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Zeichen und Wunder

Ich hätte es nie für möglich gehalten, in diesem Blog jemals einen Artikel des „Hamburger Abendblatt“ uneingeschränkt empfehlen zu können. Doch es geschehen tatsächlich Zeichen und Wunder: In einem Leitartikel entdeckt Oliver Schirg, das die Hamburger immer mehr auf ein eigenes Auto verzichten und andere Wege der Mobilität beschreiten oder besser: Befahren. Gleich als Erstes heißt es:

Die Zahl der Hamburger, die das eigene Auto stehen lassen und stattdessen auf alternative Möglichkeiten umsteigen, wächst unaufhörlich. Ob Hochbahn, Carsharing oder StadtRad: Diese Unternehmungen vermelden alle seit Monaten einen zum Teil rasanten Zuwachs an Kundschaft.

Dazu passend wurde jetzt das Ergebnis einer Studie bekannt, wonach der Anteil der Einwohner mit eigenem Auto sinkt, je mehr Einwohner eine Stadt hat. Während in Millionenstädten wie Hamburg oder Berlin auf 1000 Einwohner 322 Fahrzeuge privat zugelassen sind, sind es in Städten mit weniger als einer halben Million Einwohnern 498.

Ein echtes Wunder, das jemand aus der Hamburger Presselandschaft diese Entwicklung endlich einmal zur Kenntnis nimmt. Im Ergebnis kommt Schirg zu dem Schluss zur Hamburger (Nah-) Verkehrspolitik:

Der schleppende Ausbau von Radwegen, der Verzicht auf die Stadtbahn, das Feigenblatt namens Busbeschleunigungsprogramm und nicht zuletzt die Tatsache, dass nicht die Stadtentwicklungs-, sondern die Wirtschaftsbehörde für die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur verantwortlich ist, […]

Mit Beginn des neuen SPD-geführten Senats wurde die ÖPNV-Politik aus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) in die Wirtschaftsbehörde transferiert – und steht seitdem unter den Fittichen von Frank Horch. Der gilt zwar offiziell als parteilos, gehört aber einer anderen Großen und Einflussreichen, nicht demokratisch legitimierten, Hamburger Partei an: der hiesigen Handelskammer, dessen Präses er vor seinem neuen Posten war. Horch fiel schon vor zwei Jahren mit viel Propaganda gegen die Stadtbahn hier im Blog auf.

Gleiches gilt für das „Hamburger Abendblatt“. Wenn man will, könnte man aus dem aktuellen Leitartikel herauslesen, dass die eigene Berichterstattung in den letzten Jahren – mit dem scheuklappenmäßigen Blick auf das Auto – völlig an der Entwicklung vorbei ging.

Der „Abendblatt“-Artikel schließt mit den Worten:

Hamburgs Bürger sind schon viel weiter als die politisch Handelnden in den Amtsstuben.

…und der Journalisten in den Redaktionen der Hamburger Presselandschaft. ♦

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Irgendwas mit Bahn (3)

Aus dem Onlineangebot des „Hamburger Abendblatt“ vom 11.08.2011:

Immerhin: Eine 3 befindet sich tatsächlich in der Liniennummer. Nur der Linienbezeichner S hat wenig mit dem U zutun.

Übrigens ist schon die Bildunterschrift Unsinn: Das Alkoholkonsumverbot gilt nicht nur, wie beim metronom, in den Fahrzeugen, sondern bereits auf den Verkehrsanlagen – und somit auch auf dem Bahnsteig. Hielte man sich an dem, was das höchst journalistische, und deshalb online auch kostenpflichtige, Hamburger Abendblatt schreibt, darf man ab dem 01.10.2011 glatte 40 Tacken löhnen. ♦
— Abbildung: abendblatt.de vom 11.08.2011

Der ADAC kann es nicht lassen

Unter der Horrorüberschrift „Bald droht Tempo 20 auf allen Straßen“ räumt das „Abendblatt“ mal wieder Platz für den ADAC frei. Den gelben Autolobbyisten wird eine Art wünsch-Dir-was-Fragestellung geboten, die der verkehrspolitischer Sprecher des ADAC Hansa, Carsten Willms, dankbar annimmt.

Bei der fünten Frage wünscht sich Willms:

Wir fordern schon lange, etwa 80 Millionen Euro pro Jahr in den Unterhalt zu stecken. Dafür müsste man vielleicht auch große Investitionen wie die Stadtbahn nach hinten verschieben.

Die Bundesmittel, die zur Finanzierung der Stadtbahn dienen sollen, sind überwiegend für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zweckgebunden und stehen daher gar nicht für die Sanierung von Straßen zur Verfügung. Und auch die HOCHBAHN wird sicherlich keine Kredite aufnehmen, um die Verkehrswege für Autofahrer in Schuss zu halten. Die verbliebenden Mittel, die der Hamburger Haushalt bereitstellen wird, sind über mehrere Jahre gestreckt und würden selbst in Gänze nicht die 80 Millionen erreichen, die sich der ADAC jährlich so sehr wünscht. Es handelt sich schließlich um Investitionsgelder, was Willms aber fordert, ist eine Erhöhung der laufenden Kosten (eben jedes Jahr 80 Millionen Euro). Oder anders: Es wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein und das nur zeitlich arg begrenzt.

Beim ADAC arbeiten gewiss kluge Leute und deshalb unterstelle ich einmal, dass der ADAC und Herr Willms diese Sachverhalte ganz genau kennen. Warum man dann trotzdem den Ausbau des Nahverkehrs torpediert, sagt mehr über diesen Verein aus, als jede Werbebroschüre.

Der ADAC wäre nicht der ADAC, wenn er nicht auch apokalyptische Zustände heraufbeschwöre:

Investiert die Stadt nicht in erforderlichen Ausmaß in den Unterhalt der Straßen, werden wir wohl flächendeckend Geschwindigkeitsbegrenzungen von 20 Kilometern pro Stunde haben. Zudem wird die Unfallrate extrem steigen.

Mal abgesehen von dem unsinnigen dramatisierenden Quatsch: Es dürfte allgemein bekannt sein, das die Unfallrate extrem sinkt, wenn auch die erlaubte Höchstgeschwindigkeit abgesenkt wird.
— OR

Irgendwas mit Bahn

Aus einem Kommentar des „Hamburger Abendblatt“ vom 14.06.2010 (Autor: Philip Volkmann-Schluck):

Mal kurz durchzählen. Ein S-Bahn-Zug, 3 Wagen, hat je Seite 9 Türen, an jedem prangt das „DB BAHN“-Emblem. Das mal zwei, also 18. Dazu noch an den Zugköpfen zwei große „DB“-Zeichen sowie an den Seitenflächen zwei Stück je Seite, macht zusammen 4.

18 + 2 + 4 = 24-mal DB-Logo. Bei einem Vollzug (6 Wagen) 48-mal.

Inzwischen dürfte damit jeder Hamburger irgendwie gemerkt haben, dass diese komischen, roten Züge namens S-Bahn irgendetwas mit der DB zutun haben müssten und weniger mit der HOCHBAHN.

Außer Journalisten natürlich.
— OR; Ausriss: Screenshot abendblatt.de vom 14.06.2010

Reaktionen zu den mutmaßlichen Stadtbahnkosten

Gestern veröffentlichte das „Hamburger Abendblatt“ eine Kostenprognose zur geplanten Stadtbahn, die man in Erfahrung gebracht haben will. Nach Angaben der Presse wurden die Kostenschätzungen der HOCHBAHN an die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) weitergereicht. Entweder hat jemand der Beteiligten der Presse die Infos unter der Hand gegeben oder sie wurden bewusst lanciert. Die Angaben dürften jedenfalls korrekt sein und sind stimmig (mehr zu den Kosten demnächst auf Rycon).

Damit tritt nun der umstrittene Ausbau des innerstädtischen Nahverkehrs in die heiße Phase. Die Reaktionen folgten prompt und kamen wie aus der Pistole geschossen. Ein kleiner, kommentierter Überblick.

Reaktionen der Presse

„Bild“-Zeitung schreibt unter der Überschrift „Stadt Pleite! Stadtbahn rechnet sich frühestens in 15 Jahren“:

Der Bund soll 60 Prozent der Kosten tragen. Aber Hamburg hat noch gar keinen Antrag gestellt! […] Jetzt rechnen die Experten in der Stadtentwicklungsbehörde noch mal nach. Mit Ergebnissen rechnen sie erst nach (!) Abschluss der Senatssparklausur.

Wieso Hamburg schon jetzt einen Antrag stellen soll, wo doch die Behörde erst einmal selbst die Kosten durchrechnen will… ach, Logik und „Bild“-Zeitung. Immerhin verkündet man, dass sich die Stadtbahn in 15 Jahren (frühstens) rechnen wird. Zum Glück wissen die nicht, welch Defizite der Busverkehr einfährt. Wenigstens ist man konsequent: Auch von Investitionen für mehr Bildung hält man wenig.

Die „Hamburger Morgenpost“ hält sich zurück und erwähnt die Stadtbahn nur unter dem allgemeinen Artikel „So hart trifft uns der Sparhammer“ sowie in einer Bildergalerie, die ohne Bilder auskommt. Da heißt es:

„Es kann und darf keine heiligen Kühe geben“, so der CDU-Finanzexperte Thies Goldberg zur MOPO. GALier Kerstan widerspricht indirekt: „Der Verzicht auf Investitionen bringt nur einen einmaligen Spareffekt.“

Im „Hamburger Abendblatt“ wird darüber berichtet, dass sich die CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT) – wenig überraschend – dagegen ausspricht:

„Der Senat sollte zurzeit auf ein Großprojekt wie die Stadtbahn, das unabsehbare Folgekosten nach sich zieht, verzichten“, sagte Volker Ernst, stellvertretender MIT-Vorsitzender.“

Was mit „unabsehbaren Folgekosten“ gemeint sein soll, dafür war leider kein Platz. Wäre sonst auch zu hintergründig geworden.

Interessant ist da noch der „Abendblatt“-Artikel von gestern, der mit einer Umfrage garniert wurde. Von 4110 Klicks sind 48 % Ja und 52 % Nein-Stimmen. Ein ziemlich knappes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass der Leser im Artikel regelrecht geimpft wird, das Thema als zu überteuert abzulehnen. Die Leserkommentare sind nicht mehr auf der Seite zu finden. Die Kommentarfunktion wurde ohne Angaben von Gründen deaktiviert.

Letzter im Bunde ist die „taz“, welche die Stadtbahn sogar günstig findet:

Mit rund 18 Millionen Euro pro Kilometer bewegt sich das Projekt somit im Rahmen der bisherigen Schätzungen von 15 bis 20 Millionen Euro. Ein Kilometer U 4 in die Hafencity schlägt hingegen mit etwa 75 Millionen Euro zu Buche, die drei unterirdischen S-Bahn-Kilometer von Ohlsdorf zum Flughafen Fuhlsbüttel kosteten mit 280 Millionen Euro sogar noch mehr.

Die „taz“ ist die einzige Zeitung, die sich die Mühe macht, die Kosten im Kontext zu anderen Nahverkehrsinvestitionen zu stellen. Im Gegensatz zur dramatisierten Berichterstattung der anderen Blätter bleibt man regelrecht cool.

Reaktionen von Parteien und Verbänden

Was die „Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU Landesverband Hamburg“ von dem Ganzen hält, weiß man aus dem „Abendblatt“. Leider auch nur aus dem „Abendblatt“, denn zurzeit (15.25 Uhr) kann man kein PDF runterladen und die Rubrik Presse verwöhnt einen mit der Meldung:

Leider ist die Datenbank derzeit gestört.
Wir arbeiten an der Behebung des Fehlers

Gestört ist das Verhältnis vieler Hamburger zur FDP, denn die ist bei uns bedeutungslos. Auf den eigenen Seiten hat man noch nicht gegen die Stadtbahn gewettert, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das nachgeholt wird.

Der ADAC hüllt sich auf der ihrer Homepage stets in Schweigen zu den eigenen Positionen in der Verkehrspolitik. Wozu sich auch abplagen, wo man bei der Presse stets ein offenes, kritikfreies Ohr findet. Dort wurde der ADAC allerdings noch nicht zitiert, was offenbar daran liegt, dass der „Bund der Steuerzahler“ (BdSt) diesen Part übernommen hat.

Eine aktuelle Stellungnahme lässt sich auf deren Website nicht finden, wozu auch, siehe linken Ausriss. Außerdem hat man sich ja schon gegenüber der Presse entsprechend geäußert. Wirklich arrogant ist der Untertitel der „Notbremse“: „Eine Initiative der Hamburger Steuerzahler“. Entschuldigung, aber dieser Verein spricht ganz sicher nicht für alle Hamburger Steuerzahler. Die Einbildungskraft dieses Vereins muss grenzenlos sein. Vermutlich ist man noch ganz hin und weg vom „Glückwunsch zum Richtfest“ der Elbphilharmonie. Untertitel: „Steuerzahlerbund kritisiert schlechten Stil der SPD“, weil die sich nämlich erdreistet, per Untersuchungsausschuss der Frage nachzugehen, wo die ganzen Steuermillionen beim Bau verjubelt wurden.

Ein äußerst komischer Verein.
— OR

Mehrheiten im Wechsel

Noch ein Wort zur kürzlich durchgeführten „Abendblatt“-Umfrage; im Beitrag „Hamburger Presse schießt sich auf Stadtbahn ein“ ist nämlich eine nicht unerhebliche Kleinigkeit flöten gegangen – die Umfrage selbst.

Man braucht keine Kristallkugel, um zu ahnen, dass Presse und Stadtbahngegner sich künftig genau auf diese Umfrage berufen werden und das Schlagwort wird „Mehrheit der Hamburger“ sein. Ein etwas genauerer Blick lohnt sich also.

Die Umfrage führte – im Auftrag des „Hamburger Abendblatt“ – das Institut Psephos durch, welches 1004 Hamburger befragte. Die Ergebnisse zum Thema Stadtbahn von 1999, 2008 und 2010 in grafischer Darstellung.

Das „Abendblatt“ frohlockte zwar mit der Schlagzeile „Mehrheit der Hamburger lehnt Bau der Stadtbahn ab“, vergaß aber bedauerlicherweise zu erwähnen, wie hoch denn die Fehlertoleranz bei der durchgeführten Umfrage ist. Die „Mehrheit“ beträgt zwar kaum übersehbare 10 % – dennoch wäre die Fehlertoleranz eine interessante Information gewesen. So eine absolute Sicherheit, wie die Schlagzeile suggeriert, lässt sich aus der Umfrage jedenfalls nicht wirklich ableiten, wenn man sie im Kontext zu den früher durchgeführten stellt. Aber das bleibt Ansichts- und Geschmackssache.

Auffällig ist der Anteil derer, die sich (eher) ablehnend gegenüber der Stadtbahn zeigen. Wurden 2008 noch 45 % ermittelt, schoss der Wert auf nun 51 % hoch. In diese Zeitspanne fällt die ständig zunehmende, negative bis aggressive Berichterstattung gegen die Stadtbahn. Auch die Horrormeldungen des ADAC, welches sich stets der Presse bedient und sich zur Stadtbahn auf der eigenen Website mit keinem Wort meldet, dürfte etwas ausgemacht haben. Schließlich kommt noch die Finanzlage hinzu; zwar bemängelt man, das die Kosten noch nicht seriös geschätzt werden können, jongliert aber sicherheitshalber schon mal mit Milliarden herum. Milliarde klingt halt dramatischer als Million. Das Hamburg mitnichten die Investitionen zur Stadtbahn alleine stemmen wird, fällt praktisch komplett unter den Tisch. Ebenso wie die schlichte Tatsache, das die geplante, erste Strecke garantiert keine Milliarde kosten wird. Ganz zu schweigen von der Attraktivitätssteigerung des Nahverkehrs (und damit höheren Fahrgeldeinnahmen) sowie den günstigeren Betriebskosten gegenüber dem Bus – alles keine Erwähnung wert.

Dass noch immer – trotz allem – 41 % die Stadtbahn für eher gut/sehr gut halten, erscheint da wie ein kleines Wunder. Hier ist die Zustimmung in den letzten zwei Jahren um sechs Prozentpunkte zurückgegangen, dennoch ist dies kein schlechter Wert. Eine politische Partei würde bei so einem Ergebnis sicherlich die Sektkorken knallen lassen; deshalb sollten sich die Volksvertreter es sich dreimal überlegen, den immer dringlicher werdenden Ausbau des Nahverkehrs auf Eis legen zu wollen.

Es wird ja gerne auf Politiker eingeprügelt, aber es wird nicht erklärt, wie – naturgemäß langfristig angelegte – Infrastruktur- und Verkehrspolitik betrieben werden soll, wenn sich die Leute alle naselang umentscheiden. 1999 noch ein eindeutiges Ja, vor zwei Jahren ein vielleicht und nun ein Nein. Kann man da erwarten, dass von den (im Fachjargon als „Entscheidungsträgern“ bezeichneten) Politikern was Vernünftiges, Langfristiges oder „Nachhaltiges“ raus kommt, zumindest wenn man solche Umfragen ernst nimmt?

Dabei kann doch grundsätzlich nur ein Herumeiern rauskommen. Und das kann´s ja wohl auch nicht sein.

— OR; Grafik: Rycon

Hamburger Presse schießt sich auf Stadtbahn ein

Standpunkt | Bei einer 1999 vom „Hamburger Abendblatt“ beauftragten Umfrage unter Hamburgern votierten 59 % für die Einführung einer Stadtbahn. Nun, 11 Jahre später, hat man es endlich geschafft: Bei einer aktuell durchgeführten Umfrage sprachen sich nur noch 41 % der befragten für die Einführung aus.

Wobei 41 Prozent noch immer ein überraschend gutes Ergebnis ist, räumt doch die Presse – vor allem „Abendblatt“ und „Welt“ – regelmäßig Platz für Stadtbahngegner ein. Man mäkelt ständig herum und diskreditiert das Nahverkehrsmittel als „Prestigeprojekt“, so als ob Hamburg die einzige Stadt weltweit sei, die ein weiteres schienengebundenes Massentransportmittel plant bzw. betreibt. „Prestige“ suggeriert auch, als sei die Stadtbahn ein Luxus für gutbetuchte. Aber gerade der Nahverkehr stellt für weniger kaufkräftige Menschen die einzige Möglichkeit zur Mobilität dar, was im krassen Gegensatz zum Wörtchen „Prestige“ steht.

Man vergisst auch nie zu erwähnen, dass es ein „Grünes Prestigeprojekt“ sei, womit man natürlich gestandene CDU-Wähler auf die Palme bringt. Man muss wirklich kein GAL-Wähler sein, um für den quantitativen und qualitativen Ausbau des Nahverkehrs zu sein. Es macht sich aber halt einfach besser, sowas in die Ecke der Öko-Fritzen zu pflanzen. Dabei beweist drolligerweise die Umfrage, dass dieses Vorurteil nicht hinhaut: Die GAL steht bei 10 % – ergo: 31 % der Umfrageteilnehmer sind keine GAL-Wähler und trotzdem für die Stadtbahn. Aber wer will schon Argumente lesen.

Die Berichterstattung der Hamburger Presse ist nicht kritisch gegenüber der Stadtbahn, sondern ablehnend – gelinde gesagt. Und das ist keine Verschwörungstheorie: Schon im Oktober letzten Jahres legte sich die Hamburger Presse einhellig darauf fest, dass die Stadtbahn ihrer Meinung nach in Hamburg nichts zu suchen habe. Unter der scheinheiligen Überschrift „Fährt die Stadtbahn Hamburg in den Ruin?“ (natürlich tut sie das!) fasste das „Abendblatt“ den Journalistentenor so zusammen:

  • Kay E. Sattelmair, Kolumnist und Ex-Geschäftsführer der Welt: Neue Schulden werden jeden Tag bekannt gegeben. Wie sie zurückgezahlt werden, bleibt unverbindlich.
  • Christoph Heinemann, Redakteur im Ressort Landespolitik bei der Hamburger Morgenpost: Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen. In der Krise müssen auch grüne Prestigeprojekte auf den Prüfstand.
  • Martin Kopp, die Welt: Die neue Stadtbahn wird Hamburg noch viel mehr Probleme bereiten, als bisher bekannt.
  • Rebecca Kresse, Hamburger Abendblatt: Die Stadtbahn wird kommen. Unter allen Umständen. Finden wir uns besser damit ab.

Man findet sich natürlich nicht damit ab. Und der Leser darf keine ausgewogene, faire, objektive Berichterstattung erwarten, wenn die geballte Hamburger Presse sich einhellig gegen die Stadtbahn ausspricht.

Das Urteil haben Journalisten gefällt, die nicht in der Lage sind, ein Verkehrsunternehmen vom Verkehrsverbund zu unterscheiden. Oder die einen Artikel über S-Bahn-Surfer mit einer U-Bahn abbilde und nicht einmal den Unterschied zwischen S- und U-Bahn kennen. Journalisten, die offenbar Autofahrer sind und den Auto-Lobbyverband ADAC als „Mobilitätsverein“ titulieren, was falscher gar nicht sein kann. (Zu finden in einem unfassbar schmeichelhaften Interview der „Welt“ mit dem neuen ADAC-Präsidenten Meyer unter der vielsagenden Überschrift „Autofahrers Abrechnung“.) Journalisten, die man in Nahverkehrsdingen als inkompetent bezeichnen darf — und das ist noch sehr höflich ausgedrückt.

Presseschau

Im Folgenden eine kleine Presseschau vom „Abendblatt“ und der „Welt“. Gesucht wurde nach „Stadtbahn“, Rubrik Hamburg, von 01012009 bis 31102009 sowie 01112009 bis 03052010, bei der „Welt“ einfach nach dem Suchbegriff „Stadtbahn“.

Rot markiert: Artikel mit eher negativer Tendenz zur Stadtbahn; abgeschwächt: Taucht zwar in der Ergebnisliste auf, hat jedoch mit dem Thema nichts unmittelbar zutun.

Ein paar konkrete Beispiele: Die „Welt“ berichtete (Mitautor: oben genannter Martin Kopp), das Anwohner ein Bürgerbegehren planten und der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord Wolfgang Kopitzsch (SPD) sich gegen die Streckenführung aussprach; das Kopitzsch ein paar Tage später zurückruderte und sich missverstanden fühlte, war dann keine Meldung mehr wert.

Laut HVV im Fahrgastbeirat vertretene Verbände und Institutionen:
  • ACE-Wirtschaftsdienst GmbH
  • ADFC e. V. (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club)
  • AStA Uni Hamburg (Allgemeiner Studierenden-Ausschuss der Universität Hamburg)
  • Bund für Umwelt und Naturschutz, Landesverband Hamburg
  • DBB Hamburg (Deutscher Beamtenbund und Tarifinformation)
  • DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund)
  • Fahrgast­beirat Harburg
  • Fahrgastbeirat Stade
  • Fahrgastinitiative Hamburg (FIH) / Pro Bahn e. V.
  • Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderungen e. V.,
  • Hamburger Sportbund
  • Handelskammer Hamburg
  • Landesseniorenbeirat Hamburg
  • Landesfrauenrat Hamburg e. V.
  • Landesjugendring Hamburg e. V.
  • SchülerInnen­kammer Hamburg
  • VCD e. V. (Verkehrsclub Deutschland) Landesverband Nord

Für die „Abendblatt“-Umfrage produzierte man gleich drei Artikel (hier, da und dort), die sich alle auf die Stadtbahn ablehnend konzentrierten; das der (sonst sehr schweigsame) HVV darauf mit einer Pressemitteilung reagierte („HVV-Fahrgäste sind für die Stadtbahn“) konnte – leider, leider – bis heute nicht erwähnt werden. Bei keiner der großen Zeitungen. (Korrekterweise bezieht sich die HVV-Pressemitteilung auf den Fahrgastbeirat, in dem neben Privatpersonen auch jede Menge Verbände und Institutionen vertreten sind, siehe Kasten).

Die „Hamburger Morgenpost“ („Mopo“) hält sich bisher im Falle der Stadtbahn zurück, was daran liegen könnte, das Christoph Heinemann („Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen“) damit beschäftigt ist, die armen Schwarzfahrer vor der bösen S-Bahn-Wache zu verteidigen.

Diese Liste könnte man locker fortsetzen, es böte Stoff für ein eigenes Blog.

Unterm Strich ist die aktuelle „Abendblatt“-Umfrage so gesehen aber ein Armutszeugnis für die autoverliebte Presse: Immer noch sind 41 % der Hamburger für die Stadtbahn. Nun steht zu befürchten, das die Umfrage der Startschuss für eine Pressekampagne ist, denn schließlich ist nun die Mehrheit der Hamburger gegen die Stadtbahn, was als Aufhänger dient. Offenbar legt die „Welt“ mit einem schamlosen, wirklich widerlichen Kommentar schonmal los.

Da der Nahverkehr selber keine Lobby hat, dürfen sich Autofahrer entspannt zurücklehnen. Es wäre nämlich ein astreines Wunder, wenn der Nahverkehr trotz kombinierten Widerstand von ADAC und Presse effektiv ausgebaut werden würde. HVV-Kunden haben sich gefälligst mit überfüllten Bussen zu begnügen, alles andere wäre ja Prestige.
— OR