Begrifflichkeiten Spezial: kostenlos, fahrscheinlos, fassungslos

Fahrscheinloser Nahverkehr ist so ziemlich das einzige Nicht-Internetthema, mit das die Piratenpartei populär wurde. Der Fraktionsvorsitzende der Berliner Piraten, Christopher Lauer, versuchte vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen dem Fernsehpublikum mit einer „Milchmädchenrechnung“ (Lauer) die Sache schmackhaft zu machen. Jeder, der sich ein wenig mit den Zahlen auskennt, bekam dabei eher Magenkrämpfe.

Die ganze Geschichte ist ziemlich kompliziert und geht ins Grundsätzliche. Das fängt schon bei den Begrifflichkeiten an: Ist das nun kostenlos, fahrscheinlos, umlagefinanziert? Taz-Blogger Sebastian Heiser ist der Meinung, man könne dies als kostenlos bezeichnen. Viele Leser und die Piraten selbst gehen bei dieser Formulierung auf die Barrikaden und pochen auf den Begriff fahrscheinlos, da nichts im Leben kostenlos sei. Als ob es keine anderen Probleme auf der Welt gäbe, hinterlässt die Soße doch einen fassungslosen Eindruck.

Was ist gemeint?

Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel wäre kostenlos, zu jeder Zeit, egal welche Entfernung und für wie lange. Gleichzeitig müssten die Kosten ausgeglichen werden, was durch eine Umlage, Steuern oder was-auch-immer geschähe.

ARD, ZDF, RTL oder, naja, Sat.1 sind auch „kostenlos“ zu Empfangen und zu Nutzen. Finanziert wird dies bei den Öffentlich-Rechtlichen durch einen Rundfunkbeitrag, bei den privaten Sendern durch kauf der angepriesenen Waren und Dienstleistungen. Auch Fußgänger- und Radwege können kostenlos genutzt werden, müssen aber eben auch finanziert werden – durch die Anlieger und/oder öffentliche Gelder, welche die Gemeinschaft per Steuer aufbringt.

Bei genauerer Betrachtung ist „fahrscheinlos“ sogar ein grundfalscher Begriff in diesem Zusammenhang. So ist es theoretisch möglich, per technisch hochgezüchteten eTicket völlig auf Fahrscheine zu verzichten – die Chipkarte in der Brieftasche müsste im Idealfall nicht einmal gezückt werden. Erstaunlich, dass die technikverliebten Piraten darauf nicht selbst gekommen sind.

Jedenfalls käme ein fahrscheinloser Nahverkehr heraus, bei dem die gegenwärtigen Tarife Anwendung fänden. Aber genau das meinen die Piraten ja nicht, ihre Idee ist es, den Nahverkehr an Ort und Stelle dem Nutzer kostenlos zur Verfügung zu stellen. Fahrgäste wären den Fußgängern und Radfahrern gleichgestellt, die ja auch für die Nutzung kein Geld unmittelbar herausrücken.

Das der unverfrorene Versuch der Piraten, ihre politisch-motivierten Begriffe den Schreibern aufzuzwingen, ziemlich am Scheitern ist, lässt sich auch an anderer Stelle feststellen. In Fachpublikationen oder Fachblogs, wie dem wunderbaren Blog „Zukunft Mobilität“, konnte sich fahrscheinlos nicht durchsetzen; durchweg ist vom „kostenlosen ÖPNV“ oder, genauer, „kostenloser Nutzung des ÖPNV“ die Rede.

Andere Umschreibungen wie „umlagefinanziert“, „steuerfinanziert“, per Abgabe, Gebühren oder dem Weihnachtsmann ist Parteisprech in Reinkultur und hat mit allgemein-verständlicher Sprache wenig zutun. Die Krönung ist ja, das überhaupt nicht einmal geklärt ist, wie der ganze Spaß eigentlich finanziert werden soll.

Sebastian Heiser muss sich also weder schämen noch rechtfertigen, wenn er sich den Politikersprechblasen entzieht und die Idee als „kostenlosen Nahverkehr“ eintütet.

Hier auf Rycon wird künftig ebenfalls auf „kostenloser Nahverkehr“ gesetzt; „fahrscheinlos“ ist schon mal im Zusammenhang mit dem eTicket gebucht. ♦

4 responses to this post.

  1. Hallo,

    wie man das letztendlich nennt ist doch eigentlich egal. Hauptsache, alle wissen worüber man redet. Wieder mal eine Phantomdiskussion, die man führt, anstatt sich mit den strukturellen Nachteilen zu beschäftigen.

    Die Piraten formulieren ihre Kritik am Begriff „kostenloser ÖPNV“ ja deshalb, weil man angeblich suggerieren will, dass man ÖPNV-Fahrten verschenkt und die Finanzierung total ungeklärt ist. Das ist definitiv nicht der Fall. Ich kritisiere die Piratenpartei nicht wegen des Begriffes oder der Idee an sich. Es sind vielmehr die Berechnungsfehler, die in fast allen Fällen gemacht werden. Zudem stellt sich in Diskussionen immer wieder heraus, dass man von den Wirkungen eines fahrscheinlosen / umlagefinanzierten ÖPNV nicht wirklich viel Ahnung hat, noch bereit ist ein dynamisches System zu betrachten. Die derzeitigen Rechnungen taugen allesamt nicht viel!

    Aber davon kann man über eine Namensdiskussion eben sehr gut hinwegtäuschen! ;-)

    Viele Grüße,
    Martin

  2. Posted by Kruge on 18.02.2013 at 12.07

    So eine Diskussion um Begriffe ist doch wirklich albern. Diskutiert lieber die Inhalte!

    Aber mich wundert doch sehr, dass hier darauf gepocht wird, dass der Begriff „fahrscheinlos“ seine Berechtigung im Zusammenhang mit eTickets hat. Schließlich ist ein Ticket (in diesem Zusammenhang) nichts anderes als ein Fahrschein. Beim eTicket wird diese Verbindung als Metapher genutzt. Insofern kann hier nun wirklich nicht von „fahrscheinlos“ gesprochen werden. Der Fahrschein liegt weiterhin vor, nur in digitaler Form!

  3. eTickets sind in den meisten Fällen nicht fahrscheinlos. Nur „papierlos“. Außer bei der DB, da muss man Onlinetickets ja wieder ausdrucken und… *grmpf* ;-)

    Was im Artikel eher angesprochen wird, ist die Entwicklung im Bereich eTicketing. Heutzutage kaufen wir beim Handyticket o.ä. noch einen Fahrschein, in Zukunft wird das aber nicht mehr notwendig sein. Durch NFC-/GPS- oder Handyzellen kann man den Einstiegs- und Ausstiegspunkt des Fahrgasten identifizieren und automatisch kilometer- oder zonenabhängig abrechnen. Dann entfällt dann der Kauf eines Fahrscheins.

    Technisch ist das bereits heute möglich und wurde auch schon beispielsweise in Dresden getestet. Die rechtlichen Rahmenbedingungen insbesondere im Datenschutzbereich sind aber noch die große Hürde, die es zu nehmen gilt. Und wir rennen ja anderen Ländern hinterher. Dort sind Smartcards mit RFID/NFC-Chips üblich, in Deutschland sind wir allmählich dabei diese Ticketing-Art einzuführen. Um dann in fünf Jahren dem mobile-ticketing 2.0 hinterherzurennen! ;-)

  4. Posted by René on 08.01.2015 at 16.52

    Es ist schade, wenn als einziges „Nicht-Internetthema“ der Piraten der fahrscheinlose Nahverkehr im Gedächtnis hängen blieb. Das Grundsatzprogramm der Piraten gibt es hier:
    http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm

    Teilt man die durch Fahrkartenverkäufe erzielten Erlöse durch die Einwohner (alle!) einer Stadt von Berlin, wird ein Beitrag von um den Daumen gepeilt 20 Euro herauskommen. Je nach Präferenz lassen sich auch noch soziale Komponenten einfügen. Aber am Ende des Tages müssen die Kosten des ÖPNV aufgeteilt sein. Und dann ist klar: jeder muss zahlen. Ähnlich wie ein Rundfunkbeitrag. Oder ein Semesterticket.

    Du bemängelst, dass nicht klar sei, wie das ganze zu bezahlen ist und tust gleichzeitig die beiden wohl wichtigen Begriffe „steuerfinanziert“ (hier vor allem Grundsteuer) und „umlagefinanziert“ als „Parteisprech in Reinkultur“ ab.

    Der Begriff „kostenlos“ wäre allenfalls bei einem steuerfinanzierten Ansatz legitim (und ist schon bei ARD und ZDF falsch). Der Begriff „fahrscheinlos“ wird häufg für Erfassungssysteme bei Ein- und Ausstiege (sehe Martin) benutzt.

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