Verantwortlichen ganz gehörig auf die Finger klopfen. (Es sieht aber danach aus, das der Bauherr das schon im Vorfelde begriffen hat.)
Die Stadtbahn bietet andererseits Vorteile und Chancen für Gewerbetreibende. Auch wenn es oft so dargestellt wird: Die Stadtbahn wird keine verwüstete Kraterlandschaft hinterlassen, wo auf Jahrzehnte hinaus kein Blümchen mehr wachsen kann. Es soll ja gerade das Gegenteil erreicht werden.

Bauzeit

Man liest und hört, die Stadtbahn-Bauarbeiten sollen zwei Jahre andauern, was Anwohner und Gewerbetreibende (verständlicherweise!) die Panik ins Gesicht treibt. Das klingt ja auch nach dem reinsten Horror. Was die Gegner dabei „vergessen“ (*hust*) zu erwähnen ist, dass man nicht 7,7 Kilometer Straße/Radweg/Bürgersteig von heute auf morgen komplett aufreißt, um dann 2 Jahre daran herumzuwerkeln. Derartige Projekte baut man immer abschnittsweise. Man unterteilt also die Strecke und knöpft sich Stück für Stück vor. Anders ginge es schon allein aus organisatorischen Gründen nicht, denn: Auch während der Bauarbeiten muss der Autoverkehr ja fließen. In der Gesamtzeit kommt man dann auf (mutmaßlich) zwei Jahre, aber die örtlichen Bauarbeiten sind beträchtlich (!) kürzer, als es die Horrormeldungen suggerieren.

Zudem soll es auch nicht zu einem Kahlschlag an Parkplätzen kommen, wie gerne behauptet wird. Wegfallende Parkplätze sollen so gut es irgend geht an anderer Stelle (örtlich) neu eingerichtet werden. Wie das genau bewerkstelligt wird, kann man erst nach der Planung beurteilen.

Attraktiver Nahverkehr & Einzelhandel

Bei einer vernünftigen, attraktiven Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln profitieren alle Beteiligten. Händler, die so für Kunden einfach und bequem zu erreichen sind; Verkehrsunternehmen, die sich über weitere Fahrgäste freuen können; Anwohner, die weniger Autolärm ertragen müssen und sogar Autofahrer, denn der Einkaufsverkehr wird vom Auto auf den Nahverkehr verlagert, was die Straße natürlich entlastet.

Die Stadtbahn im besonderen bietet den örtlichen Einzelhändlern ganz neue Chancen, Kunden zu gewinnen. Die Werbewirkung ist nicht zu verachten und die Aufenthaltsqualität (durch weniger Autoverkehr und damit weniger Krach) wird ganz enorm gesteigert. Gleichzeitig vergrößert sich die „Nachbarschaft“ und damit das Einzugsgebiet.

Das ist doch gar nicht so übel, oder?

Der angekündigte Artikel über die oft zu lesenden (allgemeinen) Argumente gegen die Stadtbahn verschiebt sich. Nächsten Sonntag ist ein Bericht zur Idee einer „U-Stadtbahn“ vorgesehen.

— OR

2 responses to this post.

  1. Die Sorgen der Anwohner bezüglich der Bauzeit kann ich durchaus verstehen. Da durch eine rosa Brille zu schauen und darauf zu hoffen dass der Bauherr schon das bestmögliche planen und umsetzen wird, ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Was passieren kann ist sehr gut am EKZ Hamburger Straße (neudeutsch: Shopping-Center Hamburger Meile) zu sehen. Seit einer gefühlten Ewigkeit ist eine Fahrbahn der Hauptverkehrsader gesperrt und erst jetzt ist die neue Außenfassade zu einem Bruchteil fertig. Welche kleinen Geschäfte (ohne große Kette im Hintergrund) im Inneren dort letztendlich über die Klinge springen werden will ich gar nicht erst wissen.

  2. Posted by Werner Klingbiel on 24.03.2010 at 22.36

    Sorgen von Einzelhändlern über die Bauzeit sind tasächlich ernst zu nehmen. Das gilt aber für alle Baumaßnahmen, wie z. B. auch das Wiederaufreisen am Jungfernstieg oder Bau und Reparatur von Straßen. Die Stadtbahn hat gerade den Vorteil, dass die Breite des Gleiskörpers es in den allermeisten Fällen zuläßt die Erreichbarkeit mit vertretbaren Einschränkungen zu sichern.

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