Beobachtungen & Anmerkungen

Kommentar | Der HVV setzt sich für den Ausbau und Entwicklung des Hamburger Nahverkehrs nicht ein. Standpunkte oder eine eigene Meinung werden nicht vertreten, jedenfalls nicht sichtbar für die allgemeine Öffentlichkeit. Das ist nicht schön. Gerade weil der HVV kein Verkehrsunternehmen ist, besitzt der Verbund eine objektive Sicht auf das Nahverkehrssystem in seiner Gesamtheit in der Metropolregion.

Das die HOCHBAHN ihre U4 verlängern will ist klar oder die S-Bahn nach Ahrensburg und am besten gleich bis Kaltenkirchen will, ebenso. Was fehlt ist eine öffentliche, objektive Bewertung von Experten, und dieses kann nur vom HVV kommen. Wenn die Handelskammer beim Thema Ausbau des Nahverkehrs Gutachten fordert, ist das eigentlich ziemlich bitter; eine Prioritätsliste hätte es schon längst vom Verbund geben müssen. Denn auch die Entwicklung des Nahverkehrs in seiner Gesamtheit gehört zur Regiearbeit. Politiker und Verkehrsunternehmen müssen nur wollen.

Verkehrsunternehmen und Entscheidungsträger täten gut daran, dem HVV hier gegebenenfalls mehr Spielraum zu gewähren. Die Debatte um die Stadtbahn zeigte, wie schwer es HOCHBAHN und BSU hatten diese durchzusetzen. Die HOCHBAHN wäre Betreiber der Stadtbahn und damit logischerweise subjektiv; die BSU – respektive die Politiker – stehen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gerade gut da. Der HVV jedoch ist das Synonym für den öffentlichen Personennahverkehr schlechthin und das Gewicht entsprechend.

Die „Unsichtbarkeit“ des HVV führt noch zu einer anderen Beobachtung. Es ist über die Jahre offenbar nicht gelungen, sich in die Herzen der Hamburger hinein zu spülen. Wahrscheinlich hatten die Bürger zur HEW und haben, fatalerweise, zum ADAC ein herzlicheres Verhältnis als zum HVV. Unbestritten ist der Auftritt modern, professionell und pfiffig, aber auch unpersönlich und distanziert. Kombiniert mit der Meinungslosigkeit ergibt dies immer ein distanziertes „der HVV“, nie ein emotionales „unser HVV“, was übrigens auch für die großen Hamburger Verkehrsunternehmen gilt.

Das alles klingt ziemlich schwülstig, hat aber einen konkreten Hintergrund: Jede Idee, den Nahverkehr ausbauen zu wollen führt bei großen Teilen der Gesellschaft zu einer reflexhaften, ablehnenden Haltung. Wie aus der Pistole geschossen wird Geldverschwendung unterstellt, gewürzt mit einem „brauchen wir nicht!“.

Zwar meckern die Berliner und Münchner nicht weniger, aber es ist doch erkennbar, das dort ein deutlich emotionaleres Verhältnis zu „ihrem“ Nahverkehr besteht. In der Folge werden große Summen in die Infrastruktur gesteckt, denn die Sinnhaftigkeit wird vermittelt: „Brauchen wir!“.

Übergeordnetes Interesse

Der HVV konzentriert sich aufgabenbedingt auf den Vertrieb, das heißt, verticken von Fahrkarten, sowie der sogenannten Regiearbeit. Gerade deshalb sollte der HVV von der Leine gelassen werden, denn zu einem guten Nahverkehr zählt eben auch der finanzielle Erfolg. Auch wenn es gestandene, hanseatische Verkehrsunternehmen nicht gerne hören: Man braucht den Verbund nicht nur als Scharnier zwischen Besteller und Ersteller, sondern auch als Scharnier zwischen Öffentlichkeit und dem Nahverkehr (als einheitliches Produkt).

Das Debakel um die Stadtbahn ausschließlich der (tendenziösen) Presse und den (unfähigen) Politikern in die Schuhe zu schieben, mag verführerisch sein. Um für die Zukunft gerüstet zu sein – daher die Infrastruktur den Erfordernissen anzupassen – heißt es, aus den Erfahrungen des letzten Jahres zu lernen und Konsequenzen zu ziehen.

Hamburg hat insbesondere bei den Schnellbahnen, aber auch beim Busverkehr, einen qualitativ hervorragenden öffentlichen Verkehr, allen Unkenrufen zum Trotz. Unsere Verkehrsunternehmen sind technisch, organisatorisch und wirtschaftlich in der ersten Liga und der HVV nicht nur der erste Verkehrsverbund weltweit, sondern durch seine Standardisierungen und Vorgaben hoch entwickelt.

Quantitativ kommt der Hamburger Nahverkehr über die Jahre dagegen kaum vom Fleck. Um bei den Bürgern eine ausreichend große Akzeptanz zu gewinnen und das Feld in der Verkehrspolitik nicht dem ADAC zu überlassen, muss an der organisatorischen Struktur gefeilt werden, und das heißt, dem HVV als übergeordnete Veranstaltung mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Einmal im Jahr eine Pressekonferenz und ein Bericht zu liefern reicht da bei weitem nicht aus.

Stattdessen wäre es keine schlechte Idee, wenn der HVV offensiv den Ausbau des Nahverkehrs vorantreibt. Wir brauchen Konzepte, Zahlen und Analysen, die weder unternehmerisch noch politisch gefärbt wurden. Das ist eindeutig eine Verbundaufgabe.

Sicher, es wird nicht einfach sich zwischen den Gesellschaftern auf der einen Seite (Gebietskörperschaften) und den Verkehrsunternehmen auf der anderen zu behaupten. Aber allen Beteiligten muss klar sein bzw. werden, dass es ohne Abgabe von Teilen der eigenen Souveränität an einer – organisatorisch gesehen – höheren Einrichtung, nicht gehen wird. Bei einer Überprüfung sollten auch nicht Aufgaben von einem Zentralen Verkehrsunternehmen (ZVU) ausgespart werden, die gegebenenfalls zurück an den Verbund wandern.

Gleichwohl bleibt die Herkulesaufgabe, den Nahverkehr und seine Struktur transparenter der Öffentlichkeit zugänglicher/verständlicher zu machen. Auch hier wäre der Verbund, aus Fahrgastsicht der erste Anlaufpunkt, gefordert.

Müssen nur wollen.

5 responses to this post.

  1. Posted by Valentin on 08.04.2011 at 09.24

    Hej Rycon, schön mal wieder was von dir zu lesen, sehr treffender Kommentar übrigens, danke!

  2. Ach wie schön … ich schließe mich Valentin an. Können wir wieder auf mehr Artikel hoffen?

    Gut die beiden politischen Kernpunkte aus Bürgersicht getroffen:

    1. > ein distanziertes „der HVV“, nie ein emotionales „unser HVV“
    2. > die Sinnhaftigkeit wird vermittelt: „Brauchen wir!“.

    Selbstverständlich ist der HVV nicht ein reiner Dienstleister für die Stadt, sondern ein hoch komplexes & hoch attraktives eigenständiges ÖPNV-Gebilde. Wie Du richtig analysierst fehlt dem HVV genau dieses, im Wortsinne, eigenständige Selbstverständnis.

    Jeder Popelverein schafft es mit ein paar Mitgliedern eigenständig aufzutreten & politische Forderungen zu stellen. Dass der HVV mit seinen Millionen von realen & potenziellen ‚Beförderungsfällen‘ dies nicht schafft ist höchst bedauerlich! HVV for Bürgermeister :)

  3. PS: Ich glaube http://www.nahverkehrhamburg.de/ hat sich einen Platz in der Blogrolle verdient. Jedenfalls mehr als ich :)

  4. Posted by Mitropa1 on 11.04.2011 at 19.51

    Sicher meckern auch die Münchner und Berliner über ihren ÖPNV. Aber im Gegensatz zu Hamburg wissen sie von was sie reden, denn sie nutzen ihn auch. Und wie das in München vielfach abläuft zeigt ja bereits das Lied von der Linie 8, man meckert, fährt aber mit. München hat in 40 Jahren ein weit größeres U Bahnnetz aufgebaut, als es Hamburg hat. Es wird rege genutzt. Dennoch fahren in München noch immer fast soviele Fahrgäste mit der Stadtbahn, wie in Hamburg die U Bahn nutzen, und dank Netzerweiterung werden es bald noch mehr sein.
    Das ist der Unterschied zwischen Hamburg, München, Berlin oder der Umwelthauptstadt 2010, die im Umweltjahr auch die einst bereits völlig stillgelegte innerstädtische Straßenbahn wieder vom Museumsbetrieb zum Verkehrsbetrieb umstellte und im ersten Schritt auch bereits wieder erweiterte. Die Buslinie, die einst die Straßenbahn ersetzte wurde nun wieder durch die Stadtbahn ersetzt. Und warum durfte denn zur IGA 1979 kein Hannoveraner Stadtbahnwagen in Hamburg als Alternative zum Spurbus des HHA Hauslieferanten am Dammtorbahnhof fahren? Die Hamburger sollten nicht erfahren, wie eine moderne Stadtbahn funktioniert. Und das ist, insbesondere bei der SPD, bis heute so. Es möge sich jeder darüber Gedanken machen, warum die SPD zu Lasten der Hamburger in verkehrlicher und finanzieller Hinsicht z. B. alleine durch den Straßenverschleiß durch den extensiven Busverkehr, siehe Schlaglöcher nach dem Winter, außer auf einige U Bahnstrecken aus den beiden letzten Jahrhunderten ausschließlich auf Omnibusse setzt. Die Finanzen der Steuerzahler, die Transportqualität und die Umwelt können es jedenfalls nicht sein. Ja offenbar ist es nicht einmal der Auto darf Alles Club, denn dort können nicht nur Mercedes Fahrer Mitglied werden.

  5. Posted by Rycon on 14.04.2011 at 20.49

    @Markus Merz:
    Ja, langsam geht es hier wieder weiter. Danke für den Linktipp, habe ich in die Blogroll eingetragen.

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