Allerhöchste Eisenbahn

Kommentar | Nach dem Rekordjahr 2006, bei dem bekanntlich die Fußball WM in Deutschland abgehalten wurde und die einen entsprechend positiven Effekt bei den Fahrgastzahlen hatte, wäre es kein Wunder gewesen, wenn die Zahlen wieder zurückgegangen wären. Das sind sie nicht. Von Jahr zu Jahr nutzen immer mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel. Kein Strohfeuer, sonst würde man nicht ein deutliches Plus bei den Zeitkarten (ProfiCard, CC-Karte, et cetera) verbuchen können, erst recht im Abo – die Leute binden sich an den HVV für einen längeren Zeitraum.

Der HVV hat gut 628.000 Abonnementen; weit mehr als doppelt soviel wie das „Hamburger Abendblatt“ Auflage und sogar mehr, als der ADAC in Hamburg Mitglieder hat (600.000). Ach ja, und 8,7-mal mehr, als die FDP bundesweit Parteimitglieder hat.

Den öffentlichen Personennahverkehr nutzen nicht nur Arme, Arbeitslose, Auszubildende, Rentner und einige haschrauchende, mit Sandalen ausgestattete Ökofritzen oder passionierte Gewalttäter, wie das in den Köpfen einiger Journalisten und Politikern scheinbar herumspukt. Und die außerordentlich gute Entwicklung zeigt auch, dass Otto-normal-Bürger – sicherlich nicht zur Freude des ADAC – sehr wohl das Auto stehenlassen oder vielleicht gar ganz darauf verzichten kann; wenn Qualität und Angebot des Nahverkehrs stimmen.

Das Angebot kann sich ja auch wirklich sehen lassen. Fährt ein Bus alle 20 Minuten, gilt das für uns Hamburger schon als unzumutbar selten. Die U3 verkehrt selbst am Sonntag alle 5 Minuten und sogar die Überlandbahn AKN schickt alle 10 Minuten in der Hauptverkehrszeit einen Zug vorbei. Zwar wird oft über die Sauberkeit gemeckert, aber im Vergleich zu anderen Städten wirken unsere Verkehrsmittel wie geleckt (Fahren Sie mal nach Berlin oder Bochum oder Dortmund!).

Standards wie einheitliche Fahrgastinformation (Informationsvitrinen), gute Beschilderung und einheitliches Auftreten/Design sind dem HVV zu verdanken und man kann nur wünschen, dass der in diesem Punkt nicht nachlässt. Nun will man – endlich – auch die Bushaltestellenmasten in der nördlichen Metropolregion auf HVV-Standard trimmen, damit auch dort die Leute merken, dass sie im HVV angekommen sind – gut so. Übrigens keine billige Sache, die Kreise dürften sich mit Händen und Füssen dagegen gewehrt haben. Gerade im Regionalverkehr (bei Pendlern z.B.) liegt jedoch noch potenzial.

Bei all den positiven Dingen und der guten Bilanz muss man aber leider eine, bittere Wahrheit hinnehmen: Viel mehr Fahrgäste dürfen es nicht werden.

Der HVV kündigt an, Buslinien noch weiter verstärken zu wollen – und es wird spannend werden zu beobachten, wie man das schaffen will. Denn die Busbetriebshöfe im Großbereich Hamburg sind bis zur Oberkante voll, es gibt einfach keine Kapazitäten mehr. Es fahren schlicht und ergreifend schon jetzt zu viele Busse in Hamburg herum. Will man noch mehr einsetzen, muss man auch hier in die Infrastruktur investieren. Auch der Omnibus braucht Infrastruktur, schließlich werden Busse nicht unsichtbar, wenn sie nicht auf Strecke sind; und die Fahrzeuge wollen ja auch betankt und gewartet werden.
Es ist ein Fakt, wenn man denn noch mehr Fahrgäste befördern will, dass die Stadtbahn notwendig ist, ob man sie nun hübsch findet oder nicht.

Die S-Bahn operiert in Hamburg ebenso längst an der Kapazitätsgrenze, der Fahrzeugpark bietet praktisch keine Reserve mehr (und von S-Bahnern ist zu vernehmen, dass es bei der Personaldecke auch nicht furchtbar viel besser aussieht). Das hat man im letzten Winter schon zu spüren bekommen, als ein Schwung Triebzüge verreckten und infolgedessen es zu heftigen Störungen kam. Selbst wenn man wollte, man könnte die Leistung nicht weiter hochfahren.

Bitter auch die Lage am Hauptbahnhof: Durch den Boom im regionalen Schienenverkehr die letzten Jahre wurden immer mehr Züge eingesetzt und Takte verdichtet. Eine wunderbare Entwicklung, die aber eine Kehrseite hat – denn auch der Hauptbahnhof ist voll ausgelastet, auch hier gibt es keine Kapazitäten mehr. Mehr metronom-Züge von Bremen nach Hamburg? Geht nicht, da keine Bahnsteige mehr frei sind.

Angenommen, in fünf Jahren befördert man 10 % mehr Fahrgäste als heute – was keineswegs utopisch wäre –, dann gleichen unsere Verkehrsmitteln Sardinenbüchsen und Busfahrpläne sind nicht mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt wurden. Ob man dann die so mühevoll hinzugewonnen Kunden wird halten können? Das darf bezweifelt werden.

Begreift man „Klimaschutz“ nicht nur als öde Phrase für Sonntagsreden, kommt man nicht umhin, in die Infrastruktur für den Nahverkehr zu investieren. Da die Hamburger Nahverkehrspolitik in dem Punkt seit Jahrzehnten im Koma lag – abgesehen von der U4, deren Sinn man höchstens nur unter einer Lupe finden kann – werden nun eben zwei Großprojekte auf einmal fällig: S4 und Stadtbahn.

2019 fallen die Zuschüsse aus Bundesmitteln (GVFG) weg, dann sind die Investitionen faktisch nicht mehr zu finanzieren.

Es ist allerhöchste Eisenbahn.
— OR.

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2 responses to this post.

  1. Sehr interessant.

    Warum redet, schreibt und berichtet darüber ansonsten niemand?
    Sind der HVV und die Einzelbetriebe derart stark politisch gelenkt, dass davon Nichts nach außen dringt?

    In Sachen Hbf. und Kapazität ist es wirklich gruselig, wenn man die Menschenmengen sieht, die zu Hauptverkehrszeiten den Bahnhof durchströmen.

  2. Posted by Rycon on 03.06.2010 at 15.34

    Dem HVV und den Betrieben sind letztendlich die Hände gebunden. Mehr als aufmerksam machen, bitten, drängeln und auf die Knie fallen können die leider auch nicht. Die Entscheidungen trifft die Politik; und der Nahverkehr steht nicht unbedingt im Fokus des Interesses.

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