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Reaktionen zu den mutmaßlichen Stadtbahnkosten

Gestern veröffentlichte das „Hamburger Abendblatt“ eine Kostenprognose zur geplanten Stadtbahn, die man in Erfahrung gebracht haben will. Nach Angaben der Presse wurden die Kostenschätzungen der HOCHBAHN an die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) weitergereicht. Entweder hat jemand der Beteiligten der Presse die Infos unter der Hand gegeben oder sie wurden bewusst lanciert. Die Angaben dürften jedenfalls korrekt sein und sind stimmig (mehr zu den Kosten demnächst auf Rycon).

Damit tritt nun der umstrittene Ausbau des innerstädtischen Nahverkehrs in die heiße Phase. Die Reaktionen folgten prompt und kamen wie aus der Pistole geschossen. Ein kleiner, kommentierter Überblick.

Reaktionen der Presse

„Bild“-Zeitung schreibt unter der Überschrift „Stadt Pleite! Stadtbahn rechnet sich frühestens in 15 Jahren“:

Der Bund soll 60 Prozent der Kosten tragen. Aber Hamburg hat noch gar keinen Antrag gestellt! […] Jetzt rechnen die Experten in der Stadtentwicklungsbehörde noch mal nach. Mit Ergebnissen rechnen sie erst nach (!) Abschluss der Senatssparklausur.

Wieso Hamburg schon jetzt einen Antrag stellen soll, wo doch die Behörde erst einmal selbst die Kosten durchrechnen will… ach, Logik und „Bild“-Zeitung. Immerhin verkündet man, dass sich die Stadtbahn in 15 Jahren (frühstens) rechnen wird. Zum Glück wissen die nicht, welch Defizite der Busverkehr einfährt. Wenigstens ist man konsequent: Auch von Investitionen für mehr Bildung hält man wenig.

Die „Hamburger Morgenpost“ hält sich zurück und erwähnt die Stadtbahn nur unter dem allgemeinen Artikel „So hart trifft uns der Sparhammer“ sowie in einer Bildergalerie, die ohne Bilder auskommt. Da heißt es:

„Es kann und darf keine heiligen Kühe geben“, so der CDU-Finanzexperte Thies Goldberg zur MOPO. GALier Kerstan widerspricht indirekt: „Der Verzicht auf Investitionen bringt nur einen einmaligen Spareffekt.“

Im „Hamburger Abendblatt“ wird darüber berichtet, dass sich die CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT) – wenig überraschend – dagegen ausspricht:

„Der Senat sollte zurzeit auf ein Großprojekt wie die Stadtbahn, das unabsehbare Folgekosten nach sich zieht, verzichten“, sagte Volker Ernst, stellvertretender MIT-Vorsitzender.“

Was mit „unabsehbaren Folgekosten“ gemeint sein soll, dafür war leider kein Platz. Wäre sonst auch zu hintergründig geworden.

Interessant ist da noch der „Abendblatt“-Artikel von gestern, der mit einer Umfrage garniert wurde. Von 4110 Klicks sind 48 % Ja und 52 % Nein-Stimmen. Ein ziemlich knappes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass der Leser im Artikel regelrecht geimpft wird, das Thema als zu überteuert abzulehnen. Die Leserkommentare sind nicht mehr auf der Seite zu finden. Die Kommentarfunktion wurde ohne Angaben von Gründen deaktiviert.

Letzter im Bunde ist die „taz“, welche die Stadtbahn sogar günstig findet:

Mit rund 18 Millionen Euro pro Kilometer bewegt sich das Projekt somit im Rahmen der bisherigen Schätzungen von 15 bis 20 Millionen Euro. Ein Kilometer U 4 in die Hafencity schlägt hingegen mit etwa 75 Millionen Euro zu Buche, die drei unterirdischen S-Bahn-Kilometer von Ohlsdorf zum Flughafen Fuhlsbüttel kosteten mit 280 Millionen Euro sogar noch mehr.

Die „taz“ ist die einzige Zeitung, die sich die Mühe macht, die Kosten im Kontext zu anderen Nahverkehrsinvestitionen zu stellen. Im Gegensatz zur dramatisierten Berichterstattung der anderen Blätter bleibt man regelrecht cool.

Reaktionen von Parteien und Verbänden

Was die „Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU Landesverband Hamburg“ von dem Ganzen hält, weiß man aus dem „Abendblatt“. Leider auch nur aus dem „Abendblatt“, denn zurzeit (15.25 Uhr) kann man kein PDF runterladen und die Rubrik Presse verwöhnt einen mit der Meldung:

Leider ist die Datenbank derzeit gestört.
Wir arbeiten an der Behebung des Fehlers

Gestört ist das Verhältnis vieler Hamburger zur FDP, denn die ist bei uns bedeutungslos. Auf den eigenen Seiten hat man noch nicht gegen die Stadtbahn gewettert, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das nachgeholt wird.

Der ADAC hüllt sich auf der ihrer Homepage stets in Schweigen zu den eigenen Positionen in der Verkehrspolitik. Wozu sich auch abplagen, wo man bei der Presse stets ein offenes, kritikfreies Ohr findet. Dort wurde der ADAC allerdings noch nicht zitiert, was offenbar daran liegt, dass der „Bund der Steuerzahler“ (BdSt) diesen Part übernommen hat.

Eine aktuelle Stellungnahme lässt sich auf deren Website nicht finden, wozu auch, siehe linken Ausriss. Außerdem hat man sich ja schon gegenüber der Presse entsprechend geäußert. Wirklich arrogant ist der Untertitel der „Notbremse“: „Eine Initiative der Hamburger Steuerzahler“. Entschuldigung, aber dieser Verein spricht ganz sicher nicht für alle Hamburger Steuerzahler. Die Einbildungskraft dieses Vereins muss grenzenlos sein. Vermutlich ist man noch ganz hin und weg vom „Glückwunsch zum Richtfest“ der Elbphilharmonie. Untertitel: „Steuerzahlerbund kritisiert schlechten Stil der SPD“, weil die sich nämlich erdreistet, per Untersuchungsausschuss der Frage nachzugehen, wo die ganzen Steuermillionen beim Bau verjubelt wurden.

Ein äußerst komischer Verein.
— OR

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(k)eine Zukunft für die AKN?

127 Jahre hat sie auf dem Buckel, die AKN. Trotzte zwei Kriegen, sämtlicher Wirtschaftskrisen und hat es irgendwie geschafft, Reichsbahn, Bundesbahn und schließlich Deutsche Bahn AG zu entrinnen. Auch den Gelüsten der Hamburger Hochbahn widersetzte sie sich, erfolgreich.

Dieses kleine, freche Ding.

Den 150. Geburtstag dürfte sie aber wohl – als Verkehrsunternehmen – nicht mehr erleben, denn fleißig wird das Grab ausgehoben. AKN-Chef Klaus Franke, 66, höchstselbst bastelt am Kranz, die Blumen bestellt S-Bahn-Boss Kay Uwe Arnecke. Wenn die AKN schon zur Disposition steht, dann soll sie bloß nicht in die Hände der HOCHBAHN fallen, die auch gern am Grab schaufeln würde, aber nicht so richtig darf. Zustimmend nicken die Fahrgäste und verweisen auf die Erfolglosigkeit der A-Bahn; eine S-Bahn wäre doch soviel besser.

Zur Erinnerung: Man will unbedingt eine S-Bahn haben, die ständig in Eidelstedt zu spät eintrudelt und so verhindert, dass man in die pünktliche A-Bahn umsteigen kann. Immerhin soll die S-Bahn schneller sein. Dann kommt man wenigstens schneller zu spät.

Franke gibt noch einmal den AKN-Chef, weil sich kein anderer finden ließ. So opfert er sich noch für ein weiteres Jahr, vielleicht, wenn die herbeigerufenen Headhunter nicht doch noch jemanden aufgabeln. Bis dahin arbeitet er daran, dass das von ihm geführte Unternehmen möglichst das tut, was auch er gerne möchte: In Rente gehen. Irritierend ist das schon.

Irritierend sind auch seine Aussagen gegenüber dem „Abendblatt“:

AKN-Chef Klaus Franke selbst hatte kurz nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr eine S-Bahn nach Kaltenkirchen ins Gespräch gebracht und angemahnt, dass seine betagten Dieseltriebwagen nur noch bis zum Jahr 2017 durchhalten.

Man kann nur hoffen, das er nicht diese Formulierung verwendete. So entsteht der Eindruck, die „betagten“ Dieseltriebwagen würden jeden Moment auseinanderfallen, was nun wirklicher Quatsch ist. Triebwagen sind für eine lange Lebensdauer ausgelegt, schließlich sind sie auch sauteuer. Anders, als immer wieder dargestellt wird, haben die nicht wie eine Milchtüte ein Verfallsdatum. Da kann Franke übrigens seinen neuen Kumpel von der S-Bahn fragen. Die hatten keine Scham ihre alten Züge, Baujahr ab 1939, bis 2001 rumrattern zu lassen. Da liegen 71 62 lange Jahre zwischen. Die ältesten AKN-Triebwagen sind 33 Jahre alt, was dagegen noch jugendlich-frisch wirkt.

Mit der S-Bahn verspricht man sich eine Verdoppelung der Beförderungsfälle auf 10.000 pro Tag, was Pi-Mal-Daumen 5.000 Fahrgästen (Kunden) entspricht. Für diese 5.000 People will man 100 Millionen Euro lockermachen, 200.000 Euro pro Nase, damit diese nicht mehr mit einer 20 Zentimeter hohen Stufe behelligt und mit der Umsteigesituation in Eidelstedt konfrontiert sind; Letztere ist, wie gesagt, deshalb so mies, weil die S-Bahn zuverlässig unzuverlässig ist.

Wiederum basierend auf Franke schreibt das „Abendblatt“:

Abgesehen davon wäre schon heute der Bahnsteig in Eidelstedt 20 Zentimeter zu hoch für neue Dieseltriebwagen. Fahrgäste würden in den Zug stolpern.

Ja, der Bahnhof Eidelstedt ist voller Menschen, die stolpernd sich alle Knochen gebrochen haben. (Wieso werden Fahrgäste eigentlich immer als gehirn- und beinamputiert hingestellt, die zu doof sind, eine 20-Zentimeter-Stufe ohne Hilfe der Feuerwehr zu erklimmen?)
Jedenfalls fiele die Stufe in Eidelstedt weg,  dafür taucht genau diese Stufe an den nächsten 14 Stationen wieder auf. Um die A1 S-Bahn kompatibel zu machen, müssen ja nicht nur die Bahnsteige verlängert, sondern auch erhöht werden. Macht man das nicht, wäre die stufenfreie Welt nicht erreicht. Dann kann man sich das ja auch gleich schenken.

In einem anderen „Abendblatt“-Artikel steht:

Noch vor Jahresfrist habe seine Eisenbahngesellschaft Altona-Kaltenkirchen-Neumünster (AKN) noch vor dem Aus gestanden, berichtete Franke. Das Land Schleswig-Holstein wollte uns loswerden. Ein Verkauf der Anteile der defizitären Bahn war in den Entscheidungsgremien das Thema Nummer eins. Doch dann begann plötzlich ein Umdenkungsprozess, erinnert sich Franke. Das Achsenkonzept wurde aus der Schublade geholt und die AKN hatte wieder eine Zukunft.

Die „Zukunft“ besteht darin, dass man nicht aufgekauft und dann abgemurkst wird, sondern dass man lieber Selbstmord begeht. Bestechende Logik, die im übrigen höchstwahrscheinlich nicht stimmt. Kiel hatte zwar versucht die AKN loszuwerden, aber es gab schlicht keinen Käufer, jedenfalls nicht zu annehmbaren Konditionen. Das schreibt der Landesrechnungshof [PDF, S.37]:

Das Finanzministerium hält den Verkauf des schleswig-holsteinischen Minderheitsanteils „am Markt“ nicht mehr für sinnvoll. Ein nennenswerter Verkaufserlös sei nicht zu erwarten. Daher stünden das Finanz- und auch das Verkehrsministerium einer Zusammenarbeit mit der HHA aufgeschlossen gegenüber.

Das „Achsenkonzept“ wurde erst danach ausgebuddelt und von den Spinnengeweben befreit.

Nun kann es wieder eingebuddelt werden, denn die Kieler Regierungspartei FDP plant im Zuge eines von ihr ausgedachten Sparkatalogs [PDF, S. 33] nun doch den Verkauf der AKN:

Es wird ein Verkehrsvertrag und eine Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung zur Wahrung der verkehrs- und finanzpolitischen Interessen abgeschlossen. Auf diese Weise kann zum einen Kosten- und Leistungstransparenz für die Verwendung von öffentlichen Mitteln geschaffen und zum zweiten der Zuschussbedarf zum Ausgleich des gegenwärtigen jährlichen Defizits der AKN Eisenbahn AG begrenzt werden.

Anschließend sind die Anteile des Landes Schleswig-Holstein an der Gesellschaft zu veräußern.

Sollten Sie also ein paar Piepen übrig haben und ein traditionsreiches Eisenbahnunternehmen ihr Eigen nennen wollen, schauen Sie sich doch mal die AKN an.

Und bringen Sie bitte einen neuen Chef mit.
— OR; Foto: Rycon.

Die Krise, der Haushalt und das liebe Geld

Standpunkt | Hier im Blog hat ein Leser in einem Kommentar eine Reihe an Gegenargumente zur Stadtbahn gebracht. Er hat damit das aufgeschrieben, was man auch anderswo liest und hört. Im Beitrag „Die Kosten und die Stadtbahn“ ging es darum, Infrastrukturkosten der Stadtbahn mit anderen Verkehrsmitteln in ein Kontext zu stellen und aufzuzählen, was man alles für dieses Geld als Gegenleistung erwarten darf. Aber so gut die Stadtbahn im Verhältnis abschneidet – der Leser hat ja Recht, Geld kostet sie trotzdem.

Die Krise

Besser wäre hier die Mehrzahl: die Krisen. Die Wahrheit ist doch, dass wir von einer Wirtschaftskrise in die nächste dribbeln. Zuerst war es in diesem Jahrtausend die „dot com“-Blase, die platzte, dann der 11. September, zwischen durch mal die ein- oder andere Ölkrise, der Irak-Krieg, der Afghanistan-Krieg und weiß der Himmel welche Wirtschaftskrisen noch.
Seit zwei Jahren erleben wie eine Hypothekenkrise, die sich zur Finanzkrise mauserte um schließlich in eine Weltwirtschaftskrise (vorläufig) zu enden.

Wir Deutschen gelten – nicht zu unrecht – als ein Volk von Bedenkenträgern, Zauderern und Miesmachern. Das Glas ist stets halbleer, nie halbvoll. Als die internationale Finanzkrise Europa erreichte, waren ausgerechnet wir ungewöhnlich gelassen. Warum? Vielleicht einfach deshalb, weil man „Krise“ nicht mehr hören kann. Bei diesem Wörtchen ist man inzwischen abgestumpft und gleichgültig. Egal, wann man die Tagesschau einschaltet: Irgendeine Wirtschaftskrise ist immer.

Und seien wir ehrlich: Wir alle wissen doch, dass die nächste Wirtschaftskrise ins Haus steht. Welche das sein wird? Wer weiß? Vielleicht sind die Rohstoffpreise zu hoch – oder zu niedrig. Vielleicht ist der Euro zu stark – oder doch zu schwach? Möglicherweise schaffen es ja die überbezahlten Finanzparasiten, ganze Länder in Grund und Boden zu spekulieren? Eventuell fällt in China aber auch nur ein Sack Reis um, was zu (noch) einer Asienkrise führt. Irgendeine Blase wird schon platzen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Unterm Strich lässt sich als Argument gegen ein Nahverkehrsprojekt jedes Jahr irgendeine Krise anführen. Wenn man aufgrund einer Wirtschaftskrise die Stadtentwicklung einstellen würde, hätte sich in Hamburg (und anderswo) seit 1973 (erste Ölkrise) nix mehr getan.

Und abgesehen davon: Gerade Wirtschaftskrisen werden mit Investitionen bekämpft, um Arbeitsplätze halten zu können und den Betrieben mit Aufträgen das überleben zu ermöglichen. Die Konjunkturpakete I & II der Bundesregierung sind nichts anderes als Investitionstöpfe, wobei auch in Verkehrsinfrastuktur investiert wird. Damit kann doch aber nicht ausschließlich der Autoverkehr gemeint sein. Letztendlich kann man also sagen, dass eine Stadtbahn nicht trotz der Krise eine gute Idee ist, sondern gerade wegen der Krise. Hier sind die zur Krisenbekämpfung nötigen Investitionen gut angelegt, denn man hat hier für Jahrzehnte und für viele Menschen etwas errichtet. Im besten Sinne also eine nachhaltige Krisenbekämpfung.

Der Haushalt

Hamburg ist pleite – und das schon seit 30 Jahren.
Trotzdem wurde für über eine halbe Milliarde Euro eine vierte Elbtunnelröhre gebuddelt und für noch mehr Geld wurden die drei anderen saniert. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen hat niemand ernsthaft diese Investition in abrede gestellt. Jeder, der mit dem Auto – oder dem Bus – diese Strecke befährt, weiß, was für ein Nadelöhr das ist. Dafür hat man – Krise hin, Haushaltsloch her – die Kohle lockergemacht.

Für die 8 Kilometer kurze Hafenquerspange schätzt man die Kosten so irgendwo bei um die eine Milliarde Euro. Die, auf Haushaltskonsolidierung angeblich so bedachte, FDP würde die 1.000 Millionen Euro lieber heute als morgen ausgeben, denn man forderte schon im Wahlprogramm 2003 [PDF, S. 10]

den schnellstmöglichen Bau der Hafenquerspange

Das Massentransportmittel Stadtbahn (das im Vergleich geradezu ein Schnäppchen ist und im ersten Abschnitt eines der ärmsten Stadtteile anbinden soll), verhöhnt die FDP dagegen als „Luxustram“.

Die Herrschaften vom ADAC, die auch aufgrund der angeblich zu hohen Kosten gegen die Stadtbahn wettern, verlieren schnell ihren Sinn für Sparsamkeit, wenn es um frisch asphaltierte Autobahnen geht. Bei den gelben Lobbyisten sind die 1.000 Millionen Euro für die Hafenquerspange nur schmückendes Beiwerk, es darf schon etwas Opulenter ausfallen. Denn der ADAC fordert „seit Jahrzenten“ einen

leistungsfähigrer [sic] Autobahnring bestehend aus A1, A7, A20 und Hafenquerspange

Nanu, wo sind denn auf einmal all die Wirtschaftskrisen und Haushaltslöcher hin? Haben sie sich in Luft aufgelöst? Denn offenkundig würde man das Geld, das angeblich ja gar nicht da ist, am liebsten mit beiden Händen ausgeben und beim Autobahnbau darf es gerne eine Schippe mehr sein. Sobald es um den quantativen und qualitativen Ausbau des Nahverkehrs geht, sind all die schlimmen Haushaltlöcher und Krisen wieder da, wie aus dem Nichts.

Natürlich, die Hafenquerspange hat auch ihre verkehrliche Bedeutung und vielleicht ja auch eine gewisse Dringlichkeit. Aber es ist doch auffallend, ein (wie gesagt: vergleichsweise billiges) Nahverkehrsprojekt wie die Stadtbahn unter dem Verweis auf Krisen und Haushaltslöcher abzulehnen, gleichzeitig aber Milliarden für andere Verkehrsprojekte aus dem Ärmel schütteln zu wollen.

Das liebe Geld

Die Stadtbahn wird zu einem guten Teil durch Bundesmittel finanziert, was letztlich vom Steuerzahler kommt. Da hört und liest man schnell die entsprechenden Argumente. Nun, es ist sicher ehrenvoll, das der Hamburger sich Gedanken um den Bundeshaushalt macht. Städte wie München, Berlin, Bremen, Köln, und, und, und haben da deutlich weniger Bedenken und greifen beherzt zu.

Kaffeesteuer, Branntweinsteuer, Schaumweinsteuer, Nikotinsteuer, Versicherungssteuer, Umsatzsteuer (auf Nahverkehrsfahrkarten wird 7 % erhoben), Sprit- und Ökosteuer (die Hamburger Verkehrsunternehmen müssen die wie alle anderen auch bezahlen) und so weiter landen alle im Staatssäckel. Es ist kein Verbrechen oder unanständig, sich einen Teil der hier generierten Steuern wieder zurück in die Stadt zu holen.

Nur keine falsche Bescheidenheit.
— OR

Kurzmeldungen (3)

Veranstaltung | Die „MSC Magnifica“ – ein Hochhausblock auf einem Rumpf, dass man mit einem Schiff verwechseln könnte – besucht Hamburg von Freitag 05.03. bis Sonntag 07.03.2010. Alle drei U-Bahn-Linien sowie die S1 und S3 sollen als Vollzüge verkehren, die U3 wird bis 0.30 Uhr alle 5 Minuten fahren. +++

Saubermachen | Schnee, Matsch und Salz haben Busse und Bahnen ziemlich verdreckt. Bei Minusgraden können die Waschanlagen nicht eingesetzt werden, da die Fahrzeuge feucht aus der Waschanlage kommen und folglich die Türen vereisen. Bei vielen Unternehmen laufen die Waschbürsten nun auf Hochtouren. Bei der Hamburger U-Bahn wird übrigens – neben der maschinellen Wäsche – auch Hand angelegt. Künftig soll jeder U-Bahnwagen zweimal (statt bisher einmal) im Jahr diese aufwendige Handwäsche erhalten, damit die Züge auch in den letzten Ritzen blitzeblank sind. +++

Zu teuer | Der niedersächsische Landkreis Rotenburg (Wümme) lehnt es vorerst ab, in den HVV – bzw. HVV-Tarif – einzusteigen, berichtet die „Kreiszeitung“. Grund hierfür sind die hohen Kosten, die sich durch den Ausgleich der Einnahmeverluste ergeben. Allein die metronom-Strecke Bremen ↔ Hamburg würde jährlich 642.000 Euro kosten. +++

S-Bahn-Spange“ | Der FDP-Bezirksverband Eimsbüttel brachte laut „MOPO“ den Antrag in die Bezirksversammlung ein, die „nördliche Umgehungsbahn“ zum Großteil für eine „S-Bahn-Spange“ herzurichten. Man meint die eingleisige Güterumgehungsbahn (GUB), die – man ahnt es schon – vornehmlich für Güterzüge genutzt wird. Die Strecke ist hierfür praktisch unverzichtbar, da Güterzüge so nicht über den Hauptbahnhof und der Verbindungsbahn (Dammtor) geleitet werden müssen, da diese Strecke hoffnungslos ausgelastet ist. Der Vorschlag ist damit schon im Grundsatz hanebüchen. Aber Hauptsache, die FDP hat sich mal wieder zum Thema Nahverkehr gemeldet. +++

Vorgezogen | Um Anschlüsse an die S3/S31 in Wilhelmsburg halten zu können, wird der Fahrplan der StadtBus-Linie 156 vom 08.03.2010 bis etwa Mitte Oktober um 10 Minuten vorgezogen. Grund hierfür sind Sielbauarbeiten in Wilhelmsburg, die eine zeitraubende Umleitung erforderlich machen. Die Haltestelle Industriestraße kann während der Arbeiten nicht bedient werden. Weitere Infos, auch über die genaue Verlegung der Streckenführung, gibt’s auf der HOCHBAHN-Website. +++

S1-Sperrung | Die Haltestelle Hochkamp, zwischen klein Flottbek und Blankenese gelegen, wird behindertengerecht ausgebaut. Im Zuge dessen soll eine Einhausung abgerissen werden. Hierfür werden beide Gleise von Samstag (1.00 Uhr) bis Montag (4.00) gesperrt und die planmäßigen Züge durch Busse ersetzt. In Blankenese sollen die Züge aus Richtung Wedel auf Gleis 3 einrollen. [Weitere Infos: PDF]+++

Fraglich | Für den kommenden Sonntag wurde eine Gleissperrung zwischen Volksdorf und Ohlstedt (U1) terminiert, jedoch findet sich hierfür keine Meldung beim HVV. Geplant war ein U-Bahn-Pendelverkehr, der Richtung Innenstand nach dem normalen Fahrplan verkehren sollte. Stadtauswärts sollte auf die Minuten 09, 29 und 49 abgefahren werden. Grund der Gleissperrung sind anstehende Stopfarbeiten. +++

Regionalbahnen | Auf den Linien R10, R21 und R41 kommt es diesen Monat zu mehreren Einschränkungen. Informationen hierzu gibt’s beim HVV. +++
— OR

FDP rechnet vor: Stadtbahn günstiger als U-Bahn

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Hamburg, Lothar Hänsch, macht eine bemerkenswerte Rechnung auf:

„Für eine einigermaßen tragfähige Kalkulation einer Stadtbahn sind mindestens 45 Km Strecke erforderlich. Bei wahrscheinlichen 300 Mio Euro für 15 km bedeutet das ca. 900 Mio für das Projekt nach heutigen Preisen, darin ist noch nicht einmal der erforderliche Betriebshof mit ca. 200 Mio enthalten.“

Leider bleibt Herr Hänsch für diese Zahlen einen Beleg schuldig und sie wirken auch irgendwie aus der Luft gegriffen. Nimmt man aber diese Zahlen ergibt sich aus seiner Rechnung, das für 1,1 Milliarden Euro satte 45 Kilometer Stadtbahn, unzählige Haltestellen, Stadtteil-Aufwertung nebst Betriebshof (und wohl auch die Fahrzeuge) zu haben sind. Dennoch stichelt er:

„Ein Wahnsinn, das Geld fehlt jetzt schon für den weiteren U-Bahn Ausbau.“

Die U4, vier Kilometer lang und inklusive zweier Haltestellen, kostet rund 324 Mio. Euro. Rechnet man das vereinfacht hoch, wie es Herr Hänsch offensichtlich zu tun pflegt, käme man bei 1,1 Milliarden Euro auf lächerliche 13 Kilometer U-Bahn mit vielleicht 6 Haltestellen. Ohne Betriebshof.
Würde die FDP ihre eigene Rechnung ernst nehmen, müssten sie folglich zu glühenden Verfechter der Stadtbahn werden – gäbe es doch zum gleichen Preis deutlich mehr Leistung.

Stattdessen greift die FDP, für eine bürgerliche Partei sehr erstaunlich, tief in die polemische Schmutzkiste. So wird die – u.a. durch Steilshoop fahrende – Stadtbahn als „Luxustram“ verhöhnt, wobei unklar bleibt, worin der Luxus dieses Massentransportmittel liegen soll. Über Planungen, die Haltestangen zu vergolden ist bisher jedenfalls nichts an die Öffentlichkeit gelangt.

„Anmaßend und unseriös“

Weiterhin arbeitet sich die FDP an der GAL ab, die angeblich einen „Blankoscheck“ ausstellen würden, was man „anmaßend und unseriös“ findet. Weiterhin wird dargestellt, als ob ausschließlich einige „Alt-Grüne“ eine „Tram“ fordern; Das jedoch alle in der Bürgerschaft vertretenen Parteien – zu den die FDP nicht gehört –, inklusive der heißgeliebten CDU, sich für die Stadtbahn aussprachen, scheint man noch nicht mitbekommen zu haben (Drucksache 19/4514, zu finden hier, unter TOP 24).

Besonders übel geht man mit dem Verkehrsmittel an sich um. „Straßenbahn hat keine Zukunft!“ heißt es da, oder „anachronistische Straßenbahn“; Vielleicht sollte jemand die FDP davon in Kenntnis setzen, dass Hamburg den Bau einer Stadtbahn plant, nicht den einer Straßenbahn.

„Dieses Konzept ist technisch überholt und passt im wahrsten Sinne des Wortes nicht in die Hamburger Landschaft“

Moderne, behindertengerechte Niederflur-Stadtbahnen, die heutzutage sparsam im Stomverbrauch sind und darüber hinaus ihre Bremsenergie ins Netz zurückspeisen können, als „technisch überholt“ zu bezeichnen zeigt, wie wenig Ahnung Herr Hänsch von dem Thema hat, über das er so derbe herzieht.

— OR: Logo: FDP