Vom Elend, eine Bushaltestelle anzulegen


Welch erschreckend geringen Stellenwert der Nahverkehr in der Anwohnerschaft (sowie der veröffentlichten Meinung) innehat, zeigt sich immer besonders dann deutlich, wenn es um dessen Ausbau geht. Nein, nicht um eine sündhaft teure S4 nach Ahrensburg oder um eine Stadtbahn am Winterhuder Marktplatz.

Um einen Aufschrei der Entrüstung auszulösen, reicht eine profane, ganz einfache Bushaltestelle. Eine, wie es sie zu hunderten in Hamburg gibt. Ein aktuelles Beispiel.

Ausgangslage

Die Busse der Linien 26 und 174 legen zwischen Sengelmanstraße und Schlehdornweg eine ziemlich weite Strecke ohne Ausstiegsmöglichkeit zurück. Das finden viele Fahrgäste gar nicht witzig und so prasseln die Beschwerden auf die Schreibtische: Der Weg ist viel zu weit, warum ist da keine Haltestelle und so weiter. Also will man dieses Problem lösen und eine neue Haltestelle anlegen.

Und damit beginnt das Elend.

Wie und wo?

Es ist nämlich nicht so, das einfach am Straßenrand ein H-Mast aufgestellt wird und die Sache damit erledigt wäre. Zwischen Bezirk, HVV und Verkehrsunternehmen (hier die HOCHBAHN) muss erst einmal abgestimmt werden, wie die Haltestelle ausgeführt sein muss.

Immerhin darf der Autoverkehr auf gar keinen Fall irgendwie behindert werden – wo kämen wir hin –, folglich ist eine Busbucht fällig. Die jedoch hat unter anderem den Nachteil, dass meistens ein paar Parkplätze und Straßenbäume draufgehen. Zudem muss die Frage geklärt werden, wo genau die Haltestelle zu platzieren ist, denn die Verkehrssicherheit muss selbstverständlich gewährleistet sein.

Haben sich die Protagonisten irgendwann geeinigt und einen optimalen Standort auserkoren, können nicht etwa die Bauarbeiter anrücken. Nein, das Elend nimmt jetzt erst tüchtig Schwung und geht in die nächste Runde.

Irgendwelche Anwohner rennen zur Presse und berichten erschütternd, welch schweres Lebenslos sie gezogen haben, denn man plane ausgerechnet – ausgerechnet! – vor ihrer Haustür so ein scheußliches Ding, diese Ungeheuerlichkeit, also eine – igitt – Bushaltestelle.

Unschuldige, kleine Bushaltestelle nach Hamburger Standard (Archivfoto).

„Mit Sicherheit mehr Lärm, Dreck und Gestank“

In unserem Beispiel sind es die offenbar rüstigen Rentner Vera, 71, und Werner H., 77. Dem Ehepaar erbarmt hat sich das „Hamburger Abendblatt“ und räumt Platz frei für dessen drohenden Schicksalsschlag (Zitat anonymisiert):

„Das wäre direkt vor einigen Wohnhäusern, unter anderem vor unserem. Und würde mit Sicherheit mehr Lärm, Dreck und Gestank bedeuten“, sagt Vera [H.], 71, die hier seit 46 Jahren mit ihrem Mann Werner, 77, wohnt. Schließlich sei die Alsterkrugchaussee mit 24 000 Autos täglich bereits stark befahren. Zudem würden Parkplätze wegfallen, alte Bäume müssten gefällt werden. „Die Motoren der Busse sind noch lauter als der Autoverkehr, und die Bäume schlucken im Moment zumindest einen Teil der Geräusche und des Gestanks“, so [H.].

Dabei sind die Anwohner nicht grundsätzlich gegen eine neue Bushaltestelle.

Aber doch nicht da!

Besser wäre es, so der Vorschlag der beiden Rentner, weiter weg zu bauen, an einer Stelle, wo kein Wohnhaus direkt an der Straße stehe. Bushaltestellen nur da anzulegen, wo wenige wohnen und die Wege lang sind, ist natürlich eine grandiose Idee.

„Lärm, Dreck und Gestank“: Zur Erinnerung, es geht um eine Bushaltestelle und nicht um ein Kohlekraftwerk sowjetischer Bauart. Bisher jedenfalls ist von überproportional vielen Todesfällen an Bushaltestellen aufgrund von menschenunwürdigenden Zuständen noch nichts an die Öffentlichkeit gelangt.

Geradezu heuchlerisch ist die Begründung, es fahren da schon zu viele Autos. Dieselbe Leier hört man auch in Bezug zur Stadtbahn vom ADAC und den Gegner. Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht: Wenn der Autoverkehr derart erschreckend hoch ist, wäre es doch gerade folgerichtig, den Nahverkehr attraktiver zu gestalten.
Überhaupt ist diese Argumentation erschreckend. Die mit Autoverkehr hochbelastete Straße mit 24.000 Autos täglich, wie das Ehepaar sagt, mag zwar unangenehm sein, wird jedoch als Selbstverständlichkeit hingenommen; ein vor der Haustüre haltender Bus dagegen wird als unzumutbares Objekt wahrgenommen.

Und was die Straßenbäume angeht, deren schallschluckende Wirkung fällt mit den Blättern im Herbst.

Egal, das Elend geht weiter, denn, so das „Abendblatt“:

Mit ihrem Vorschlag haben sich die Anwohner an die Bezirkspolitiker gewandt. „Jetzt soll der Vorschlag geprüft werden“, sagt [H.].

Der Stapel an Fahrgastbeschwerden wird also noch ein Weilchen wachsen dürfen.
— OR/HS; Fotos: Rycon

3 responses to this post.

  1. Traurig, traurig. Ich hatte damals (TM) jahrelang eine Bushaltestelle vor der Tür. Als diese knapp 100m zurück verlegt wurde, da habe ich mir sofort Motorroller und Auto zulegen müssen.

    Ich finde sowieso, dass Ampeln – mit Bettel-Bus-Rot – eigentlich vollkommen natürliche Bushaltestellen im ÖPNV sein sollten.

  2. Posted by Katharina on 21.09.2010 at 16.28

    Interessant zu sehen, wie bei der Schilderung eines komplexen Sachverhalts, dazu noch um zwei Ecken, Informationen verloren gehen und vereinfacht werden. Zufällig kenne ich den Fall, um den es geht (und nein, ich bin keine der beteiligten Personen).

    Um mal diese Aussage herauszugreifen: „Besser wäre es, … weiter weg zu bauen, an einer Stelle, wo kein Wohnhaus direkt an der Straße stehe. Bushaltestellen nur da anzulegen, wo wenige wohnen und die Wege lang sind, ist natürlich eine grandiose Idee.“

    Da das Blog nach eigener Aussage den Anspruch hat, objektiv und differenziert zu sein, erlaube ich mir, einige wichtige Informationen nachzuliefern, die dem Autor Rycon zum geschilderten Fall offenbar fehlen:

    Der vorgeschlagene Alternativstandort befindet sich zwar nicht direkt vor Wohnhäusern, liegt aber für die Bewohner eines nahegelegenen Altersheimes näher und ebenfalls für den Sportverein, wo demnächst eine Krippe entstehen wird. Diese Nutzergruppen wären sehr dankbar für kürzere Wege.

    Außerdem führt beim vorgeschlagenen Alternativstandort der Weg für alle Passagiere, die zu den auf der anderen Straßenseite gelegenen Märkten (Reno, Netto, Babyzubehör) wollen, der Weg automatisch über eine Ampel – beim jetzt geplanten Standort genau gegenüber von den Märkten kann man sich an zwei Fingern ausrechnen, wer sich tatsächlich noch die Mühe machen wird, einmal 50 m zur nächsten Ampel hin und auf der anderen Straßenseite wieder 50 m zurück zu den Märkten zu laufen. So viel zum Punkt „denn die Verkehrssicherheit muss selbstverständlich gewährleistet sein“.

    Ich glaube daher, es geht den Betroffenen hier wirklich ums Stänkern, sondern um eine sinnvolle Lösung. Ihre Argumente haben übrigens auch schon die meisten Bezirkspolitiker überzeugt. Bloß die zuständige Behörde weigert sich, auch nur darüber nachzudenken, ob ihre Lösung eventuell doch nicht das Nonplusultra ist.

    Fazit: Nichts ist so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint.
    Mal drüber nachdenken.

  3. Posted by Katharina on 21.09.2010 at 16.34

    Oh je, ich meinte natürlich „Ich glaube daher, es geht den Betroffenen hier wirklich NICHT ums Stänkern“!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s