Zeichen und Wunder

Ich hätte es nie für möglich gehalten, in diesem Blog jemals einen Artikel des „Hamburger Abendblatt“ uneingeschränkt empfehlen zu können. Doch es geschehen tatsächlich Zeichen und Wunder: In einem Leitartikel entdeckt Oliver Schirg, das die Hamburger immer mehr auf ein eigenes Auto verzichten und andere Wege der Mobilität beschreiten oder besser: Befahren. Gleich als Erstes heißt es:

Die Zahl der Hamburger, die das eigene Auto stehen lassen und stattdessen auf alternative Möglichkeiten umsteigen, wächst unaufhörlich. Ob Hochbahn, Carsharing oder StadtRad: Diese Unternehmungen vermelden alle seit Monaten einen zum Teil rasanten Zuwachs an Kundschaft.

Dazu passend wurde jetzt das Ergebnis einer Studie bekannt, wonach der Anteil der Einwohner mit eigenem Auto sinkt, je mehr Einwohner eine Stadt hat. Während in Millionenstädten wie Hamburg oder Berlin auf 1000 Einwohner 322 Fahrzeuge privat zugelassen sind, sind es in Städten mit weniger als einer halben Million Einwohnern 498.

Ein echtes Wunder, das jemand aus der Hamburger Presselandschaft diese Entwicklung endlich einmal zur Kenntnis nimmt. Im Ergebnis kommt Schirg zu dem Schluss zur Hamburger (Nah-) Verkehrspolitik:

Der schleppende Ausbau von Radwegen, der Verzicht auf die Stadtbahn, das Feigenblatt namens Busbeschleunigungsprogramm und nicht zuletzt die Tatsache, dass nicht die Stadtentwicklungs-, sondern die Wirtschaftsbehörde für die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur verantwortlich ist, […]

Mit Beginn des neuen SPD-geführten Senats wurde die ÖPNV-Politik aus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) in die Wirtschaftsbehörde transferiert – und steht seitdem unter den Fittichen von Frank Horch. Der gilt zwar offiziell als parteilos, gehört aber einer anderen Großen und Einflussreichen, nicht demokratisch legitimierten, Hamburger Partei an: der hiesigen Handelskammer, dessen Präses er vor seinem neuen Posten war. Horch fiel schon vor zwei Jahren mit viel Propaganda gegen die Stadtbahn hier im Blog auf.

Gleiches gilt für das „Hamburger Abendblatt“. Wenn man will, könnte man aus dem aktuellen Leitartikel herauslesen, dass die eigene Berichterstattung in den letzten Jahren – mit dem scheuklappenmäßigen Blick auf das Auto – völlig an der Entwicklung vorbei ging.

Der „Abendblatt“-Artikel schließt mit den Worten:

Hamburgs Bürger sind schon viel weiter als die politisch Handelnden in den Amtsstuben.

…und der Journalisten in den Redaktionen der Hamburger Presselandschaft. ♦

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