Fahrpreise steigen – nicht nur hier, sondern auch dort

Der HVV will am 01.01.2013 die Fahrpreise um durchschnittlich 3,5 % anheben. Die politische Zustimmung gilt als Formsache. Eine wunderbare Gelegenheit, sich über die viel zu hohen Preise aufzuregen und die schon obligatorischen „schon wieder!“-Rufe zu hören beziehungsweise zu lesen.

Das jährliche Ritual ist so vorhersehbar wie langweilig. Die Stromkosten steigen auch fast jährlich und der Treibstoff drüben an der Tanke sogar noch viel öfter; auch wenn er zwischen durch mal sinkt, im Jahresschnitt geht’s auch beim Autofahrer steil bergauf. Leider brauchen die angeblich so billigen Busse auch das Gesöff. Und neue Busse verbrauchen nicht weniger Treibstoff, sondern tendenziell eher mehr, was an der immer aufwendigere Abgasnachbehandlung liegt (und der Klimaanlage).

Die Spezialisten von der „Hamburger Morgenpost“ nahmen sich beherzt des Themas an und versuchten, die HVV-Preise mit denen aus Berlin, Köln, München und Frankfurt zu vergleichen. Heraus kam ein ziemlich armseliges Ergebnis und in der Latte von Leserkommentaren kam oft der berechtigte Einwurf, die einzelnen und willkürlich herausgegriffenen Tickets könne man gar nicht vergleichen. (Überhaupt reagierten viele der Leser weniger hyperventilierend, als die Journalisten.)

Es sei aber zugegeben, das solche Vergleiche extrem verführerisch sind, auch ich habe mich da abgemüht. Nur: Es gibt einfach keine objektive Möglichkeit, die Preise zu vergleichen. Viel zu viele Dinge sind zu berücksichtigen: Verbundraum, Einwohnerdichte, Größe der Kernstädte, Ausgestaltung der Angebote – nur um einige Parameter zu nennen.

Die Einzelkarte in Berlin hat natürlich einen ganz anderen Preis, als bei uns in Hamburg; dort wird der öffentliche Verkehr ja völlig anders abgewickelt. Wir setzen, so wollen es die Politiker und die Bürger, auf den so angeblich-billigen Busverkehr. Berlin dagegen ist durchzogen von einem engmaschigen Schienennetz, fünf (!) untereinander inkompatible Systeme – plus Bus – sorgen landseitig für das Fortkommen.

Stark auf den Preis wirkt sich aus, wie sehr die politische Klasse den Nahverkehr stützt. Berlin ist da offensichtlich sehr sozial. Die Hamburger Pfeffersäcke wollen aber lieber den Etat für den Nahverkehr deckeln, damit zusätzliche Mittel für die Straße eingesetzt werden können. Lieben Gruß an den ADAC, dessen Lobbyarbeit man in dieser Stadt wirklich nur bewundern kann.

So ganz ohne Vergleich kommt aber auch dieser Beitrag auf Rycon nicht aus. Man möchte ja doch schon wissen, ob die ständigen Behauptungen, der HVV sei der teuerste Verkehrsverbund der Republik mit den stärksten Steigerungen, belegbar sind.

Als Datengrundlage wurden jedoch nicht willkürlich Angebote herausgepickt, sondern schlicht die prozentualen Tarifanhebungen (Durchschnitt) der kommenden und gegenwärtigen Periode.

Hierzu wurden die Verbünde (keine angenehme Aufgabe) jeweils abgegrast. Der Fernverkehr der Deutschen Bahn AG zusätzlich als vergleich [i = Info/Quelle].

Verbund Kernstadt/Gebiet Erhöhung Seit/ab Letzte Anpassung
HVV Hamburg 3,5 % 01.01.2013 01.01.2012 (+3,5 %)

[i]

MVV München 3,7 % 09.12.2012 11.12.2011 (+2,3 %)

[i]

VBB Berlin 2,8 % 01.08.2012 01.01.2011 (+ 2,8 %)

[i]

VBN Bremen 2,7 % 01.01.2012 01.01.2010 (+ 2,98 %)

X

RMV Rhein-Main 3,9 % 12/2012 12.12.2011 (+ 2,7 %)

[i]

GVH Hannover 11.12.2011 (+ 2,43 %)

X

VRR Rhein-Ruhr 3,9 % 01.01.2013 01.01.2012 (+ 3,9 %)

[i]

DB AG Deutschland 2,8 % 09.12.2012 11.12.2011 (+ 3,9 %)

[i]

 

Anmerkung: Für den VBN (Bremen) ist eventuell und bei dem GVH (Hannover) wahrscheinlich eine Tarifanhebung zu erwarten. Die Perioden sind in den Verbünden freibleibend.

Das Ganze plakativer als Balkendiagramm (ohne GVH):

Steigerungen: Überall

Nicht nur der Hamburger Fahrgast muss künftig tiefer in die Tasche greifen, der Trend zeigt – jedenfalls bei den hier ausgewerteten Verbünden – nach oben. Der Münchener Verkehrsverbund liegt höher als der HVV bei der Preissteigerung; die beiden Flächenverbünde RMV und VRR müssen sogar noch mehr zuschlagen. Die Verbünde der Kernstädte Berlin und Bremen sind humaner.

In den Tarifanhebungsrunden spielt der HVV oben mit, außergewöhnliche Dreistigkeit kann man jedoch nicht attestieren.

Interpretation der Daten und Strategie der Erhöhungen

Bei den oben genannten Zahlen und Auswertungen sowie den Schlagzeilen der Presse sollte eines jedoch nicht übersehen werden: Es handelt sich um Durchschnittswerte über das jeweilige (sehr unterschiedliche) Fahrkartensortiment hinweg. Für den individuellen Kunden steigen die Preise ebenso individuell – und das meist nicht in den Perioden, sondern wesentlich gedehnter.

Ein Beispiel: Für die Einzelkarte Kind blieb der Preis (1 Euro seit 2009) gleich, obwohl in dieser Zeitspanne die Preise durchschnittlich mehrmals angehoben wurden. Erst mit der kommenden Preisperiode (ab 09.12.2012) erhöht sich der Obolus nach drei Jahren um 10 Cent auf 1,10 Euro.

Speziell die Presse greift sich gerne die Preissteigerungen aus dem Einzelfahrschein-Angebot heraus, weil die prozentualen Steigerungen hier besonders krass wirken. Dabei liegen sie real – in ganzen Zahlen – im niedrigen Cent-Bereich. Im Beispiel mit der Kinderkarte sind das 10 Prozent, eine sehr dramatisch wirkende Erhöhung; nach drei Jahren real gesehen aber durchaus nachvollziehbar.

Bestimmte Angebote, die die letzten Preisperioden über unangetastet blieben, werden also – so scheint es – überproportional erhöht. In der öffentlichen Darstellung wird dann schnell als „Abzocke“ bezeichnet.

Das ist schlicht falsch. Die Anpassungen müssen zu bezahlbaren Preisen führen, und damit ist nicht der Nennwert gemeint; eine Fahrkarte für 1,99 Euro oder ein Seniorenticket für 33,33 Euro ist im Vertrieb relativ bekloppt. Die Preissteigerungen erfolgen in 5, 10-Cent oder mehr Schritten. Hier wird über die Jahre solange gewartet, bis ein griffiger Endpreis herauskommt. Wie gesagt, prozentual gesehen dann enorme Steigerungen, tatsächlich aber (meistens) Pipifax.

Dieses Hintergrundwissen ist bestimmt bei der Einordnung von Schlagzeilen aus der Hamburger Presse gewiss nicht abträglich. Nahverkehr besteht eben nicht nur daraus, Busse und Bahnen von A nach B zu fahren, sondern aus vielen Dingen mehr. Vertrieb und Marketing sind mindestens genauso wichtig (geworden). ♦
— Tabellen: Rycon

2 responses to this post.

  1. Posted by HErbert on 27.09.2012 at 20.11

    Ich halte die relativen Preissteigerungen für nicht so sehr aussagekräftig. Kein Fahrgast zahlt seine Fahrkarte in Prozent. Interessant sind die absoluten Preise, sehr aussagekräftig auch die Erträge z.B. pro Fahrgastfahrt. Und da liegt Hamburg häufig ganz weit vorn mit dabei. Ob das die richtige Strategie ist in einer Stadt, in der der ÖPNV im Wettbewerb auch noch eine eher schwache Position hat, kann man bezweifeln. In der freien Wirtschaft kämen nicht viele Unternehmen auf den hinteren Markträngen auf die Idee, ihre Wettbewerbsposition durch immer höhere Preise und Komfortreduktion (Einstieg vorn) zu stärken. Davon abgesehen sollten in einem Vergleich der relativen Erhöhungen auch die Zeiträume zwischen den Erhöhungen berücksichtigt werden. Der HVV erhöht spätestens nach 12 Monaten, in Berlin dagegen blieben die Preise seit der vorhergehenden, eher moderaten, Preiserhöhung länger stabil (und davor für Einzelkarten sogar mehrere Jahre). Interessant wäre da z.B. ein Vergleich über die letzten fünf Jahre.

  2. Posted by Friedhelm on 28.09.2012 at 11.42

    Das beste Marketing wäre ein gutes Angebot. Da man das nicht kann/will/darf muss man eben die Werbemaschine anwerfen…

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