Ausnahmezustände im Hamburger Nahverkehr

Tagtäglich fahren viele Menschen mit Bus & Bahn – zur Schule, zur Arbeit, zum Einkauf. Weniger bekannt ist, das die öffentlichen Verkehrsmittel und ihre Anlagen auch im Falle eines Falles dem Schutz der Bevölkerung dienen. Einige Maßnahmen, insbesondere Luftschutz und atomare Angriffe, sind in den letzten Jahren glücklicherweise in den Hintergrund getreten, andere – man denke an den Terrorismus – leider dazugekommen.

Es lassen sich grob vier Szenarien beschreiben.

  1. Verkehrsstörung: Wenn eine bedeutende Störung innerhalb des Verkehrsnetzes auftritt – beispielsweise der Elbtunnel ausfällt – liegt eine Verkehrsstörung vor („begrenzter Störfall“).
  2. Evakuierungsmaßnahmen: Die öffentlichen Verkehrsmittel werden für Evakuierungsmaßnahmen herangezogen. Für die Hafenstadt Hamburg bezieht sich das vornehmlich auf Sturmfluten (Hochwasserschutz), bei dem ein oder mehrere Stadtteile geräumt werden müssen.
  3. Zivilschutz: Im Kriegsfall sind einige Verkehrsanlagen (U- und S-Bahnhöfe) Zivilschutzanlagen, sprich Bunker. Es werden auch Züge eingesetzt, insbesondere in Harburg-Rathaus, welches 3 Langzüge (jeweils 9 Wagen) aufnehmen kann bzw. muss.
  4. Einstellung: Bei terroristischen Angriffen wird der öffentliche Verkehr vollständig angehalten, alle Anlagen und Fahrzeuge sind dann sofort zu räumen.

Organisatorisches: ZIS-Fall

Bei Bedarf wird der ZIS-Fall/Großer Störfall festgestellt. ZIS steht für „Zentrale Informationsstelle“, und die bildet sich aus den Elementen „Zentrale Telefonauskunft“ und „Zentraler Informationsstab“ (ZIS-Stab). Im Zuge der Neuordnung des HVV 1997 wurde der ZIS unternehmensübergreifend bei der HOCHBAHN angesiedelt.

Im ZIS-Stab finden sich Vertreter der HOCHBAHN, S-Bahn Hamburg und dem HVV zusammen. Geleitet wird die Stabsabteilung von der HOCHBAHN. Der Leiter agiert auch als Sprecher für den HVV. Man hält zu den anderen Verkehrsunternehmen (VHH/PVG, AKN, HADAG und so weiter) kontakt.

Aufgaben des ZIS sind sammeln von Informationen, Analyse, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit. Letzteres meint, dass Presse, Funk und Fernsehen („Informationsbedarfträger“) auf dem laufenden gehalten werden, damit diese ihrerseits die Bevölkerung informieren.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, braucht es jede Menge Information. Der ZIS-Stab nimmt die Meldungen der Betriebsleitstellen aller Verkehrsunternehmen entgegen, analysiert und entwickelt daraus Lageberichte und generiert so Meldungen für die Massenmedien.

ZIS-Fall: begrenzter Störfall

Befindet sich der überwiegende Teil des ÖPNV-Gesamtsystems noch im Regelbetrieb, zählen auch scheinbar große Störungen zu den „begrenzten Störfallen“, da diese räumlich begrenzt sind. Griffiges Beispiel ist die Sperrung des Elbtunnels, z.B. durch einen Feuerwehreinsatz. Hier ist die vordringlichste Aufgabe, den Verkehr Richtung Harburg am Laufen zu halten, was praktisch nur die S-Bahn schafft (respektive Deutsche Bahn).

ZIS-Fall: großer Störfall

Sobald „der überwiegende Teil des ÖPNV-Gesamtsystems unter dem Einfluss überörtlich wirkender Störfaktoren in einem länger andauernden instabilen Zustand befindet“, so heißt es im Bürokratendeutsch, wird der „große Störfall“ festgestellt. Hierzu zählen alle nachfolgenden Szenarien.

Zivilschutz
Glücklicherweise ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs das Thema Zivilschutz (im Kriegsfall) nicht mehr aktuell, sondern kann als historisch betrachtet werden. Noch in den 1980er-Jahren wurde die U2-Erweiterung nach Niendorf Nord aber so gebaut, dass die neuen Stationen gleichzeitig als Bunker (korrekt: Zivilschutzanlagen) dienen können.

Man ging allgemein davon aus, dass ein Atomschlag nicht von jetzt auf gleich stattfindet, sondern durch eine politische Krise eingeleitet werden würde. Man rechnete also mit einer Vorlaufzeit. Innerhalb dieser Zeitspanne sollten die Bunker dann in Betrieb gesetzt, das heißt insbesondere, mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern bestückt werden. Diese hätten für exakt 14 Tage gereicht.

Im Volksmund werden diese Anlagen als Atombunker bezeichnet, da sie direkte Einschläge bis zu einem gewissen Grade aushalten können. Die Atemluft wird von außen zugeführt und durch Aktivkohlefilter von Strahlenpartikeln gereinigt; zur Trinkwasserversorgung sind Brunnen gegraben worden. Mit Diesel betriebene Stromgeneratoren sorgen für Licht, dessen Abgase werden durch entsprechende Öffnungen ins Freie geleitet. Schleusen befinden sich in den Zugangsbereichen der Stationen, diese sind heute noch gut erkennbar; auf dem Boden sind schmale Platten verlegt, sie verdecken die Führungsschiene der Tore, die aus den Seitenwänden herausgezogen werden können. Mächtige Tore befinden sich auch zwischen Station und dem eigentlichen Streckentunnel.

Nach Einfahrt der letzten U- oder S-Bahn wäre nach schließen der Tore die Station hermetisch abgeriegelt, abgesehen von den beiden Be- und Entlüftungsöffnungen. Die Züge stünden als Aufenthaltsraum zur Verfügung.

Glücklicherweise werden diese Anlagen heute nicht mehr ernsthaft gebraucht und sind überflüssig.

Einstellung des öffentlichen Verkehrs
Zu einer Art Ausnahmezustand führen terroristische Angriffe, besonders solche, die auf Verkehrsanlagen abzielen, auch als „weiche Ziele“ bekannt. Auf Anordnung der Sicherheitsbehörden wird dann der Nahverkehr eingestellt. In den Fahrzeugen und den Anlagen erfolgt die Durchsage:

ACHTUNG! – Eine Durchsage: Aus Sicherheitsgründen ist der gesamte Schnellbahn- und Busbetrieb in Hamburg eingestellt worden. Bitte verlassen Sie umgehend die Haltestelle!

Die Fahrer steuern die nächstgelegene Haltestelle an und die Fahrgäste haben die Anlagen zu räumen. Gegebenenfalls werden die Stationen nach der Räumung durch Herablassen der Tore abgeriegelt. Der Sinn dieser Maßnahme besteht darin, dass es keine Punkte mehr gibt, wo sich große Menschenmengen räumlich konzentrieren.

Weitere große Störfälle
Fällt großflächig die Energieversorgung aus, fällt auch dieses Ereignis zu den großen Störfällen, denn auch die Schnellbahnen verkehren mit Strom. Gleiches gilt bei Evakuierungsmaßnahmen, die im Zusammenhang mit schwerwiegenden Unfällen der Atomkraftwerke stehen. Hier wird entgegen der Windrichtung evakuiert. Zentraler Punkt bei Evakuierungsmaßnahmen in Hamburg ist übrigens generell der Heilige Geistfeld. ♦
— © Foto (Symbolbild): Albrecht E. Arnold  / pixelio.de

One response to this post.

  1. Posted by Eric on 07.08.2011 at 09.09

    Nicht unrealistisch für die nächsten Monate ist eine Coronal Mass Ejection der Sonne im X-Klasse Bereich. Die würde Stromversorgung und Funk längerfristig ausblasen. Hoffentlich hat man auch dafür eine Koordination geplant die ohne Stromversorgung noch funktioniert.

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