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Wo ist der „Skandal“?

Wer es gerne einmal in die Zeitung schaffen will, hat zurzeit bei der „MOPO“ allerbeste Chancen. Eine ärgerliche Begebenheit aus dem Nahverkehrsalltag reicht, ein Telefonat mit der Redaktion und zwei gestellten Bildern – voilà, schon steht man in der Zeitung. Die Hamburger Morgenpost, „MOPO“, saugt derartige Geschichten wie ein Schwamm auf, und es entsteht der Eindruck, die Redaktion hätte noch reichlich Bedarf an Munition, um allgemein auf den Nahverkehr und speziell auf die HOCHBAHN zu schießen.

Die Vorgeschichte: Marc Thomalla folgte der Aufforderung eines Hotels, Busse mit dem Werbemotiv für Hagenbecks Tierpark zu fotografieren. Seit 21.07.2011 fahren zunächst davon zwei, später zehn Gelenkbusse für drei Jahre mit der auffälligen Beklebung herum. Die Aktion des Hotels, welches zu Hagenbeck gehört, startete einen Tag später auf Facebook:

Wir suchen Eure Fotos von den Hagenbeck Bussen. Jede Einsendung wird belohnt! Wer findet die Busse wo? Einfach das Bild an unsere Pinnwand posten.

Woraus die Belohnung bestehen soll, steht da zwar nicht, aber Marc Thomalla knipste trotzdem reichlich Fotos und erlebte, wie er in seinem Blog schreibt, Unerfreuliches:

Ich wollte gerade entspannt und glücklich, wieder einen Bus erwischt zu haben (erst gestern Abend an gleicher Stelle den identischen Bus, nur anderes Kennzeichen) zur Arbeit schlendern, da wurde ich aus dem Bus unwirsch angefahren. „Du (!) hast gefälligst zu fragen, bevor du den Bus fotografierst!“ – Ich: „?“. Nach kurzem Überlegen, ob ich einfach weitergehe oder ein wenig diskutiere (ich kenne mich mit Fotorecht aus, betreibe seit 2003 den DigicamClub und meiner Kenntnis nach hat der HVV in den AGB nicht verboten, Busse zu fotografieren). Ich entschied mich für die Diskussion, auch wenn man mit älteren Leuten (Fahrer war sicher Ende 50, eher älter) besser nicht diskutieren sollte.

Ich zeigte ihm also das Foto. Er: „Das will ich nicht sehen. Du Spinner (!) hast zu fragen!“ – Ich: „Nein, ich muss nicht fragen, wenn ich nicht direkt Sie, sondern den Bus ablichte!“ – Er: „Doch, du hast zu fragen und nun raus aus meinem Bus!“ – Ich: „Alles klar, das kläre ich dann anderweitig!“ – und da gingen die Türen zu und ich hörte meiner Ansicht nach ein „Verpiss dich!“ und bin dennoch höflich gegangen, obwohl ich genauso gern den Typen genommen und durch den Bus befördert hätte.

Noch am selben Tag – Donnerstag, den 04.08.2011 – nahm sich „MOPO“-Redakteurin Maren Rosche der Sache an und verpasste ihrem Artikel folgende Überschrift:

Sollte es sich wirklich so zugetragen haben, dann sind dem Fahrer die Leviten zu lesen. Wo aber bei diesem mutmaßlichen Fehltritt eines Einzelnen der „HOCHBAHN-SKANDAL“, wie es in der Dachzeile des Artikels heißt, sein soll, erschließt sich nicht. Mit unfreundlichen Mitarbeitern haben bekanntlich auch andere Dienstleister zu kämpfen. Dafür gleich das Ganze Unternehmen mit all seinen Mitarbeitern in Mithaftung zu nehmen, nach dem Credo: Alle Busfahrer sind unfreundlich, ist schlicht … widerlich.

Mal sehen, was die nächste Folge HOCHBAHN-Bashing der „MOPO“ zu bieten hat. ♦
— Abbildung: mopo.de

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Genug ist genug! Eine Abrechnung mit der „MOPO“

Lieber Herr Lars Albrecht,

dies hier ist zwar nicht der HVV, aber es sei trotzdem gestattet, auf Ihre „Abrechnung“ vom 01.08.2011, bei der Sie sich so herzergreifend über den HVV ausgekotzt haben, zu reagieren. Zunächst: Glückwunsch zu Ihrem aktiven Beitrag zur Überbrückung des Sommerlochs.

Sie schreiben:

Allerdings habe ich, der als MOPO-Redakteur täglich von Barmbek-Süd nach Bahrenfeld pendelt, schon lange das Vertrauen in Dich verloren. […]

U3 steht für mich mittlerweile für Unglaublich DREIst. Oder für drei Baustellen in drei Jahren. So oft war sie nämlich schon gesperrt, seit ich an dieser Strecke wohne.

Klar, Haltestellen und Brücken müssen saniert werden. Aber dass die seit Mai andauernde Sperrung der Strecke, die mich auf direktem Wege in Richtung Hauptbahnhof führt, jetzt auch noch bis Oktober verlängert wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Ich weiß, als Journalist sollte ich vielleicht anders denken, doch als Bürger dieser Stadt sind mir die baulichen Hintergründe völlig egal. Punkt.

Als Journalist wäre es wohl das mindeste gewesen, einmal kurz über die Gründe zu recherchieren. Dafür werden Sie nämlich (hoffentlich) bezahlt. Und in Zeiten des Internets ist es doch so einfach.

Dann hätten Sie, auch wenn es Ihnen herzlich egal ist, lesen können, dass die Erweiterung der Sperrung nicht gegen Sie persönlich geht. An der Haltestelle Uhlandstraße wurden im Zuge der Arbeiten Korrosionsschäden entdeckt. Die sind zwar noch kein Sicherheitsproblem, aber es wäre doch ungünstig, einfach alles zuzuschütten, um in ein paar Jahren die Strecke nochmals mehrere Monate zu sperren und erneut zu buddeln. Die Sperrung zu verlängern und die Schäden zu beseitigen ist daher eine nachhaltige Maßnahme. Sie und Ihre Zunft hätten sonst – zurecht! – gefragt, warum man die Arbeiten nicht gleich richtig erledigt hat.

Klar, dass Ihnen solche lästigen Details völlig egal sind. Eventuell wäre es aber für den ein oder anderen Leser von Ihnen schon interessant. Punkt.

Zu meiner einzigen Ausweichmöglichkeit wurde die S1, oder wie ich sie nenne: Die Spät 1. Denn Pünktlichkeit ist bei Dir die Ausnahme, Verspätungen die Regel. So empfinde ich es.

Natürlich kamst Du, lieber HVV, am vergangenen Wochenende auf die Idee, auch die S1 zu sperren. Warum? Mir doch wurscht!

Wenn Sie auch nur ein bisschen Ahnung hätten, wüssten Sie, dass der HVV mit dem Schienennetz der S-Bahn ungefähr soviel am Hut hat, wie Ihre Tiraden mit einigermaßen anständigem Journalismus. Nämlich nichts.

Bauarbeiten sind immer lästig, weshalb sie auf die Ferienzeit und dann noch möglichst auf ein Wochenende gelegt werden, um so erträglich wie nur möglich zu sein. Dass zwei Sperrungen im selben Gebiet höchst unglücklich sind – keine Frage. Es lässt sich aber manchmal beim besten Willen nicht vermeiden.

Seien Sie gewiss, das ein marodes, auseinanderfallendes Schienennetz nicht förderlich für die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der S1 ist. Auch wenn es Ihnen wurscht ist.

Nein, Deine Erklärungsversuche brauche ich nicht.

Ihre Ehrlichkeit ist erfrischend. Sie tun nicht einmal mehr so, sachlich und einigermaßen objektiv ihre Leser zu informieren. Stattdessen kippen sie fröhlich Kübel voller billiger Polemik über ein Thema, von dem Sie offenkundig nicht den blassesten Schimmer haben – und darauf auch noch Stolz sind.

Ich bin durch mit Dir – Du hast mich schon zu viel Zeit meines Lebens gekostet. Ich werde jetzt wieder auf das Auto umsteigen – aber kann das wirklich die Lösung sein in einer Stadt, die sich 2011 Umwelthauptstadt Europas nennt? Du lässt mir jedenfalls keine andere Wahl.

Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten. Jedoch steht zu befürchten, dass Sie auch mit dem Auto nicht glücklich werden. Viel Lebenszeit wird draufgehen bei Stop-and-Go, Staus und natürlich der Parkplatzsuche.

Sollten Sie sich einen Parkplatz mieten wollen, so kostet dieser im groben Durchschnitt 50 Euro monatlich – allein mehr als die Hälfte einer HVV-Monatskarte für den Großbereich. Hinzu kommen natürlich Steuern, Versicherung, Reparaturen und jeder Tankstellenbesuch wird Ihnen die Tränen in die Augen treiben.

Und nein, ohne Störungen werden Sie auch dann nicht in ihre Redaktion kommen: Unfälle, Feuerwehreinsätze, Umleitungen und so weiter warten auf Sie. Im Winter werden sie entsetzt schreiben, dass Hamburgs Straßen voller Schlaglöcher sind – um dann im nächsten Sommerloch fassungslos feststellen zu müssen, das die Stadt voller Baustellen ist und Sie nirgends mehr durchkommen.

Immerhin, als Journalist erhalten Sie, dank des Presseausweises, kräftige Rabatte der Autohersteller beim Kauf eines Neuwagens. Natürlich gewähren die Konzerne aus reiner Nächstenliebe solche Rabatte und knüpfen daran keinerlei Erwartungen.

Schließlich sind Sie Journalist und deshalb auf Sachlichkeit, Objektivität und Recherche gebucht.

Ach – ich vergaß: Das ist Ihnen ja egal.

Hochachtungsvoll,

Ihr Rycon ♦
— Abbildung: mopo.de

Hamburger Presse schießt sich auf Stadtbahn ein

Standpunkt | Bei einer 1999 vom „Hamburger Abendblatt“ beauftragten Umfrage unter Hamburgern votierten 59 % für die Einführung einer Stadtbahn. Nun, 11 Jahre später, hat man es endlich geschafft: Bei einer aktuell durchgeführten Umfrage sprachen sich nur noch 41 % der befragten für die Einführung aus.

Wobei 41 Prozent noch immer ein überraschend gutes Ergebnis ist, räumt doch die Presse – vor allem „Abendblatt“ und „Welt“ – regelmäßig Platz für Stadtbahngegner ein. Man mäkelt ständig herum und diskreditiert das Nahverkehrsmittel als „Prestigeprojekt“, so als ob Hamburg die einzige Stadt weltweit sei, die ein weiteres schienengebundenes Massentransportmittel plant bzw. betreibt. „Prestige“ suggeriert auch, als sei die Stadtbahn ein Luxus für gutbetuchte. Aber gerade der Nahverkehr stellt für weniger kaufkräftige Menschen die einzige Möglichkeit zur Mobilität dar, was im krassen Gegensatz zum Wörtchen „Prestige“ steht.

Man vergisst auch nie zu erwähnen, dass es ein „Grünes Prestigeprojekt“ sei, womit man natürlich gestandene CDU-Wähler auf die Palme bringt. Man muss wirklich kein GAL-Wähler sein, um für den quantitativen und qualitativen Ausbau des Nahverkehrs zu sein. Es macht sich aber halt einfach besser, sowas in die Ecke der Öko-Fritzen zu pflanzen. Dabei beweist drolligerweise die Umfrage, dass dieses Vorurteil nicht hinhaut: Die GAL steht bei 10 % – ergo: 31 % der Umfrageteilnehmer sind keine GAL-Wähler und trotzdem für die Stadtbahn. Aber wer will schon Argumente lesen.

Die Berichterstattung der Hamburger Presse ist nicht kritisch gegenüber der Stadtbahn, sondern ablehnend – gelinde gesagt. Und das ist keine Verschwörungstheorie: Schon im Oktober letzten Jahres legte sich die Hamburger Presse einhellig darauf fest, dass die Stadtbahn ihrer Meinung nach in Hamburg nichts zu suchen habe. Unter der scheinheiligen Überschrift „Fährt die Stadtbahn Hamburg in den Ruin?“ (natürlich tut sie das!) fasste das „Abendblatt“ den Journalistentenor so zusammen:

  • Kay E. Sattelmair, Kolumnist und Ex-Geschäftsführer der Welt: Neue Schulden werden jeden Tag bekannt gegeben. Wie sie zurückgezahlt werden, bleibt unverbindlich.
  • Christoph Heinemann, Redakteur im Ressort Landespolitik bei der Hamburger Morgenpost: Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen. In der Krise müssen auch grüne Prestigeprojekte auf den Prüfstand.
  • Martin Kopp, die Welt: Die neue Stadtbahn wird Hamburg noch viel mehr Probleme bereiten, als bisher bekannt.
  • Rebecca Kresse, Hamburger Abendblatt: Die Stadtbahn wird kommen. Unter allen Umständen. Finden wir uns besser damit ab.

Man findet sich natürlich nicht damit ab. Und der Leser darf keine ausgewogene, faire, objektive Berichterstattung erwarten, wenn die geballte Hamburger Presse sich einhellig gegen die Stadtbahn ausspricht.

Das Urteil haben Journalisten gefällt, die nicht in der Lage sind, ein Verkehrsunternehmen vom Verkehrsverbund zu unterscheiden. Oder die einen Artikel über S-Bahn-Surfer mit einer U-Bahn abbilde und nicht einmal den Unterschied zwischen S- und U-Bahn kennen. Journalisten, die offenbar Autofahrer sind und den Auto-Lobbyverband ADAC als „Mobilitätsverein“ titulieren, was falscher gar nicht sein kann. (Zu finden in einem unfassbar schmeichelhaften Interview der „Welt“ mit dem neuen ADAC-Präsidenten Meyer unter der vielsagenden Überschrift „Autofahrers Abrechnung“.) Journalisten, die man in Nahverkehrsdingen als inkompetent bezeichnen darf — und das ist noch sehr höflich ausgedrückt.

Presseschau

Im Folgenden eine kleine Presseschau vom „Abendblatt“ und der „Welt“. Gesucht wurde nach „Stadtbahn“, Rubrik Hamburg, von 01012009 bis 31102009 sowie 01112009 bis 03052010, bei der „Welt“ einfach nach dem Suchbegriff „Stadtbahn“.

Rot markiert: Artikel mit eher negativer Tendenz zur Stadtbahn; abgeschwächt: Taucht zwar in der Ergebnisliste auf, hat jedoch mit dem Thema nichts unmittelbar zutun.

Ein paar konkrete Beispiele: Die „Welt“ berichtete (Mitautor: oben genannter Martin Kopp), das Anwohner ein Bürgerbegehren planten und der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord Wolfgang Kopitzsch (SPD) sich gegen die Streckenführung aussprach; das Kopitzsch ein paar Tage später zurückruderte und sich missverstanden fühlte, war dann keine Meldung mehr wert.

Laut HVV im Fahrgastbeirat vertretene Verbände und Institutionen:
  • ACE-Wirtschaftsdienst GmbH
  • ADFC e. V. (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club)
  • AStA Uni Hamburg (Allgemeiner Studierenden-Ausschuss der Universität Hamburg)
  • Bund für Umwelt und Naturschutz, Landesverband Hamburg
  • DBB Hamburg (Deutscher Beamtenbund und Tarifinformation)
  • DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund)
  • Fahrgast­beirat Harburg
  • Fahrgastbeirat Stade
  • Fahrgastinitiative Hamburg (FIH) / Pro Bahn e. V.
  • Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderungen e. V.,
  • Hamburger Sportbund
  • Handelskammer Hamburg
  • Landesseniorenbeirat Hamburg
  • Landesfrauenrat Hamburg e. V.
  • Landesjugendring Hamburg e. V.
  • SchülerInnen­kammer Hamburg
  • VCD e. V. (Verkehrsclub Deutschland) Landesverband Nord

Für die „Abendblatt“-Umfrage produzierte man gleich drei Artikel (hier, da und dort), die sich alle auf die Stadtbahn ablehnend konzentrierten; das der (sonst sehr schweigsame) HVV darauf mit einer Pressemitteilung reagierte („HVV-Fahrgäste sind für die Stadtbahn“) konnte – leider, leider – bis heute nicht erwähnt werden. Bei keiner der großen Zeitungen. (Korrekterweise bezieht sich die HVV-Pressemitteilung auf den Fahrgastbeirat, in dem neben Privatpersonen auch jede Menge Verbände und Institutionen vertreten sind, siehe Kasten).

Die „Hamburger Morgenpost“ („Mopo“) hält sich bisher im Falle der Stadtbahn zurück, was daran liegen könnte, das Christoph Heinemann („Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen“) damit beschäftigt ist, die armen Schwarzfahrer vor der bösen S-Bahn-Wache zu verteidigen.

Diese Liste könnte man locker fortsetzen, es böte Stoff für ein eigenes Blog.

Unterm Strich ist die aktuelle „Abendblatt“-Umfrage so gesehen aber ein Armutszeugnis für die autoverliebte Presse: Immer noch sind 41 % der Hamburger für die Stadtbahn. Nun steht zu befürchten, das die Umfrage der Startschuss für eine Pressekampagne ist, denn schließlich ist nun die Mehrheit der Hamburger gegen die Stadtbahn, was als Aufhänger dient. Offenbar legt die „Welt“ mit einem schamlosen, wirklich widerlichen Kommentar schonmal los.

Da der Nahverkehr selber keine Lobby hat, dürfen sich Autofahrer entspannt zurücklehnen. Es wäre nämlich ein astreines Wunder, wenn der Nahverkehr trotz kombinierten Widerstand von ADAC und Presse effektiv ausgebaut werden würde. HVV-Kunden haben sich gefälligst mit überfüllten Bussen zu begnügen, alles andere wäre ja Prestige.
— OR

S-Bahn-Surfer surft per U-Bahn

Aus dem heutigen Onlineangebot der „Hamburger Morgenpost“:

— OR; Screenshot: „mopo.de“ vom 15.03.2010

Die Sache mit den Fahrkartenautomaten


Kommentar |
Etwas Neues wurde eingeführt und hätte es sich um eine Werbeveranstaltung von Apple gehandelt, hätte die Presse selbstverständlich live, gierig und begeistert darüber berichtet. Zum Beispiel darüber, wie toll doch der neue Touchscreen ist und wie leicht man das Gerät bedienen kann.

Auch im Nahverkehr wurde etwas „neu“ eingeführt. Man berichtet zwar nicht live, aber aufgeregt. Zum Beispiel die „MOPO“ am 02.02.2010:

Zu Beginn des Jahres hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) die Hochbahn-Automaten mit neuen Touchscreens ausgestattet. Gleichzeitig verschwanden die Listen mit der Übersicht der 120 Schnellbahnhaltestellen samt Preisauskunft.

… oder das „Hamburger Abendblatt“ zwei Tage später:

Seit Jahresbeginn hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) die Fahrkartenautomaten der Hochbahn-Stationen ausgetauscht: Statt der alten Tastenautomaten sind nun neue Geräte mit der so genannten Touchscreen-Technologie installiert.

Das Blatt hat sogar ein Video [YouTube] über dieses brandheiße, aktuelle Thema in die Welt gesetzt.

„Neu“ ist hier allerdings ein sehr dehnbarer Begriff. Um herauszufinden wie „neu“, muss man tief im Pressearchiv der Hamburger Hochbahn wühlen, welche die Fahrkartenautomaten aufgestellt hat (und nicht, wie immer von Journalisten posaunt wird, der HVV). Dann erfährt man [PDF]:

Am 8. Januar 2007 hat Hamburger Hochbahn AG begonnen, insgesamt 200 ihrer Fahrkartenautomaten auszutauschen. Sie ersetzen die orangefarbenen Automaten, bei denen die Fahrkarten noch über eine „Knopfleiste“ ausgewählt wurden. Die neuen Fahrkartenautomaten unterscheiden sich durch eine moderne Optik und einen bedienerfreundlichen „Touchscreen“ von ihren Vorgängern. Der Fahrgast kann durch Berühren des großen Bildschirms direkt das gewünschte Ticket, zum Beispiel die „Neun-Uhr-Tageskarte“ anwählen.

Bis Anfang Mai werden alle alten Fahrkartenautomaten ausgetauscht sein.

Die „neuen“ Automaten mit Touchscreen gibt es schon seit 2007, hier noch mit alter Bedienoberfläche. Die, hier links abgebildete, Tafel mit Fahrziele und Preisbereiche wird durch neue Funktionen überflüssig.

Ja, Sie haben richtig gelesen: 2007, volle drei Jahre ist das her. Schon seit drei Jahren gibt es diesen neumodischen Kram, der sich „Touchscreen“ nennt. Drei Jahre schon gibt es keine „Tastenautomaten“, die doch so furchtbar viel besser waren.

Welch Glück haben doch die S-Bahn-Fahrgäste, geht man nach den Presseberichten, denn dort scheint ja die Automatenwelt noch in Ordnung zu sein. Aber, Obacht, auch dort droht Ungemach!
Laut „MOPO“:

Der HVV, der im April auch die S-Bahn-Haltestellen mit der neuen Technologie ausrüsten will,

… laut „Abendblatt“:

Beim HVV, der bis April auch die S-Bahn-Stationen mit den neuen Automaten ausrüsten will,

Zu den „neuen“ Automaten gibt es auch eine Pressemitteilung der Deutschen Bahn, sie datiert vom 13.10.2008 und dort heißt es:

Die neuen Automaten lassen sich schnell und einfach per Berührung über den Bildschirm (Touchscreen) bedienen und sind noch kundenfreundlicher. Die Kunden erhalten an den Automaten Fahrkarten des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV), aber auch Fahrkarten des Schleswig-Holstein-Tarifs, DB–Fahrkarten, das Schleswig-Holstein- und Niedersachsen-Ticket sowie alle weiteren LänderTickets.

Also nix mit Tasten und neuen Automaten, ebenso wenig das der HVV „ausrüsten will“, wenn überhaupt, dann „ausrüsten lassen will“.

Sollen im April ausgetauscht werden, obwohl es sie schon heute nicht mehr gibt: Alte Automaten mit Tasten bei der S-Bahn († 2008)

Nun aber zum eigentlichen Anlass der Berichterstattung: Nicht die Automaten sind neu, sondern die Bedienoberfläche; diese wurde modifiziert und der Funktionsumfang der Geräte erweitert. Und nein, man hat kein neues iDings, nur weil das Betriebssystem aktualisiert wurde.

Jedenfalls ist es nun auch an den HOCHBAHN-Fahrkartenautomaten möglich, Tickets für Schleswig-Holstein zu bekommen. Außerdem kann man nun eingeben, zu welcher Haltestelle man möchte – das Gerät spuckt dann die entsprechende Fahrkarte aus. Richtig ist, dass dadurch die Tafeln der Zielstationen (mit der Kennzeichnung der entsprechenden Preisstufen) überflüssig werden und wegfallen. Nun kann der geneigte Kunde aus 7.926 Zielen wählen, denn Fähranleger & Bushaltestellen sind nun implantiert. Das ging vorher nicht: Bisher waren nur die Preisstufen der Schnellbahnhaltestellen an den Tafeln verzeichnet, wer danach in den Bus umsteigen wollte, musste rätseln, welche Preisstufe denn die Richtige ist oder, was teurer kommt, beim Busfahrer eine zweite Fahrkarte für den Rest der Strecke kaufen.
Die wichtigsten Kurzwahltasten (z.B. die Preisstufen 1, 2, 3), wie man sie von den (ur-) alten Automaten kennt, sind aber weiterhin direkt anwählbar. Ob es so geschickt gewesen war gleich die gewohnten Tafeln abzuhängen, darüber kann man in der Tat streiten.

Ärgerlich an dieser Art der Berichterstattung sind nicht nur die haarsträubenden Fehler, die gemacht werden, sondern vielmehr die Ungerechtigkeit derselben. Bringt Apple ein neues Gerät mit neuen Funktionen heraus, wird das gefeiert als wäre es die Menschheitserlösung von Jesus Christus persönlich. Wird im Nahverkehr etwas neues eingeführt, bricht gleich der Weltuntergang an.
Auf der einen Seite wird den Betrieben quasi unterstellt, nur Schwachsinn in die Welt zu setzen; auf der anderen Seite wird der Fahrgast als Gehirnamputiertes, doofes Ding dargestellt, der es nicht hinbekommt, einen „Touchscreen“ zu benutzen. Es liegt doch auf der Hand das jemand, der die alten Tafeln mit den Preisstufen gewohnt ist, erst einmal perplex guckt, wenn er diese nicht findet. Man muss einen doch die Chance lassen, sich ein paar Sekunden in Ruhe dem Gerät zu widmen und den Bildschirmanweisungen zu folgen – ohne ihm ein Mikrofon grinsend unter die Nase zu halten.

Ebenso wird dargestellt, als ob die neue Oberfläche mit den erweiterten Funktionen ohne einen vorherigen Test einfach mal eben so, urplötzlich, eingeführt wurde, was nicht so ist. Die HOCHBAHN arbeitete im vorwege mit Behindertenverbänden zusammen und setzte die neue Oberfläche schon bei zwei Geräten seit Anfang Dezember an den U-Bahn-Haltestellen Hamburger Straße und Borgweg ein. Seitdem druckten die Automaten fast 40.000 Tickets. Wie viele Fahrgäste sich mit einer Frage zur neuen Bedienoberfläche an das Unternehmen wendeten? Exakt einer.

Das ergibt eine Beschwerdequote von 0,0025 Prozent. Ein Wert, wo selbst Apple-Chef Steve Jobs frohlocken und die Presse begeistert berichten würde, wie einfach doch das neue Gerät zu bedienen sei.
— OR; Bilder: Rycon

Oh Gott! Fehlender Buchstabe löst Skandal aus

Die „MOPO“ berichtet heute entsetzt, das an einer Haltestelle Fahrkarten vom Busfahrer ausgegeben werden, wo ein „c“ in „Mönckebergstraße“ auf dem Ticket fehlt. Prompt wird der fehlende Buchstabe zu einer „Kennt der HVV die Straßen nicht?“-Schlagzeile aufgeblasen.

Screenshot mopo.de vom 05.01.2010

Investigativ und auf der Spur nach dem fehlenden „c“ setzt sich der „MOPO“-Redakteur mit dem HVV in Verbindung. Doch halt – wieso eigentlich HVV? Selbst auf dem mickrigen Foto von der Fahrkarte erkennt man: „Ausgegeben von der Hamburger Hochbahn AG“. Vermutlich lässt das fehlende „c“ den Journalisten kurzzeitig erblinden. Also wurde der HVV „konfrontiert“, die den „MOPO“-Schreiberling prompt zur HOCHBAHN weiterreicht. Und die erklärt, das nur an einer einzigen Abfahrtstelle dieser Fehler auftritt, den man noch heute Mittag beheben wollte.

Noch einmal Zusammengefasst: Auf einer von der HOCHBAHN ausgegebenen Fahrkarte fehlt ein „c“, worauf der Journalist zum HVV rennt, die ihn zur HOCHBAHN schickt, die sagt, es sei ein versehen und würde heute noch korrigiert. Aber wie kommt die „MOPO“ dann auf so eine Schlagzeile? Wieso HVV? Wieso „die Straßen“ (in der Mehrzahl), wo es sich doch nur um eine handelt? Gute Fragen.
(Zum Glück leistet sich die „MOPO“ nie irgendwelche Fehler und ist generell für ihre zurückhaltende Art bekannt.)

Dies ist nur eine kleine Geschichte. Es gibt jedoch kaum ein Thema, wo Journalisten derartigen Mist schreiben, wie beim Thema Nahverkehr (abgesehen davon, das wir Hamburger mit unserer Regionalpresse sowieso schon ein besonders schweres Los gezogen haben). Die veröffentlichte Meinung bekommt es auf biegen und brechen nicht hin, zwischen einem Verkehrsverbund und einem Verkehrsunternehmen zu unterscheiden. Es gibt kaum einen Bereich, wo die Presse selbst die menschlichsten, kleinsten fehlerchen zu einer skandalträchtigen Berichterstattung hochheizen; Gleichzeitig selbst aber die haarsträubensten Fehler produzieren. Und es gibt kaum einen Bereich, in dem die Leser – leider! – der Presse mehr glauben schenken.
— OR