HOCHBAHN-Bilanz 2010: Licht und Schatten

Der HVV blickte auf ein sehr erfolgreiches Jahr 2010 zurück, gleichsam vermeldete Anfang letzten Monats das größte Verkehrsunternehmen im Verbund, die Hamburger Hochbahn AG,aus ihrem Hochbahnhaus in der Steinstraße ordentliche Zahlen. Der Bus- und U-Bahn-Betreiber konnte satte 413,9 Millionen Personenfahrten in seinen Verkehrsmitteln abwickeln, ein Plus von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
In der Bilanzpräsentation [PDF] weist das Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt deutliche Angebotsausweitungen aus: So sei von 2000 bis 2010 bei der U-Bahn 26,9 % und im Busressort 17,3 % mehr Kilometer gefahren worden („Nutzwagenkilometer“, sprich im Fahrgastverkehr).

Viel Plus an Verkehr, wenig Plus in der Kasse

Dass steigende Nutzung der Verkehrsmittel nicht automatisch zu mehr Einnahmen führt, zeigt sich deutlich beim Jahresfehlbetrag bzw. dem Kostendeckungsgrad des Konzerns. Denn obwohl zu Beginn dieses Jahres die Fahrpreise kräftig angehoben wurden und die Beteiligungen mehr Gewinn abführten, konnte der Kostendeckungsgrad nur sehr begrenzt verbessert werden und beträgt nun 88,7 % (2009: 88,1 %). Unterm Strich fiel der Jahresfehlbetrag auf 56,6 Millionen Euro. Die Beteiligungen steuerten 8,9 Millionen Euro bei.

Wie bei allen Verkehrsbetrieben stellt der Personalaufwand den größten Kostenblock da, etwas über 195 Millionen Euro entfielen allein darauf. Der bei jeder Kleinigkeit öffentliche Aufschrei nach mehr Personal sollte unter diesem Gesichtspunkt skeptisch betrachtet werden.

Ohne die Fahrpreiserhöhung Anfang des Jahres hätte die HOCHBAHN deutlich schlechter abgeschnitten. Das Unternehmen rechnet damit, das das gute Ergebnis in den nächsten Jahren nicht gehalten werden kann; kostspielige Investitionen in das aufwendige U-Bahn-System stehen an, das kapazitätsschwache und personalintensive Busressort muss dem steigenden Bedarf angepasst werden. Wie im Konkreten steht offiziell nicht fest.

Licht & Schatten

2012 kommen mit dem „Projekt Nordring“ umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten bei der U3 an. Das derzeit laufende Projekt „Ostring“ erhielt einen Rückschlag, so muss die U3-Unterbrechung bis 03.10.2011 erweitert werden. Kellinghusenstraße liegt schon weit außerhalb des ursprünglichen Zeit- und Kostenrahmens. Die U4 dagegen liegt, nachdem Kosten und Zeitplan auch hier nach oben korrigiert werden mussten, soweit im Soll.

Die neue U-Bahn-Baureihe DT5 lässt weiter auf sich warten; der HOCHBAHN entstehen jedoch, außer entgangener Energieeinsparung, erstmal keine weiteren Kosten. Die ersten Einheiten wurden zu einem Festpreis geordert. Ob die spätere Serie am Ende nicht aber doch teurer wird als ursprünglich vorgesehen, erscheint nicht unwahrscheinlich.

Im Busbereich – traditionell im Konzern wenig betüttelt – stehen hohe Investitionen an. Der Betriebshof Langenfelde wird die nächsten Jahre über aufwendig neu gebaut und in der Kapazität erweitert. In Wandsbek werden die Sozialräume modernisiert. Eventuell steht eine Erweiterung der Servicehalle an, um diese für überlange Doppelgelenkbusse tauglich zu machen. Der Betriebshof Harburg soll eine Zweigstelle bekommen, der eigentliche Betriebshof wird – entgegen anderslautenden Behauptungen der Lokalpresse – jedoch nicht den Standort wechseln. In Hummelsbüttel wird irgendwie immer gebuddelt. Ob sich an den Steinzeitbetriebshöfen Mesterkamp und Harburg demnächst baulich etwas tut, steht noch in den Sternen.

Rückschläge sind bei der Einführung des elektronischen Fahrausweisdruckers, EFAD II, zu verkraften. Nach Harburg wurden die Busse in Wandsbek damit ausgestattet, aufgrund von Softwareproblemen ist die weitere Umrüstung jedoch ausgesetzt. Sehr bitter, wenn man bedenkt, dass der Auftrag an den Hersteller Höft & Wessel bereits 2007 erteilt wurde; vier Jahre später plagt man sich immer noch damit ab. Skurrilerweise ist noch nicht einmal geklärt, womit die Touchscreens eigentlich gereinigt werden sollen.

Nicht vom Fleck kommt man mit der Einführung des Betriebshofsmanagmentsystems (BMS). Mit diesem komplexen System kann die Zettelwirtschaft aus Großvaters Zeiten endlich beseitigt und das Disponieren von Fahrzeugen optimiert werden. Hierfür sind auf einigen Höfen neue Zapfsäulen fällig, die teilweise schon ein sehr hohes Alter erreicht haben. BMS erfasst den Verbrauch jedes einzelnen Fahrzeugs und kann so ziemlich alles – außer Kaffeekochen.

Erschreckend verläuft die Einführung der Applikation profahr, welche die Diensteinteilung in die Neuzeit katapultieren soll. Zwar arbeitet man dort immerhin schon mit EDV, jedoch hat die Software antiquierten Character. profahr sollte bereits seit Anfang des Jahres laufen, vom Hersteller war aber zu vernehmen, dass die HOCHBAHN mit immer neuen Sonderwünschen angedackelt kam. Pikant dabei ist, dass die „neue“ Software schon seit Jahren erfolgreich im U-Bahn-Betrieb läuft – und nicht nur da. Dies lässt den begründeten Verdacht aufkommen, das die Verantwortlichen dieses Projekt mit purer Absicht verschleppen.

Aussichten

Angesichts des weiterhin hohen Bedarfs an Investitionen in die Bestandsinfrastruktur, sowie dem unkonkreten Plan der Politik, das „modernste Bussystem Europas“ aufzubauen, ergibt sich ein skeptischer Blick auf das nun laufende Bilanzjahr.

Zwei Faktoren könnten die Einnahmen im Kerngeschäftsfeld Hamburg steigern, und beide sind unpopulär: Ausweitung des kontrollierten Vordereinstiegs im Busressort flächendeckend, um bisher prellende „Kunden“ insbesondere Abokarten schmackhaft zu machen, sowie die Anhebung der Fahrpreise.

Innerbetrieblich – und damit auf der Kostenseite – dürfte, nein: Muss!, das Busressort stärker ins Blickfeld rücken. Hier gibt es noch immer viele Baustellen abzuräumen: profahr, BMS, EFAD II, eventuell neuer Betriebshof und Sanierung der bestehenden – nur um einiges zu nennen. Mag der U-Bahn-Betrieb hochmodern sein, ist der Busbetrieb stellenweise Asbach-Uralt.

Alles in allem wäre es schon ein Erfolg, das jetzige Ergebnis zu halten. Rechnen sollte man, nach dem politischen Aus für die Stadtbahn, damit jedoch eher nicht. Die langfristige Perspektive zeigt tendenziell nach unten. ♦
— Fotos/Tabellen: Rycon

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s