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Steigende Preise

zwischen August 2002 und August 2012. Im gleichen Zeitraum verteuerten sich die Kosten rund ums Auto um „nur“ 30 Prozent. Hier schlugen die hohen Treibstoffkosten besonders zu: Die Preise für Superbenzin legten um 60 Prozent und Dieselkraftstoff gar um 80 Prozent zu – Letzteres macht auch den Busunternehmen zu schaffen.

Die Preise für den Bahnfernverkehr stiegen um durchschnittlich 38 Prozent.

Zum Vergleich: Die allgemeinen Verbraucherpreise erhöhten sich in den letzten zehn Jahren um gut 18 Prozent. ♦
— Quelle: Statistisches Bundesamt, Meldung vom 11.09.2012

Kauderwelsch (13): „AAA“-Gruppe / Wahlfreie

Der Nahverkehr hat einen gewissen Grundstock an Kunden, die gelegentlich und wenig schmeichelhaft als „AAA“-Gruppe bezeichnet wird: Auszubildende, Arbeitslose und Alte.

Auszubildende wird hierbei recht breit ausgelegt, zu ihnen zählen Schüler, Lehrlinge und Studenten. Es wird davon ausgegangen, das diese Gruppen keine Wahl haben und auf den Nahverkehr angewiesen sind. Allen drei ist gemein, das sie bei den Fahrpreisen subventioniert werden. Schüler erhalten Schülertickets, Arbeitslose einen (kümmerlichen) Zuschuss für ihre Zeitkarte (z.B. CC-Karte) und die Alten freuen sich über Seniorentickets.

Und dann gibt es die Wahlfreien, welche die Wahl zwischen dem Auto und dem öffentlichen Verkehr haben. Aufgrund ihrer Masse – wer hat in Deutschland keinen Führerschein – und ihrer Kaufkraft stehen Wahlfreie besonders im Fokus der Bemühungen.

Da Wahlfreie nicht per se auf den Nahverkehr angewiesen sind, muss man ihnen mit Qualität und Quantität die Sache schmackhaft machen. Zum Bersten volle Busse, verdreckte S-Bahn-Stationen, undurchsichtige Tarife und ein unzugängliches (im Sinne der Benutzerführung) Produktsystem sollte es nicht geben.

Innerhalb der Wahlfreien gibt es aber natürlich auch große Unterschiede. Ökologisch gesinnte Menschen sind viel eher von den unschlagbaren Vorteilen des öffentlichen Nahverkehrs zu überzeugen, als leidenschaftliche BMW- und verwöhnte Mercedes-Fahrer.

Wahlfreie ködern

Neben dem Nahverkehr werden Wahlfreie vor allem von der Automobilbranche umgarnt. Auf Automobilmessen präsentieren leicht bekleidete junge Damen und adrette sportliche Herren tanzend die neusten Modelle, während im Hintergrund ein großes Feuerwerk hochgeht. Reporter berichten live und aufgeregt und Journalisten schwärmen, wie sexy doch der neue Kotflügel geworden ist.

Da kann der Nahverkehr nicht mithalten. Bei der Vorstellung eines neuen U-Bahn-Typs gibt es vielleicht ein Glas Sekt, ein paar Gespräche mit Fachjournalisten, dessen Artikel nur eingeweihte lesen, das war es dann aber auch. Bei der S-Bahn-Erweiterung nach Stade wurde dem Zug immerhin ein wenig Grünzeug vorne angeklatscht, ansonsten war die Veranstaltung so trocken wie ein Martini.

„Freude am fahren“, „Vorsprung durch Technik“, „Das Beste oder nichts“ gibt es nur bei „Das Auto.“ – und nicht zuletzt die „Freie fahrt für freie Bürger“, die von „Gelben Engeln“ (=Pannenhelfer) umsorgt werden. Dass alles vermittelt: Autofahrer müsste man sein. Seit einiger Zeit geben sich die Hersteller so umweltfreundlich, dass man annehmen könnte, aus dem Auspuff käme nur noch Lavendelduft. Die Marketingstrategen – die Werbeetats sind in der Branche übrigens so hoch, da könnte man in Hamburg gleich mehrere Stadtbahnnetze auf einen Schlag von hochziehen – ziehen alle Register.

Der öffentliche Nahverkehr dagegen wirkt doch meist ziemlich muffig, behäbig, bürokratisch – jedenfalls nicht sexy. Wir in Hamburg kommen aber noch gut weg, denn der HVV kämpft mit sympathischen und witzigen Werbeaktionen gegen das doch miefige Image an. Für die teils kongenialen Motive ist die Werbeagentur „zum goldenen Hirschen“ verantwortlich (kleine Auswahl hier). Auch die einzelnen Verkehrsunternehmen sind in den letzten Jahren aufgewacht und versuchen mit pfiffigen Ideen – hier besonders die PVG – Wahlfreie für den Nahverkehr zu gewinnen.

Wahlfreie überzeugen

Wahlfreie müssen umsorgt und überzeugt werden, ihr liebgewonnenes Auto stehenzulassen und sich stattdessen in einen Bus oder in eine Bahn zu setzen. Hier sind vor allem Berufstätige interessant, denn sie müssen jeden Arbeitstag einen Hin- und Rückweg absolvieren, sozusagen vertaktet. Mit der „ProfiCard“ (Großkundenabonnement) bemüht sich der HVV erfolgreich, solche Kunden zu gewinnen. Längerfristige Verträge sorgen für stabile und berechenbare Einnahmen, im Gegenzug gibt es Rabatte.

Hausfrauen/-Männer gehören ebenfalls zu den Wahlfreien, gerade für diese Zielgruppe hat die Autobranche den Cityflitzer (Kleinwagen) kreiert. Der HVV hält hier mit der CityCenter-Karte (CC-Karte) ein attraktives und stark rabattiertes Angebot dagegen und steuert nebenher Fahrgastflüsse. (Die CC-Karte ist Mo-Fr zwischen 6 und 9 sowie 16 und 18 Uhr ungültig, das sind die Uhrzeiten, in denen der Berufsverkehr für volle Fahrzeuge sorgt.)

Das Feld der Tarifgestaltung macht es also möglich, gewisse Kundengruppen zu erreichen, sofern das Verkehrsangebot denn stimmt.

Wahlfreie vergessen

Es gibt Bereiche, da ist der Nahverkehr chancenlos, nämlich in eher dünn besiedelten Landkreisen. Dort sind die Autofahrer nicht wirklich wahlfrei, denn sie sind schlicht und ergreifend auf das Auto angewiesen. Der Großeinkauf findet mit dem Auto statt. In Gebieten, wo zahllose Dörfer mit jeweils ein paar Hundert Seelen verstreut sind, kann der Massenverkehr nicht wirtschaftlich ein Angebot auf die Beine stellen und muss sich dem individualen Verkehr geschlagen geben. Es wird gerade einmal der Schülerverkehr und ein paar Pseudobuslinien für die AAA-Gruppe aufrechterhalten.

Hier und da gibt es Leute, welche die Ansicht vertreten, der Nahverkehr müsse vor allem BMW oder Audi (etc.) Fahrer ansprechen. Gelegentlich wird versucht, anhand dieser Gruppe sogar die vermeintliche Erfolglosigkeit des Nahverkehrs nachzuweisen. Nun kann man darüber trefflich streiten, ob ambitionierte Autofahrer wirklich noch zur Gruppe der Wahlfreien gehören, und nicht vielmehr gefangene ihrer eigenen Leidenschaft sind.

Wahlfreie erreichen

In dem Zusammenhang wird es spannend zu beobachten, ob und wie die HafenCity-U4 von den dortigen Anwohnern angenommen wird. Die HafenCity gilt als Kolonie von Wohlhabenden und wer sich eine schicke Eigentumswohnung für Hunderttausende von Euros leisten kann, hat gewiss das passende Gefährt in der Tiefgarage stehen. Nicht unbedingt die Kernzielgruppe des Nahverkehrs.

Wahlfreie muss man aber auch erreichen können, denn die schönsten Tarifangebote nützen wenig, wenn die Verkehrsmittel nicht mit dem Auto konkurrieren können. Bestes Beispiel ist die R10, die zur S4 werden soll. Wahlfreie möchten sich in der Regel nicht einschränken in ihre Freiheit, sondern dann losfahren, wann sie es wollen – und nicht, wann der Fahrplan es vorgibt. Ein dichter Takt ist in Hamburg Grundvoraussetzung und so ein Angebot kann nun einmal nur eine Schnellbahn bieten. Es ist davon auszugehen, das die S4 nach Ahrensburg sehr viele Wahlfreie für den Nahverkehr gewinnen wird.

Künftige Entwicklung

Nur rumänische Wahrsagerinnen können zuverlässig in die Zukunft blicken, aber zwei Tendenzen sind doch erkennbar. Stadtbewohner gelten als recht aufgeschlossen und gerade in Umweltdingen sensibel. Hier kann der öffentliche Nahverkehr eines seiner größten Pfunde – die deutlich bessere Umweltbilanz gegenüber dem Auto – ausspielen. Hier könnte es, bei entsprechendem Angebot, weitere Wahlfreie zu gewinnen geben.

Dem gegenüber steht aber der mögliche Wegfall einer A-Gruppe: Die Alten, denn die sind heute auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Immer mehr ältere Mitmenschen denken nicht im Traum daran, ihr liebgewonnenes Auto aufzugeben, ist es doch das Symbol für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Die aktuelle Rentnergeneration soll angeblich soviel Geld zur Verfügung haben, wie keine Generation zuvor. Der Kostenvorteil bricht weg, alte Menschen haben zunehmend die Wahl, welches Verkehrsmittel für sie das attraktivere ist. Und das scheint immer öfter das Auto zu sein.

Insgesamt wird sich der Nahverkehr weiter seines vermufften Image entledigen (müssen). Aktionen und unkonventionelle Ideen darf es ruhig geben. Auf tanzende, leicht bekleidete junge Damen kann man verzichten; die holen sich doch nur eine Erkältung. Produktreformen – bestes Beispiel die Einführung des Metrobus –, bessere Fahrgastinformation bei Störungsfällen im Internet und noch einfachere Zugänglichkeit stehen auf dem Wunschzettel. Und natürlich: Standards, Standards, Standards.

Was Hersteller von Massenwaren schon lange wissen, kann auch im Massenverkehr nicht falsch sein. Der Kunde will ein einheitliches Produkt mit stets gleicher Qualität, was sogar die verschnarchte Deutsche Bahn erkannt hat. Die Produkte Fern- und Regionalverkehr erhielten jeweils einen einheitlichen Markenauftritt, während im HVV-Busverkehr ein buntes Kuddelmuddel herrscht. Jedes im Verbund fahrende Busunternehmen beklebt die Fahrzeuge nach eigenem Gutdünken – von einem einheitlichen Auftritt ist man Lichtjahre entfernt. *

Aber es gibt ja immer was zu mäkeln. Jedenfalls bleibt der Wettbewerb zwischen dem Auto und dem Nahverkehr spannend. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual.


*) Für Experten: Ja, es gibt eine Regelung in den HVV-Richtlinien. Unter Bedienungsqualität / Straßenverkehr / Busfahrzeuge / Standardfahrzeuge (B.4.1.1.) steht unter B2, Erscheinungsbild: „Die VU [= Verkehrsunternehmen] und der HVV erarbeiten ein Konzept für die Einbeziehung des HVV-Corporate-Design (CD) in die Gestaltung der im HVV eingesetzten Fahrzeuge“. Diese Regelung kam aber für jedermann sichtbar bisher nicht zur Anwendung.
— OR

Autofahrer-Denke

Aus dem lesenswerten SPIEGEL Online-Artikel „Mobilität der Zukunft: Raus aus dem Schlagloch“:

Wenn es an vermeintliche Interessen der Autofahrer geht, kommt aber schnell eine aggressive Stimmung auf, und die Politik gerät sehr grundsätzlich in die Defensive. Ideen, die nicht auf immer mehr Autos hinauslaufen, haben es schwer. Das ist das Ergebnis des großangelegten Laborversuchs Verkehrspolitik, bei dem über Jahrzehnte hinweg fast ausschließlich die Autofahrer-Denke belohnt wurde.

Wer sich als Autofahrer wie ein Versuchsobjekt vorkommt, sollte sich heute vor allem die vielen Reize bewusst machen, die ihn überhaupt hinter das Lenkrad bringen. Wer sich von der Pendlerpauschale in eine Vorortsiedlung locken ließ, will sich nun nicht nachträglich mit einer Maut dafür bestrafen lassen. Wer auf dem Land mit dem Auto viel schneller ans Ziel kommt als mit dem Bus, empfindet eine zusätzliche Autogebühr als Freiheitsbedrohung. Wer meint, dass er ein höheres Sozialprestige verdient, weil ihn eine teure Tonne Metall und Plastik umgibt, tut sich mit Carsharing schwer. […]

Warum bei der Maut nicht klein anfangen? Sofort sinnvoll wäre eine City-Maut für deutsche Metropolen. Auch in Berlin, München und Hamburg ist möglich, was in London und Stockholm wunderbar funktioniert und die Lebensqualität gesteigert hat.

Ein sehr schöner, umfassender und unaufgeregter Bericht, der auch ziemlich mutig ist. Immerhin hat SPIEGEL Online ein eigenes „Auto“-Ressort und Autohersteller sind gute Werbekunden.
— OR

Kauderwelsch (3): MIV

Stehen den Bussen im weg: MIV (hier: Autofahrer)

» Motorisierter Individualverkehr

Leute, die dem MIV angehören sind eigentlich arm dran: Sie steuern ihr motorisiertes Gefährt noch mühevoll selbst und haben nicht die Vorzüge erkannt, sich bequem und einfach mit dem ÖPNV ans Ziel bringen zu lassen. Dabei verpesten sie die Luft und stehen den Bussen im weg – lassen aber immerhin die Steuerkassen mächtig klingeln.

Insbesondere die Autofahrer haben jedoch eine sehr starke Lobby: Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e.V. „Der ADAC ist einer der einflussreichsten Verbände in Deutschland und einer der größten Lobbyverbände der Welt“, so steht es wunderbar zusammengefasst in der Wikipedia. Busspuren, Ampelvorrangschaltung, Straßen- und Stadtbahnen und überhaupt der ÖPNV gilt als der natürliche Feind des Clubs. Reine Bus & Bahnfahrer sind eben auch keine ADAC-Mitglieder.

Während Straßen- und Autobahnausbau gar nicht opulent genug ausfallen kann, gelten der Bahn-Bau als Geldverschwendung und Straßen- bzw. Stadtbahnen als Verkehrsbehinderung. Wenn schon ÖPNV, dann bitte unter der Erde, damit man es nicht sehen muss. Aufgrund seiner Macht inhalieren Journalisten oft die Positionen des Lobbyvereins – ohne diese kritisch zu hinterfragen. ADAC-Lobbyisten werden gar als „Verkehrsexperten“ bezeichnet und der Club-eigene Pannendienst als „Gelbe Engel“ glorifiziert. Im gleichen Maße wie die Presse agiert auch die Politik, die es praktisch nicht schafft, gegen den populären ADAC an zu regieren.

Entgegen dem MIV hat der ÖPNV keinen ernstzunehmenden Lobbyverband. Diesem Ungleichgewicht ist es zu verdanken, das der Ausbau des Nahverkehrs bestenfalls im Kriechgang stattfindet.

Der MIV ist Teil des Individualverkehrs (IV), welcher Radfahrer und Fußgänger mit einschließt.
— OR; Bild: Kladu (Pixelio.de)