Kauderwelsch (16): Kurzläufer


Im weitläufigen Nahverkehrsnetz gibt es immer Abschnitte, auf denen besonders viel los ist, besonders im Innenstadtbereich. Bei solchen Abschnitten ist es erforderlich, eine höhere Kapazität, also mehr Fahrzeuge, anzubieten. Da es jedoch wirtschaftlich (und auch umweltpolitisch) unsinnig ist, gleich die gesamte Linie zu verstärken, wo doch nur auf einem bestimmten Abschnitt mehr Fahrzeuge benötigt werden, gibt es sogenannte Kurzläufer.

Diese Betriebsform kennt man bei allen Verkehrsmitteln, sei es U-, S-, A-Bahn oder dem Bus. Greifen wir uns zunächst die U-Bahn heraus, da lässt es sich besonders schön beobachten.

Ein kurzer Laufweg

Der gegenteilige Begriff – Langläufer – hat sich nicht wirklich allgemein etabliert, meint aber, das ein Fahrzeug den kompletten Linienweg bedient. Bei der U2 wäre dies Niendorf Nord bis Mümmelmannsberg. Ein Kurzläufer hat dagegen einen verkürzten Linienweg, im Falle der U2 gibt es so Züge, die nur zwischen Billstedt und Hagenbecks Tierpark pendeln.

U2 Laufweg, ausschnitt aus dem Schnellbahnplan: Kurzläufer bedienen nicht den kompletten Linienweg, sondern einen Bereich zwischen zwei Bahnhöfen, der besonders stark Nachgefragt wird. Zum Beispiel Billstedt ↔ Hagenbecks Tierpark. Sie haben somit einen verkürzten Linienweg.

Ebenfalls ein schönes Beispiel ist die U1 zwischen Innenstadt und Wandsbek Markt. Während die Strecke danach Richtung Volksdorf/Ohlstedt bzw. Großhansdorf nur bescheiden genutzt wird und bis Volksdorf ein 10-Minuten-Takt völlig ausreicht, sind zwischen Hauptbahnhof und Wandsbek Markt die Züge rappelvoll. Dies liegt vor allem daran, das Wandsbek Markt auch eine große Busumsteigeanlage ist, die den halben Hamburger Osten anbindet.

Auf diesem Abschnitt ist folglich eine Taktverdichtung, alle 5 Minuten, notwendig. Diese Angebotsverstärkung wird durch Kurzläufer realisiert, die bereits in Wandsbek Markt beginnen oder enden.

Kurzläufer können im alltäglichen Betrieb immer nur von einem Bahnhof starten oder enden, da sie eine Möglichkeit brauchen, „zu wenden“, also auf das Gegengleis zu kommen. Hier unterscheidet der Fachmann zwischen Bahnhof und Haltepunkt.

Von Bahnhof zu Bahnhof

Nachdem ein solcher Zug die Endstation erreicht hat und „entleert“ wurde (=alle Fahrgäste ausgestiegen sind), wird dieser Zug „abgekehrt“, verlässt also den Bahnsteig und „rückt“ (fährt) in ein „Kehrgleis“ ein. Dies liegt meist zwischen den beiden, normalen Gleisen. Der Zugführer wechselt den Führerstand und nach einer kurzen Pause rückt der Zug wieder aus; jedoch auf das Gegengleis, denn er will ja wieder zurückfahren.

Dies zeigt, dass eine bauliche Infrastruktur (mindestens zwei Weichen, ein ausreichend langes Kehrgleis und entsprechende Signale) notwendig ist, um Kurzläufer einzusetzen. (Fast) alle Bahnhöfe, in denen fahrplanmäßig Züge beginnen oder enden können, werden im HVV-Schnellbahnplan [PDF] fettgedruckt.

Jedoch leider nicht alle, so zum Beispiel Sternschanze. Auch dort enden planmäßig Züge, namentlich jede zweite S21 stadtauswärts an Sonn- und Feiertagen. Dazu kommt sogar noch ein zweiter Kurzläufer, der nach Holstenstraße falsch abbiegt und statt nach Diebsteich auf einmal nach Altona fährt, was diese Linie laut Schnellbahnplan gar nicht soll. Zur Verdeutlichung dient dieser S21-Fahrplan.

S21-Fahrplan, ausschnitt: Rot markiert Kurzläufer, die bereits Sternschanze enden. Gelb: Zug endet abweichend vom normalen Linienweg in Altona.

Hier zeigt sich der Nachteil an Kurzläufern: Der Fahrplan wird durch zahlreiche Fußnoten unübersichtlich. Im Falle der S-Bahn kommt noch hinzu, dass einzelne Linien (wie eben die S21 nach Altona oder die S31 nach Berliner Tor) von ihrem regulären Linienweg abweichen. Da dies nur in Randzeiten stattfindet, wurde darauf verzichtet, dies im Schnellbahnplan einzuzeichnen, um die Übersicht zu bewahren. ♦
— Titelfoto, Abbildungen: Rycon

4 responses to this post.

  1. Danke! Sehr schön erklärt :)

  2. Posted by Kristof on 04.05.2011 at 10.47

    Da hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen:
    „Der gegenteilige Begriff – Langläufer – hat sich nicht wirklich allgemein etabliert, meint aber, das ein Fahrzeug den kompletten Linienweg bedient. Bei der U2 wäre dies Niendorf Markt bis Mümmelmannsberg.“
    Hier muss es „Niendorf Nord“ statt „Niendorf Markt“ heißen.

  3. Posted by Rycon on 04.05.2011 at 13.23

    Uppala. Hab herzlichen Dank für den Hinweis, ich habe es korrigiert.

  4. Posted by McPom on 07.05.2011 at 09.02

    Es gibt tatsächlich ein Gegenteil zum Kurzläufer, gerade bei Bussen: Zum Beispiel fährt der Metrobus 3 eigentlich bis in die Speicherstadt, verstärkt im morgendlichen Berufsverkehr aber die Linien 4 und 6 über die Speicherstadt hinaus bis in die HafenCity.

    Dadurch werden die Fahrpläne sogar richtig mit Fussnoten überfrachtet – denn Fussnoten benennen beim HVV kürzere Linienwege. In diesem Fall werden alle regulären Fahrten in die Speicherstadt quasi zu Kurzläufern mit Fussnote, im Gegensatz zu den vergleichsweise wenigen Verstärkerfahrten in die HafenCity…

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