Posts Tagged ‘ÖPNV’

Steigende Preise

zwischen August 2002 und August 2012. Im gleichen Zeitraum verteuerten sich die Kosten rund ums Auto um „nur“ 30 Prozent. Hier schlugen die hohen Treibstoffkosten besonders zu: Die Preise für Superbenzin legten um 60 Prozent und Dieselkraftstoff gar um 80 Prozent zu – Letzteres macht auch den Busunternehmen zu schaffen.

Die Preise für den Bahnfernverkehr stiegen um durchschnittlich 38 Prozent.

Zum Vergleich: Die allgemeinen Verbraucherpreise erhöhten sich in den letzten zehn Jahren um gut 18 Prozent. ♦
— Quelle: Statistisches Bundesamt, Meldung vom 11.09.2012

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Piratenpartei und der Nahverkehr: Zu dumm, um wahr zu sein

In der Sendung „ZDF.log in“ vom 18.04.2012 ging es um das Thema „Lassen die Piraten die Grünen als aussehen?“. Im Kern drehte es sich um die Frage, ob die Piratenpartei eigentlich inhaltlich etwas auf die Beine stellen, wollen und können – oder einfach nur beliebt sein möchten. (Ganze Sendung antun.)

Zu Gast war ein offenbar äußerst gelangweilter, desinteressierter Christopher Lauer, als abgesandter der beim Wähler überaus erfolgreichen, neuen Partei. Sein Gegenspieler ist Volker Beck von den Grünen. Ab ungefähr 8 Minuten 30 Sekunden wird es für dieses Blog interessant:

Moderator: Herr Beck, die Piraten schreiben hin, kostenlosen Nah…

Lauer: Fahrscheinlos, fahrscheinlos! Fahrscheinlos, das ist ein ganz großer Unterschied, es kostet immer Geld… Fahrscheinlos…

Moderator: Ah, Fahrscheinlos, aber jeder steigt ein…

Lauer: Jeder steigt ein, aber jeder muss auch bezahlen…

Während Lauer cool und vor Selbstsicherheit fast platzend zum Wasserglas greift, hat der Moderator sichtlich mühe, Fahrscheinlos, jeder darf einsteigen aber jeder muss auch bezahlen, gedanklich unter einen Hut zubekommen. Verständlich.

Volker Beck fragt sich, wie ein hoch verschuldetes Land wie Nordrhein-Westfalen den öffentlichen Nahverkehr denn bitte schön kostenlos kostenpflichtig Fahrscheinlos finanzieren soll. Von irgendwo her muss die Asche ja herkommen. Der Ball liegt nun im Feld von Christopher Lauer.

Moderator: Jetzt möchte ich nur noch ganz kurz geklärt haben, was ist denn der Unterschied zwischen kostenlos und fahrscheinlos. Nur, dass so Leute wie ich das auch kapieren.

Lauer: Ja. Gut. Also. Ähhhm… Kann man sich zum Beispiel den Jahresbericht der BVG [=Berliner Verkehrsbetriebe, ähnlich wie unsere HOCHBAHN] aus dem Jahre 2010 anschauen, haben die… 660 Millionen Euro aus Fahrschein eingenommen… und noch mal so um die 80 Millionen von, äh, ähm dem Land Berlin bekommen, …kann man jetzt zum Beispiel eine Milchmädchenrechnung machen… ja, okay, man nimmt nun diese beiden Summen zusammen, teilt durch 12, teilt das durch 3,5 Millionen Einwohner von Berlin, kommt man auf irgendwas zwischen 20 und 30 Euro, da kann man ja nun natürlich sagen, das ist nicht besonders fair, dann muss jedes Kind, das gerade geboren ist, irgendwie zwischen 20 und 30 Euro für den ÖPNV bezahlen, und dann sind auch noch nicht die Touristen drin, da muss man auch noch überlegen… Die Sache ist nur, mit dem ÖPNV, der wird ja so-oder-so finanziert, über die Fahrscheine, über das ähhhm Geld wasn Land dann zugibt, und, ähm, die Frage ist halt nur, wie legt mans um. Und da sagen wir halt, perspektivisch, auch vor dem Hintergrund, das die Rohstoffpreise eher steigen als fallen, als das sie sinken, muss zum Beispiel eine Stadt wie Berlin eine Stadt werden… Jetzt wird’s wieder zu viel Inhalt?

Moderator: ja, nein, nicht zu viel Inhalt, sondern zu technisch…

Nein, weder noch, zu dumm wird es. Einfach zu dumm.

Das Ganze ist nicht nur eine Milchmädchenrechnung, sondern eine äußerst populistische, naive und völlig falsche Darstellung.

Zunächst einmal: Will man so eine Milchmädchenrechnung einigermaßen realistisch machen, dann kann man nicht nur die Zahlen eines einzelnen Verkehrsunternehmens herausgreifen, auch wenn es das größte ist. Von belang sind die Fahrgeldeinnahmen des jeweiligen Verkehrsverbundes (hier: VBB, Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg). Und dort ist nicht nur die BVG Partner, sondern fluffige 39 weitere Verkehrsunternehmen, darunter die Skandalnudel S-Bahn Berlin. Überdies wird ein größeres Gebiet abgedeckt, als der Stadtstaat Berlin an sich. Der HVV hört ja auch nicht an der Stadtgrenze auf.

Der VBB-Verbundbericht 2010 [PDF] weist Fahrgeldeinnahmen von 1.023 Millionen Euro aus, also gut das doppelte, was Christopher Lauer den Zuschauer weismachen will. Dazu kommen gegebenenfalls die Verlustausgleiche der einzelnen Verkehrsunternehmen als Sahnehäubchen dazu, zuzüglich Bestellerentgelte, zuzüglich Rendite der privaten Betreiber.

Immerhin: Im Verbundgebiet leben, neben 3,432 Millionen Berlinern, noch 2,523 Brandenburger, im Saldo 5,954 Einwohner. Nur kann man den Batzen an Geld nicht einfach auf alle Umlegen, wie Lauer bei seiner Quatschrechnung ja irgendwie schon ahnt. Wer, von diesen 5,954 Millionen Menschen, soll dann zur Kasse gebeten werden? Wie viele sind es? Je kleiner die zahlende Gruppe, desto höher die monatliche Gebühr für den „Fahrscheinlosen ÖPNV“.

Und diese Fragen sind nicht nur lästige Details, sondern dringend notwendige Informationen. Informationen, die sich weder auf der Bundesseite, noch auf der Berliner Landesseite, noch bei den Hamburger Piraten finden – denn Letztere will, das auch der HVV „Fahrscheinlos“ zu benutzen ist.

Mit 20 bis 30 Euro pro Monat wird man jedenfalls nicht auskommen. Letztlich läuft es sowieso darauf hinaus, eine Gebühreneinzugszentrale (GEZ) einzurichten; diesmal nicht für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern für den öffentlichen Personennahverkehr. Ob eine weitere GEZ wirklich so erstrebenswert ist, sei dahingestellt.

Sicherlich kann das Ganze noch damit abgetan werden, dass die Piratenpartei noch jung und neu und naiv ist. Offenbar scheint gerade dieses Kleinkind-Image gut anzukommen beim Wähler.

Auf der anderen Seite sind die Forderungen dieser Partei – zumindest im Bereich Nahverkehr – schlicht nicht umsetzbar, ohne, dass dem Bürger massiv in die Tasche gegriffen wird. Jede andere Partei wird eine derartige Schwindelei vor der Wahl übelgenommen, denn nach der Wahl kann es nicht umgesetzt werden (siehe FDP mit ihren Steuersenkungsplänen).

Ob das nun sympathisch ist oder schlicht populistisch, muss jeder von uns selbst entscheiden. ♦

Aktuelles zum Thema im Internet:

— Foto: Piratenpartei

Kauderwelsch (3): MIV

Stehen den Bussen im weg: MIV (hier: Autofahrer)

» Motorisierter Individualverkehr

Leute, die dem MIV angehören sind eigentlich arm dran: Sie steuern ihr motorisiertes Gefährt noch mühevoll selbst und haben nicht die Vorzüge erkannt, sich bequem und einfach mit dem ÖPNV ans Ziel bringen zu lassen. Dabei verpesten sie die Luft und stehen den Bussen im weg – lassen aber immerhin die Steuerkassen mächtig klingeln.

Insbesondere die Autofahrer haben jedoch eine sehr starke Lobby: Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e.V. „Der ADAC ist einer der einflussreichsten Verbände in Deutschland und einer der größten Lobbyverbände der Welt“, so steht es wunderbar zusammengefasst in der Wikipedia. Busspuren, Ampelvorrangschaltung, Straßen- und Stadtbahnen und überhaupt der ÖPNV gilt als der natürliche Feind des Clubs. Reine Bus & Bahnfahrer sind eben auch keine ADAC-Mitglieder.

Während Straßen- und Autobahnausbau gar nicht opulent genug ausfallen kann, gelten der Bahn-Bau als Geldverschwendung und Straßen- bzw. Stadtbahnen als Verkehrsbehinderung. Wenn schon ÖPNV, dann bitte unter der Erde, damit man es nicht sehen muss. Aufgrund seiner Macht inhalieren Journalisten oft die Positionen des Lobbyvereins – ohne diese kritisch zu hinterfragen. ADAC-Lobbyisten werden gar als „Verkehrsexperten“ bezeichnet und der Club-eigene Pannendienst als „Gelbe Engel“ glorifiziert. Im gleichen Maße wie die Presse agiert auch die Politik, die es praktisch nicht schafft, gegen den populären ADAC an zu regieren.

Entgegen dem MIV hat der ÖPNV keinen ernstzunehmenden Lobbyverband. Diesem Ungleichgewicht ist es zu verdanken, das der Ausbau des Nahverkehrs bestenfalls im Kriechgang stattfindet.

Der MIV ist Teil des Individualverkehrs (IV), welcher Radfahrer und Fußgänger mit einschließt.
— OR; Bild: Kladu (Pixelio.de)

Kauderwelsch (1): ÖPNV

» Öffentlicher Personennahverkehr
Umgangssprachlich wird damit der öffentliche Verkehr (ÖV) gemeint, sprich Bus, S-Bahn, R-Bahn, U-Bahn, Fähren… alles, was man mit einer gewöhnlichen HVV-Karte so nutzen kann. Im „Fachsprech“ wird damit aber oft der reine Busverkehr gemeint. Warum man dann nicht einfach „Busverkehr“ sagt? Gute Frage. Hier im Blog wird die Umgangssprache verwendet.

Kein Bereich des Lebens ohne irgendwelches Fach-chinesisch und Abkürzungen: Das ist selbstverständlich auch im Bereich des Nahverkehrs nicht anders. Auf Rycon werden künftig – in loser Folge – wichtige, allgemeine Begriffe zum Nahverkehr er- und geklärt.

— OR; Bild: Rycon (Ein legales Graffiti an einem HOCHBAHN-Gebäude bei U Billstedt)