Jack sitzt im Dreck


Wer ein bisschen Small Talk treiben möchte, hat stets ein gutes Thema bei dem alle Anwesenden eifrig Zustimmen: wie schlimm doch die öffentlichen Verkehrsmittel sind. Die S-Bahn ist ständig zu spät, die Fahrpreise viel zu hoch und alles ist viel zu dreckig. Wi-der-lich!

Bei den dreckigen Zügen und Anlagen schwingt immer der unterschwellige Vorwurf mit, die Verkehrsbetriebe seien schuld. Bei näherer Betrachtung eine erstaunliche Sichtweise: Wird das Opfer doch zum Täter gemacht, das Verursacherprinzip umgedreht.

Nein, es werden keine Horden bei U- und S-Bahn engagiert, welche die Fahrzeuge und Anlagen zumüllen. Das erledigen wir Fahrgäste persönlich. Es sind die lieben Mitbürger, denen einfachste Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit aus dem Elternhaus nicht beigebracht wurden. Hierzu zählt, neben Benehmen und Rücksicht auf andere, eben auch, seinen Unrat nicht irgendwo hinzustopfen. Schließlich gibt es die wundervolle Erfindung namens Mülleimer.

Nicht nur die einschlägig Verdächtigen (Jugendliche, Säufer) hinterlassen unangenehme Spuren ihrer Anwesenheit. Frau Müller, eigentlich sehr anständig erzogen, lässt nach ausführlicher Lektüre der neuesten Angebote von Penny wie ausversehen das Werbeblättchen neben sich auf den Sitz gleiten. Da bleibt´s dann auch.

Bei der morgendlichen Fahrt zur Arbeit ballern sich, wie Herr Meier, viele Menschen ihr Hirn mit Ergüssen der „BILD“-Zeitung,  „MOPO“ und anderen hochqualitativen Blättern zu. Mag der Wunsch, solche Blätter möglichst schnell wieder loszuwerden, nachvollziehbar sein – aber deshalb muss Herr Müller sie ja nicht irgendwo rumflattern. Genau dafür stehen doch die Müllbehälter zur Verfügung. Noch besser: Sowas gar nicht erst zu kaufen. Spart ja auch Geld.

Speziell im Busverkehr ist der Genuss von Speisen und Getränken nicht erwünscht, oft ist die Fahrt ja etwas rumpelig, entsprechende Piktogramme ignorieren allerdings viele. McDonalds-Verpackungen oder vom Chinamann, Dönertüten und so weiter finden sehr häufig leider nicht den Weg zum Müllbehälter, sondern werden in den Fahrzeugen hingepfeffert.

Schlicht aus Faulheit; und um beim Small Talk sich darüber zu beklagen, wie dreckig doch alles ist.

Müll, wohin das Auge blickt

Die Reiniger finden so ziemlich alles in den Fahrzeugen. Neben üblichen Dingen wie Zeitungen, Verpackungen und Getränkebehältnissen auch mal Tampons und Kondome – benutzt, wohlgemerkt. All dieser Schweinkram wird von einer angeblich zivilisierten Gesellschaft produziert, die vermutlich für Reinigungsmittel mehr Geld ausgibt, als für Kindernahrung.

Nähert sich der Tag seinem Ende, steigt der Müllhaufen proportional zur Uhrzeit an. Besonders die Wochenendnächte, bei dem U- und S-Bahn rund um die Uhr verkehren. Ein frisch gereinigter Zug verwandelt sich nach wenigen Stationen durch sogenannte Fahrgäste in einer Müllkippe sondergleichen. Mit steigendem Alkoholkonsum sinkt nicht nur die Hemmschwelle, sich wie eine Sau zu benehmen, sondern auch die motorischen Fähigkeiten, Speisen und Getränke zu sich zuführen. Das meiste landet auf dem Fußboden, wer kennt nicht die klebrige, mit Essensreste vermanschten Zustände.

Nicht wenige Bahnsteige erinnern zu solchen Zeiten eher an eine Spelunke, wo jeder säuft und raucht. Von der Warte aus gesehen ist übrigens das Alkoholkonsumverbot zu begrüßen, sofern es denn halbwegs durchgesetzt werden kann.

Mehr reinigen!?

Anstatt nun die Verursacher zu beschimpfen, fordern nicht wenige, die Betreiber müssten mehr reinigen. Dabei werden vor allem die Schnellbahnen sehr wohl zwischendurch gereinigt, nur, es hilft nichts. Je später der Abend, desto hoffnungsloser der Kampf gegen Windmühlen.

Das Problem lässt sich nur an der Wurzel bekämpfen, und das sind nun einmal die Verursacher. Verbund und Verkehrsunternehmen appellieren deshalb verzweifelt an elementare Verhaltensregeln. In den Abendstunden zeigen bei der S-Bahn die Zugzielanzeiger am Bahnsteig an, dass sich Müllbehälter überall befänden. In den U-Bahnen finden sich Plakate mit der Aufforderung „Nimm mich mit – dein Müll“. Der HVV setzt dagegen auf Jack, damit er nicht mehr im Dreck sitzt. Selbst solche Selbstverständlichkeiten, das man die Füße nicht auf dem gegenüberliegenden Sitz parkt, scheint für einige völlig unbekannt zu sein.

Die Wirkung solcher Kampanien ist leider mit wenig Erfolg gekrönt. Große Teile der Kundschaft sind absolut resistent gegen einfachste Benimmregeln. Möglicherweise eine Folge der durch und durch individualisierte Gesellschaft, viele denken nur an ihre eigene Nase. Denn seinen Müll einfach irgendwo hinzupfeffern ist respektlos gegenüber seinen Mitmenschen, die schließlich auch ein Anrecht darauf haben, ordentlich befördert und nicht mit dem Müll anderer konfrontiert zu werden.

Beim nächsten Small Talk kann man dies ja Mal in die Runde werfen. Ob das Nicken immer noch zustimmend sein wird, oder betretenes Schweigen eintritt, ist doch ein Versuch wert. ♦
— Fotos: Rycon

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