HADAG: im schwierigen Fahrwasser


Die HADAG (= Hafendampfschiffahrts-Actien-Gesellschaft) Seetouristik und Fährdienst AG betreibt mit 22 Schiffen Personenverkehr im Hamburger Hafen/Elbe und ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Hamburger Hochbahn AG. Sie gehört mit nur 80 Mitarbeitern (durchschnitt 2011, vgl. HOCHBAHN-Unternehmensbericht [PDF] S. 85) zu den kleinsten Verkehrsunternehmen in Hamburg. Die HADAG wird im Hamburger Beteiligungsbericht ausgewiesen.

Der Großteil des Liniendienstes erfolgt im Tarif des Hamburger Verkehrsverbundes. Der HVV reiht die Hafenfähren als 6x/7x in seine Liniensymmetrie ein, auf einen Linienbezeichner wird verzichtet (Produktplan mit Linien und Tarifabweichungen: [PDF] ~ 0,8 MB). Neben Berufsverkehr spielt der Freizeit- und Touristenverkehr eine bedeutende Rolle; Erledigungs- und Schülerverkehr findet nur begrenzt statt.

Steigende Nachfrage

Im HVV-Liniendienst verdoppelte praktisch die HADAG in den letzten zehn Jahren die Personenfahrten, von 3,8 Millionen 2001 auf 7,55 Millionen Personenfahrten 2011. Während innerhalb dieser Zeitspanne es zu Fluktuationen kam, zeigt die Tendenz weiter gen Norden: 2017 wird mit ungefähr 8,7 Millionen Passagieren gerechnet (vgl. HOCHBAHN-Unternehmensbericht [PDF] S. 23/24).

Finanzielle Lage

Obwohl die Beförderungszahlen der HADAG in der jüngeren Vergangenen ein stetiges Wachstum aufweist, liegt die Unternehmensleistung (Umsatz) dicht am jährlichen Verlust [Drs. 20/4795].

Ursächlich ist der sehr hohe Investitionsaufwand für neue Fähren sowie Treibstoffkosten. Effizienzsteigerung, zum Beispiel durch Betrieb von Einmannfähren (und damit geringere Personalkosten) oder der Bugwulst an Fährschiffen, was zur Treibstoffeinsparung führt, können die Steigerung der laufenden Betriebskosten kaum auffangen.

Fähren und Fahrten

Die Anzahl der im Betrieb befindlichen Schiffe schwankte die vergangenen 10 Jahre erheblich.

Die Flotte ist ständig im Einsatz, eine Reserve wird nicht vorgehalten [Drs. 20/2054]. Dennoch gehören Fahrtausfälle zu den eher seltenen Ereignissen. Die am meisten frequentierte Linie 62 verkehrt etwa 22.000-Mal im Jahr (Jahresdurchschnitt 2001-2011), die HVV-Relevanten Fahrtausfälle lagen durchgehend im zweistelligen Bereich und sind in den letzten Jahren rückläufig.

Für das 1. Halbjahr 2012 ist jedoch ein erneuter Anstieg zu verzeichnen. Von 13.500 durchgeführten Fahrten konnten 42 (ergo 0,31 Prozent) nicht durchgeführt werden.

Aktuelle Ereignisse

Am 16.09.2012 führte die Wasserschutzpolizei eine Fahrgastzählung auf der Linie 62 durch und ermittelte 361 Passagiere auf der „Övelgönne“. Dabei war die eingesetzte Fähre nur für 250 Personen vorgesehen, das Schiff also zu 44 % überbesetzt.

Ursächlich für die Überbesetzung soll ein defektes automatisches Fahrgastzählsystem (AFZ) sein. Hierbei gibt es bei der HADAG als Fährbetrieb eine Besonderheit, die dem Autor bis dato auch unbekannt war: Die normalen Fahrgastzählsysteme bestehen aus einer über den Türen angebrachten Lichtschranke. Hiermit werden Ein-/Aussteiger erfasst und rechnerisch die Fahrzeugbesetzung ermittelt. Die Daten werden nicht dem Fahrpersonal angezeigt, sie Dienen der Statistik und zur Berechnung der Linienbeförderungsfälle (die wiederum zur Abrechnung mit dem Verkehrsunternehmen benötigt werden). Diese Systeme sind in einigen – bei weitem nicht allen, was auch nicht vorgesehen ist – Schnellbahnen und Bussen vorhanden. [Beispiel: PDF]

Auch die HADAG verwendet auf einigen Fähren dieses System, setzt aber noch ein weiteres ein. Da seit Start der sogenannten Einmannfähren kein weiteres Betriebspersonal mehr an Bord ist, kann dieses auch nicht den Besetzungsgrad feststellen. Der Schiffsführer kann dies Selbst nur eingeschränkt ermitteln und wird durch ein Personenzählsystem [Beispiel: PDF] unterstützt, dass auf Basis von Kameras arbeitet. Dem Schiffsführer wird per Leuchtmelder und Ampelsystem der Besetzungsgrad angezeigt. Im aktuellen Fall soll dieses ausgefallen sein.

HVV-Qualitätssteuerungsverfahren/Kundenbeschwerden

Die letzten Ereignisse und Presseberichte decken sich auf den ersten Blick nicht mit den Ergebnissen der HVV-Qualitätsberichte 2009 [PDF, ab S. 14] und 2010 [PDF, ab S. 22]. Für den Bereich Pünktlichkeit handelt es sich um Fahrgastbefragungen und somit um die vom Kunden „gefühlte Pünktlichkeit“. In diesem Bereich attestiert der HVV dem Fährbetrieb ein außerordentlich gutes Ergebnis (Wert: 1,54 auf einer Skala von 1 bis 5).

Dieses globale Ergebnis ist in der aktuellen Diskussion konträr, da „zu berücksichtigen ist, dass […] ein relativ hoher Anteil von Freizeitverkehren vertreten ist, die auf Unpünktlichkeit nicht so sensibel reagieren, wie der tägliche Fahrgast auf dem Weg zur Arbeit oder anderen Erledigungen.“

Zur objektiven Beurteilung erweisen sich damit die HVV-Qualitätsberichte als wenig brauchbar. Speziell im Falle der HADAG sind ohne eine gesonderte Betrachtung zwischen Gelegenheitskunde (Freizeitverkehr) und Stammgast (Pendler) die ermittelten Pünktlichkeitswerte unrealistisch.

Demgegenüber steht die Beschwerdelage. Hier ist davon auszugehen, dass praktisch nur Stammkunden sich die Mühe machen, sich wegen Unpünktlichkeit oder Fahrtausfällen bei der HADAG zu beschweren. Bezogen auf die Passagierzahlen liegen die Beschwerden auf extrem niedrigem Niveau, sind aber im ersten Halbjahr deutlich angezogen.

Künftige Entwicklung

Durch weitere Linien, Linienerweiterung und -verstärkung ist mittel- bis langfristig vorgesehen, das Leistungsangebot der HADAG im HVV-Fährdienst weiter auszubauen. Insbesondere die HafenCity, und damit Berufs- und Freizeitverkehr, inklusive des Veranstaltungsverkehrs für die Elbphilarmonie, soll m­it der Fährlinie 72 neue Kunden anlocken. Zur Deckung dieser und weiterer Verkehrsnachfrage ist die kapitalintensive Anschaffung von bis zu vier neuer Fähren (zwei für 2013, Rest bis etwa 2015) vorgesehen (siehe HOCHBAHN-Unternehmensbericht [PDF] S. 23/24).

Als Reaktion auf die zuletzt gestiegenen Personenfahrten und der schlechten Presse wird überlegt, die Fähren an ihren Endpunkten vollständig zu entleeren. Alle an Board befindlichen Passagiere haben vor Rückfahrt die Fähre zu verlassen, so, wie es auch in allen anderen öffentlichen Verkehrsmitteln gängig ist. Dauerfahrgästen, die den ganzen Tag mit der Fähre hin- und herfahren, soll die unfreiwillige Hafenrundfahrt somit madiggemacht werden. Möglich ist auch eine Beschränkung einzelner Fahrkarten, um eine Dauernutzung zu erschweren.

Die HADAG ist heute komplett durchrationalisiert. Weitere Personal- und Treibstoffeinsparungen erscheinen im nennenswerten Umfang nicht mehr realisierbar. Die Flotte an eingesetzten Fähren ist weitgehend vereinheitlicht. Einkünfte durch höhere Kundennachfrage und den daraus resultierenden Fahrgeldeinnahmen aus dem HVV-Pool dürften durch die Indienststellung weiterer Fährschiffe kompensiert werden. Eine Steigerung der Effizienz ist allenfalls durch Bau von Fährschiffen mit höherer Beförderungsleistung möglich; wenn gleich diese auch zu höherem Investitionsaufwand und entsprechenden Treibstoffbedarf führen. ♦
— Titelbild: HVV; Tabellen: Rycon

One response to this post.

  1. Posted by Wolfgang Kühl on 22.09.2012 at 16.33

    Umfangreicher, offenbar gut recherchierter Artikel, der die aktuelle Diskussion in der Presse versachlicht.
    Könnten die Energiekosten durch Einsatz von Solar reduziert werden?
    Wolfgang K.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s