Kauderwelsch (10): A-Bahn


Eine kleine Kuriosität stellt die „A-Bahn“ im HVV dar. Diese Produktbezeichnung hat sich nämlich überhaupt nicht eingebürgert und auch in Fachpublikationen taucht die A-Bahn praktisch nicht auf. Meist wird in der Metropolregion, nachvollziehbarerweise, A-Bahn mit AKN gleichgesetzt – das Unternehmen verwendet das A-Zeichen aber weder im Unternehmenslogo noch sonst irgendwo in der Werbung. Das A-Zeichen (siehe rechts) gehört  – wie S- und U-Zeichen auch – zu den Verkehrszeichen. Aber wofür steht denn nun das „A“?
Der HVV erklärt es den Schulkindern [PDF, S.9] so:

Aus Hamburg hinaus – in die Städte Norderstedt, Kaltenkirchen, Bad Bramstedt, Quickborn und Barmstedt in Schleswig-Holstein – fahren die A-Bahnen. Das „A“ steht für „Altona“, dort fuhren diese Bahnen früher los.

A-Bahnen sind Triebwagen, die von Dieselmotoren angetrieben werden. Sie kreuzen öfter eine Straße, es gibt Bahnschranken und Warnblinkanlagen wie bei anderen Eisenbahnen.

Diese Erklärung ist äußerst unbefriedigend. Gut, AKN steht für „Altona-Kaltenkirchen-Neumünster“ und das „A“ umgangssprachlich für AKN. Jedoch bezieht sich das nur auf die ursprüngliche Strecke, letztlich der heutigen A1. Die Linien A2 und A3 fuhren nie von Altona aus los. Die A2 wurde von der Alsternordbahn (ANB) betrieben, die A3 von der Elmshorn-Barmstedt-Oldesloer Eisenbahn (EBO). Erst 1981 verloren ANB und EBO ihre Eigenständigkeit und wurden in die AKN eingegliedert (vgl. AKN-Chronik). Mit Altona hatten die jedenfalls nicht das geringste zu tun.

Erklärungsversuche

Das Hamburger Schnellbahnkonzept sieht vor, das alle Schnellbahnen durch den Hauptbahnhof führen. Das ist einfach zu merken, denn egal, in welche U- oder S-Bahn-Linie man einsteigt, irgendwann kommt man am Hauptbahnhof an. Das ist bei uns eine Art Produkteigenschaft (historisch gesehen gab es allerdings gerade bei der S-Bahn Abweichungen von dieser Regel). Es gibt nur eine, noch heute gültige Ausnahme: die A-Bahn. Zwar zählt auch sie zu den Schnellbahnen, stellt aber lediglich einen Anschluss her; in Eidelstedt an die S3 und S21, sowie in Norderstedt-Mitte an die U1. Folglich könnte man das „A“ nicht mit „Altona“, sondern mit „Anschluss“ übersetzen – also eine Anschluss-Bahn.
Zugegeben, das ist etwas weit hergeholt. Aber „Altona“ doch auch.
(Der Begriff „Anschlussbahn“ ist im Eisenbahnerdeutsch allerdings bereits vergriffen.)

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass es im Münchner Verkehrsverbund noch eine A-Bahn gibt, die natürlich nicht nach Altona benannt wurde, sondern mutmaßlich nach Altomünster (vgl. MVV-Schnellbahnplan).

Unterm Strich aber ist und bleibt die A-Bahn, in dieser Form mit ihren drei Linien, eine Hamburger Besonderheit – was ja auch ganz schön ist.

Die AKN besitzt ihr eigenes Schienennetz und verwendet gerne Y-Stahlschwellen

Das System

Da es keine A-Bahnen an sich gibt, gibt’s auch keine allgemeingültige, greifbare Produktbeschreibung dieser „Nebenbahn“. Unsere A-Bahn ist eine Art Zwitter aus U- und S-Bahn. Von der Höchstgeschwindigkeit her fast eine S-Bahn, beide schaffen 100 km/h, jedenfalls die neueren AKN-Triebzüge. Fahrplanmäßig liegt die Höchstgeschwindigkeit bei der A-Bahn allerdings – aus Rücksicht auf die älteren Fahrzeuge – bei 80 km/h. Die Kapazität liegt irgendwo bei den älteren U-Bahnzügen. Abweichend von beiden ist aber der höllisch laute Dieselmotor und der höllisch angenehme Sitzkomfort, bei dem schon Sofa-Feeling aufkommt.

Die AKN ist, wie die S-Bahn und anders als die U-Bahn, ein „richtiges“ Eisenbahnunternehmen, wobei nicht nur der Verkehr gestemmt wird, sondern auch die Infrastruktur – inklusive der Bahnhöfe – dem Unternehmen gehört (mit Ausnahme der A2-Strecke, welche 1992 der Verkehrsgesellschaft Norderstedt, VGN, vermacht wurde).

Eigenschaften

Eigentlich hätte man es Ü-Bahn taufen sollen, denn was auf der Straße der Überlandbus, ist hier die Überlandbahn. Auch vom Bedienungsgebiet kommt das in etwa hin, denn es werden nur ein paar „größere Städtchen“ angefahren, ansonsten geht es bei den Strecken doch ziemlich ländlich zu.

Der Bahnhof Kaltenkirchen ist äußerst modern und schick gehalten. 41,1 Mio. Euro butterte die AKN in die neue Bahnanlage, finanziert durch die öffentliche Hand und durch Grundstücksverkäufe. Vielleicht hätte es auch eine Spur bescheidener ausfallen können.

Die A-Bahn zählt zu den zuverlässigsten und saubersten Verkehrsmitteln in Hamburg. Und, was für viele überraschend sein dürfte, zu den schnellsten: Die mittlere Reisegeschwindigkeit der A1 ist mit 43,5 km/h (Stand: 2001) enorm hoch, nur die S3 (respektive S31) ist mit 47,3 km/h (46,2 km/h) schneller. Wer hätte das gedacht?
Die Pünktlichkeitswerte der Linien A1 und A3 betragen phänomenale 98,2% – das schafft nicht einmal die U-Bahn. Sowohl Zustand als auch Ausstattung der Haltestellen gilt als vorbildlich, die Fahrgastinformation im Regelfall ebenso; moderne Zugzielanzeiger gehören schon lange zum Standard, Info-/Notrufsäulen sind auch vorhanden. Die AKN-Werkstatt ist modern ausgestattet, selbst die S-Bahn schickt ab und an mal ihre Triebzüge vorbei. Zudem setzt die AKN seit Jahren auf ein einheitliches, konsequentes Erscheinungsbild (Corporate Design) und fummelt nicht ständig am Logo herum.
Alles in allem steht die A-Bahn ihren vermeintlichen großen Bruder (S-Bahn) und Schwester (U-Bahn) in keinster Weise nach.

Zukunftsaussichten

Doch trotz aller Erfolge ist die mittel- bis langfristige Zukunft der A-Bahn ungewiss. Immer wieder werden Forderungen laut, die S-Bahn bis Kaltenkirchen zu verlängern und am besten die U1 bis Ulzburg-Süd gleich dazu. Das wäre praktisch das Aus der A-Bahn – denn die verbleibende Linie A3 (Elmshorn → Henstedt-Ulzburg) hat kaum Fahrgäste, die lebt eigentlich nur noch aufgrund des Engagements der AKN.

Aufgrund der älteren Triebzüge, dem VT E (hier im Bild), beträgt die planmäßige Höchstgeschwindigkeit 80 km/h. Dieser Typ hat gut 33 Jahre auf den Buckel und ist damit im besten Alter. Die Fahrzeuge wurden laufend modernisiert, sind äußers zuverlässig und gelten als gut gepflegt.

Die A-Bahn-Gegner führen im Kern drei Argumente ins Feld: Zum ersten seien die Züge nicht barrierefrei zu betreten. Das stimmt: Es gilt eine Stufe zu erklimmen.
Zweitens: Die A-Bahn sei zu langsam, was – geht man nach den Zahlen, siehe oben – schlicht falsch ist. Aber es gäbe noch potenzial. Die Streckenhöchstgeschwindigkeit der A1 beträgt 100 km/h, die neueren Triebwagen können auch so schnell laufen, wie eine S-Bahn, aber eben nicht die älteren. Gebt der AKN neue Triebwagen und die A1 wäre wohl die schnellste aller Schnellbahnlinien (und das Problem mit der Stufe wäre auch erledigt).
Drittens: Man ist gezwungen, in Eidelstedt in die S-Bahn umzusteigen, um zum Hauptbahnhof zu fahren. Das wird man nicht ändern können, einzig die Umsteigesituation in Eidelstedt könnte angenehmer gestaltet sein – analog zum Bahnhof Norderstedt-Mitte, dem Rolls-Royce unter den Umsteigeanlagen. Durchfahrten der A-Bahn haben sich weder wirtschaftlich noch verkehrstechnisch wirklich gelohnt, ein entsprechendes Experiment wurde zum letzten Fahrplanwechsel eingestellt.

Alle Stationen wurden saniert und präsentieren sich in einem einheitlichen Erscheinungsbild.

Der Wunsch vieler, die S-Bahn bis Kaltenkirchen fahrenzulassen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Man fordert, die saubere, pünktliche und zuverlässige A-Bahn gegen eine – vieler Meinungen nach – schmutzige, unpünktliche und unzuverlässige S-Bahn auszutauschen.

Und doch gibt es ein gutes Argument gegen die A-Bahn – sie leidet an andauernder Erfolglosigkeit. Im Korridor Kaltenkirchen → Hamburg, also der Linie A1, nutzen werktäglich 9.000 Menschen die Züge; über 100.000 Leute dagegen das Auto (Quelle: „Drei-Achsen-Konzept“). Das ergibt einen Marktanteil (respektive Modal Split) von traurigen 9 %, ein wirklich bitteres Ergebnis. Das Unternehmen AKN beförderte 2008, laut Hamburger Beteiligungsbericht, 10,1 Millionen Menschen. Das klingt viel, ist für ein Eisenbahnunternehmen aber keine berauschend gute Zahl, die aber zeigt, dass die hohe Qualität von den Fahrgästen nicht honoriert wird.

Daher ist es auch kein Wunder, das das Unternehmen seit Jahr und Tag hohe Verluste einfährt; so können die Betriebskosten nur um etwas mehr als die Hälfte selbst gedeckt werden. Das alles macht die Zukunft der A-Bahn, in ihrer jetzigen Form, mehr als ungewiss.

Abweichend von der Umgangssprache wird hier im Blog der Begriff A-Bahn regulär verwendet. Wenn das Verkehrsunternehmen AKN gemeint ist, wird auch AKN geschrieben.
— OR; Bilder: Rycon

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5 responses to this post.

  1. Posted by GeDanke on 12.02.2010 at 20.17

    Eine Besonderheit ist auch die Ansage, wenn man mit dem Bus (281,284,185,…) die (neue) Haltestelle Eidelstedt Zentrum anfährt. „Nächste Haltestelle Eidelstedt Zentrum. Übergang zur A1 “ . A1 ? Autobahn 1 ?
    Ich finde es ist eine gute Angabe, und könnte auch mal auf den Bushaltestellenschildern stehen.
    Während man im Stadtgebiet nur hört „Übergang zur S- oder U-Bahn“ Man (Fremder) fragt sich dann immer welche Bahn?

  2. Posted by Fritz Meier on 18.02.2010 at 00.01

    Eine nette Zusammenfassung. Aber einige Anmerkungen:

    1. Die Pünktlichkeit ist wirklich phänomenal. Aber, wie Du schon schreibst, ist die AKN eine „Anschluss“-Bahn. Die AKN fährt pünktlich, doch nützt das wenig, wenn die S-Bahn verspätet ist.
    2. Der Geschwindigkeitsvergleich ist irreführend. Denn: Kaum ein Verkehr findet nur auf der A1 statt, ganz im Gegenteil zur S3. Die A1 ist Zubringer zur S-Bahn. Man muss fairerweise die Durchschnittsgeschwindigkeit aus der Innenstadt bis Kaltenkirchen rechnen, inklusive der Umsteigezeit. Das sind 63 Minuten für knapp 40 Strecken-Kilometer. Ergibt: etwa 38 km/h. Schlecht!3.
    3. Der Umsteigezwang ist der Killer der AKN. Wenn Norderstedt Mitte der „Rolls Roys“ unter den Umsteigebahnhöfen ist, dann ist für Eidelstedt der Titel „Trabbi“ eine maßlose Untertreibung. Auf diesem Bahnhof zieht es extrem und es gibt keinen vernünftigen Warteraum. Die Station liegt mitten im Nichts und wer dort „strandet“, übrigens fahrplanmäßig selbst zur HVZ mit 8 Minuten Übergangszeit, kann nichts sinnvolles erledigen. Es gibt keinen Supermarkt, keine Post, keine Bank, keinen Schnellimbiss in fußläufiger Entfernung. Einfach nichts! Bei Verspätung der AKN oder der S-Bahn steht man schnell 20 Minuten in der Eidelstedter Wind-Ödnis.

  3. Posted by Rycon on 18.02.2010 at 22.09

    Hallo,

    zu Punkt 1 & 2: Die Wechselwirkungen zwischen A- und S-Bahn habe ich in den Beitrag nur tangieren können, weil das Thema sonst ausgeufert wäre. Die Probleme, die die S-Bahn hat, kann man nicht – finde ich – der A-Bahn (bzw. AKN) ankreiden.

    3. Für die grausige Umsteigesituation in Eidelstedt gilt dasselbe, da hier die A-Bahn nur hält – die Anlage gehört zur DB Station&Service (bzw. DB Netze, wenn man die Gleise dazu nimmt). In einem Artikel, in dem es um die A-Bahn geht, kann man fairerweise nur die Anlagen besprechen, für die die AKN auch verantwortlich ist.

    Das soll keine Kritik bzw. Widerspruch gegen deine Anmerkungen sein, denn sie treffen den Nagel auf den Kopf. Aber es ist ein eigener Themenkomplex, an dem die A-Bahn für sich genommen nur mittelbar beteiligt ist.

    Viele Grüße!
    — OR

  4. Posted by Fritz Meier on 19.02.2010 at 16.55

    Nein, die Probleme der S-Bahn kann man nicht der AKN ankreiden. Das interessiert die Nutzer der A-Linien aber nicht, denn diese stehen dann in Eidelstedt oder am Abgangsbahnhof und warten. Die schlechten Nutzungszahlen der AKN (in Relation zu den anderen beiden Achsen) haben ihre Gründe.

    Es führt mittelfristig kein Weg an einer Durchbindung der S-Bahn nach Kaltenkirchen vorbei. Alles andere ist nur Flickwerk. Die Nachfrage für eine Verlängerung der S21 wäre da. Schnelsen, Eidelstedt, Quickborn, Henstedt-Ulzburg, Kaltenkirchen plus die weiteren Dörfer im Einzugsbereich haben ingesamt über 100.000 Einwohner. Allesamt nach Hamburg ausgerichtet. Welches Verkehrspotential da liegt, lässt sich jeden Morgen auf der A7 bewundern.

  5. Posted by Christian Schmidt on 14.09.2012 at 15.32

    Das stimmt doch garnicht. Das ‚A‘ wurde eingefuehrt um klar zu stellen das Hamburg von allen damaligen deutschen Millionenstaedten am naechsten zu den USA lag. Seit dem steht auf dem Schnellbahnplan oben rechts ‚USA‘.

    Da Berlin in den 80ern von allen deutschen Millionenstaedten am naechsten bei der Sowietunion lag, stand auf berliner Schnellbahnplaenen oben rechts ‚SU‘.

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