Die Streikfront

Kleine Gruppen und Grüppchen versprühen stets sympathischen Charme. Da erhebt sich ein angeblich kleiner David gegen die oft so übermächtig erscheinenden Goliats dieser Welt. Im Kampf gegen Ungerechtigkeiten der Obrigkeit oder dem unsozialen Verhalten von Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit einem Hungerlohn ausbeuten, stehen sogenannte Bürgerproteste oder Minigewerkschaften wie die GDL. Ihnen, den letzten Rächern der Enterbten, gehört unser Herz.

Dabei dienen Bürgerproteste oftmals nur Einzelinteressen einiger weniger, die es aber so geschickt Verpacken, das es sich wie ein kollektiver Aufschrei anhört. Zum Beispiel wenn wenige Häuslebauer Windräder oder Hochspannungsleitungen ablehnen, der Optik wegen. Oder lieber stockenden Autoverkehr vor dem Schaufenster haben, als eine dahingleitende Stadtbahn.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer , GDL, circa 34.000 Mitglieder, genoss bisher auch den Charme eines Underdogs, vertritt im Kern jedoch nur ein kleines Grüppchen unter den Eisenbahnern. Sie steht dabei nicht nur im Kampf mit den Arbeitgebern, sondern auch mit der Konkurrenz namens Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, EVG, mit gut 240.000 Mitgliedern das Schwergewicht schlechthin. Beide Gewerkschaften kratzen sich gegenseitig die Augen aus, besonders die GDL stichelt gerne.

Das muss sie auch, denn es geht letztlich um ihre Daseinsberechtigung, weshalb die GDL auch als besonders kompromisslos gilt, was sie natürlich als Stärke verkauft. Eigentlich ist dies jedoch eine Schwäche, denn um sinnvoll verhandeln zu können, müssen logischerweise beide Seiten kompromissbereit und -fähig sein.

Zurzeit steht die GDL im Arbeitskampf mit den sogenannten „privaten“ Bahnbetreibern, in der Metropolregion daher mit der Nord-Ostsee-Bahn (NOB), der AKN und dem metronom. In der öffentlichen Diskussion meist wenig beachtet wird, das es unter den Eisenbahnern bereits einen Branchentarifvertrag gibt; jedoch mit der EVG. Die GDL lehnt, man will ja etwas gleicher sein als die anderen, den Vertrag ab.

Speziell mit der AKN und dem metronom hat man jedoch zwei Gegner vor sich, die mit der riesigen Deutschen Bahn nicht vergleichbar sind.

David gegen David

Die AKN ist selbst ein kleiner David, dessen zukünftige Entwicklung mehr als ungewiss ist. Nicht unwahrscheinlich, dass es dort in ein paar Jahren gar keine Lokführer (in diesem Falle: Triebfahrzeugführer) mehr gibt, welche die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer vertreten könnten.

Auf dem Tisch liegen Pläne, dass sich die AKN nur noch auf die Infrastruktur konzentriert und den eigentlichen Fahrbetrieb an ein anderes Unternehmen abgibt oder verliert. Da die AKN seit Jahren hohe Verluste einfährt und auch weiter einfahren wird, und früher oder später enorme Investitionen in den Fuhrpark anstehen, sieht die Zukunft deprimierend düster aus.

Das Unternehmen wehrt sich mit Händen und Füssen gegen Behauptungen der GDL, es würden Dumpinglöhne gezahlt; im Durchschnitt läge das Brutto-Durchschnittseinkommen bei monatlich 3.016,66 Euro.

Nach einem „Abendblatt“-Bericht deutet sich an, dass die GDL gerade einmal 20 bis 25 Mitglieder unter 83 Triebfahrzeugführer hat. Insgesamt zählt die Belegschaft etwas über 300 Köpfe.

Gut gegen Gut

Mit dem metronom legt sich die GDL mit einem Unternehmen an, das ausgerechnet als Musterknabe unter den privaten Eisenbahnbetrieben gilt. Das wird selbst von der GDL nicht bestritten, in einem Tarifkonflikt mit der ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) im letzten Jahr verwies die GDL sogar explizit auf das gute Gehalt beim metronom.

Ab dem 19.05.2011 verhandelten metronom und GDL, die Gewerkschaft zeigte sich auch anfangs recht angetan. Am 17.06.2011 scheiterte dann die Tarifverhandlung, wobei sich – wie üblich in solchen Situationen – die Streithähne gegenseitig die Schuld zuschieben.

Nach eigenen Angaben [PDF] bot der metronom durchaus respektable Dinge an.

Der von Metronom vorgeschlagene firmenbezogene Verbandstarifvertrag für alle tarifgebundenen Mitarbeiter beinhaltete folgenden Kernelementen:

• Einmalzahlung: 500,00 Euro brutto für jeden seit 1.7.2010 vollbeschäftigten Tarifmitarbeiter
• Verdopplung des Sonntagszuschlags sowie Erhöhung von Feiertags- und Nachtzuschläge
• 2 bis 3 % höhere Einkommen für alle Mitarbeiter, abhängig von der Betriebszugehörigkeit

Darüber hinaus wurde die Erweiterung der Entgelttabelle und Erfahrungszulagen für langjährige Triebfahrzeugführer und Fahrgastbetreuer sowie mehr Sicherheit im Falle eines Betreiberwechsels angeboten. Dieses Angebot wurde von der GDL abgelehnt.

Die GDL giftete dagegen ausgerechnet mit dem Sachverhalt, dass der metronom eine gute Vergütung zahle, und macht ein erstaunliches Fass auf:

„Für die GDL sieht es klar danach aus, dass die metronom von den Gesellschaftern, allen voran der italienischen Netinera-Gruppe, an die Wand gefahren werden soll“, so der Vorsitzende des GDL-Bezirks Nord, Lutz Schreiber. „Gerade die kürzlich nicht erfolgten Bewerbungen auf Ausschreibungen mit dem hohen Tarifniveau der metronom spiegeln wider, dass nach dem Willen der Gesellschafter der Wettbewerb weiterhin über das Einkommen und damit auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden soll.“ […] Außerdem bestreitet der Arbeitgeber selbst die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens wegen des heute – angeblich – schon hohen Einkommensniveaus. Das ist zwar Unsinn, jedoch will der Arbeitgeber schon das Feld bestellen, um das Ende des Unternehmens vorzubereiten.

Also: Das gut-zahlende Unternehmen lässt Tarifverhandlungen scheitern, weil die Gesellschafter das eigene, erfolgreiche Unternehmen an die Wand fahren wollen.

Diese Behauptung wirkt nicht nur erstaunlich paradox und konstruiert, es duftet geradezu nach einer obskuren Verschwörungstheorie. Was das für eine ominöse Ausschreibung gewesen sein soll, auf die sich der metronom angeblich nicht bewarb (was im Übrigen Hunderte Gründe haben kann), geht aus der Mitteilung nicht hervor.

Kein Ende in Sicht

Die Fronten sind derart verhärtet, dass ein Ende der Streikerei nicht absehbar ist. Speziell die GDL vergreift sich immer öfters im Ton (selbst im sowieso schon martialistischen Gewerkschaftersprech) und wirkt mit ihren Behauptungen äußerst unseriös, geradezu unglaubwürdig. Der Underdog verliert langsam aber sicher jegliche Sympathie.

Seit Montag, 20.06.2011, wird der metronom und bereits seit Freitag, 17.06.2011 die NOB unbefristet lahmgelegt. Die AKN dürfte auch bald wieder dran sein. ♦

2 responses to this post.

  1. Posted by Mitropa1 on 23.06.2011 at 12.29

    Sicher sind der GDL die Erfolge der letzten Jahre in den Kopf gestiegen. Nicht zu vergessen ist allerdings, wie sie zustande gekommen sind.Der frühere Vorsitzende der Transnet wurde nach einem Tarifabschluß zu Ungunsten seiner Mitglieder umgehend in den Vorstand der DB AG und damit de fako den Staatsdiens übernommen wurde. Die GDL hat da nicht mitgespielt und wurde dfür natürlich von Herrrn Mehdorn und seinen Freunden angefeindet. Dieses Verhalten der Statsbahn hat die GDL erst zu dem gemacht, was sie heute ist und sie meint nun immer den Bösen spielen zu müssen, dass ihr diese durch das Verhalten der DB AG zugewachsenen Mitglieder bleiben. Das heißt, das Verhalten der GDL resultiert nicht zuletzt aus dem Verhalten derer die sich nun so aufregen. Das hilft sicher den Bahnkunden aktuell wenig, aber eine Beachtung dieser Umstände könnte vielleicht zukünftig zu einer Entspannung führen.

  2. […] Blogger rycon schreibt zu den von der GDL aufgeführten Gründen des Streiks: Das gut-zahlende Unternehmen […]

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