Puh, ist das kalt

Manchmal ist es gar nicht so einfach, einen Blogbeitrag zu beginnen. Zwei Möglichkeiten stehen diesmal zur Verfügung:

  1. Klimaanlagen sind nach der Zahnbürste die beste Erfindung der Menschheit.
  2. Wer auch immer Klimaanlagen erfand, hat mehr Probleme verursacht als gelöst.

Schwitzend kann man nur den ersten Satz nehmen, ein wenig mit Abstand betrachtet passt aber auch der Zweite ganz gut.

Klimaanlagen sind in den letzten 10, 15 Jahren zur Grundausstattung des modernen Menschen geworden, obwohl wir eigentlich in einem Land leben, wo heiße Temperaturen eher die Ausnahme, denn die Regel sind. Selbst in Kleinwagen gehört eine solche Anlage inzwischen zur Grundausstattung, was sich früher nur ein Geschäftsführer Manager hat leisten können.

Natürlich möchte auch der Nahverkehrskunde in angenehmen Temperaturen herumkutschiert werden und fordert entsprechende Anlagen in den Fahrzeugen. Um gleich eine frohe Botschaft mitzuteilen: Neufahrzeuge dürfen nach HVV-Norm seit Jahren nur noch mit Klimaanlage beschafft werden. Bestandsfahrzeuge müssen jedoch nicht umgerüstet werden, gewünscht wird es aber natürlich schon.

Da liegt dann auch der Hund begraben. Busse leisten in Hamburg zwischen 12 und 15 Jahren ihren Dienst und werden dann ausgemustert und verhökert. Neufahrzeuge entsprechend mit Klimaanlage angeschafft – die Busflotte verfügt so schneller über neue Features.

Auf dem Dach ist gut die Klimaanlage zu erkennen, inklusive der Lüfter. Nach HVV-Regel dürfen Neufahrzeuge nur noch mit Klimaanlagen angeschafft werden.

Schienenfahrzeuge sind für eine deutlich höhere Dienstzeit ausgelegt – mindestens 40 Jahre –, immerhin sind diese auch wahnsinnig teuer und die speziellen Hamburger U- und S-Bahnen wird man auch nicht mehr los. Nach Ende ihrer Dienstzeit geht es direkt zum abwracken oder ins Museum.

Neue Anforderungen setzen sich hier folglich nur sehr sehr langsam durch – und vor 20 Jahren hat noch niemand Klimaanlagen zur nicht-verhandelbaren Grundausstattung erkoren. Unsere Vorfahren haben, wie ist leider nicht überliefert, auch im Sommer bei großer Hitze das Überleben meistern können.

Das Aufrüsten geht leider auch nicht so einfach. Klimaanlagen werden auf dem Dach untergebracht und sind sehr schwer. Züge, die konstruktiv darauf nicht vorbereitet wurden, haben daher Pech. Ihre Wagenkästen wurden nicht dafür ausgelegt, so große Lasten auf dem Dach zu tragen. Obendrein sind U- und S-Bahnen in ihren Ausmaßen arg begrenzt („Lichtraumprofil“), da sie durch Tunnel passen müssen. Einfach so ein Gerät oben draufpacken ist also nicht.

Energiehungrig

Der moderne Großstadtmensch steht auf Biogemüse und Bionade, schützt jeden (verpesteten) Straßenbaum mit einem Messer zwischen den Zähnen oder hält Ausschau nach einem schützenswerten Vogel auf Grundstücken, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Konsequent durchgedacht ist die Klimaanlage daher eine der schlimmsten Erfindungen der Menschheit.

Denn die Anlagen verbrauchen tüchtig Energie, sei es Diesel in Bussen oder Strom in U- und S-Bahnen. Und das auf zweierleiweise: wenn sie in Betrieb sind und durch ihr Gewicht. Denn das muss jeden Tag immer wieder in Bewegung gesetzt werden – auch im Winter. Daneben sind sie teuer und wartungsintensiv und die Kühlmittel sollte man auch nicht gerade einem Säugling in die Trinkflasche füllen.

Wer bei hohen Außentemperaturen das Vergnügen hat, mit dem Diesel-Hybridbus („BusBus“) zu fahren wird bemerken, dass der laute Stromgenerator praktisch nonstop dröhnt. Der Grund: die Klimaanlage. Sie benötigt derart viel Strom, dass der Generator meist durchlaufen muss, die Akkus alleine geben das nicht her.

Klimaanlagen – ein Unruheherd

Das eigene, persönliche Wohlbefinden ist eine höchst individuelle Sache und Klimaanlagen sorgen für regelmäßig Gesprächsstoff. Herr Müller erinnert die Innenraumtemperatur an einen Gefrierschrank und stöhnt beim Einsteigen: „Puh, ist das kalt!“, während Frau Meier sich im selben Fahrzeug am liebsten die Kleider vom Laib reißen möchte.

In klimatisierten Bussen wurde aufgrund von Fahrgastbeschwerden immer mal wieder die Raumtemperatur zwischen 22 und 26 °C geändert. Egal was man einstellte, es kam und kommt immer wieder zu Beschwerden; von der Warte aus gesehen wäre es wohl das Beste, die Klimaanlage gleich abzuschalten, dann sind sich wenigstens alle einig: Es ist zu heiß!

Übrigens kann der Busfahrer in den allermeisten Bussen die Temperatur nicht ändern, was auch witzlos wäre; in seiner Kabine ist der Fahrer relativ abgeschottet vom Fahrgastraum und kann folglich die Temperatur dort schlecht beurteilen, zumal er über eine eigene Klimaanlage für seinen Arbeitsplatz verfügt. Die Raumtemperatur wird von der Werkstatt fest eingestellt.

Als kleiner Einschub noch die zweite gute Nachricht des Tages: Die Busunternehmen sehen zu, nur klimatisierte Fahrzeuge auf den langen Linien einzusetzen (Metrobuslinien zum Beispiel). Ältere Fahrzeuge ohne Klimaanlage werden soweit möglich nur auf Linien eingesetzt, wo die Reisezeit kurz ist.

Zurück zur schwitzenden Frau Meier: Die bekommt einen hochroten Kopf, wenn sie versucht, Klappfenster zu öffnen. Wenn es denn noch solche geben sollte, sind diese in einem klimatisierten Fahrzeug abgeschlossen. Herr Müller weiß auch warum: Man würde ja die warme Luft von draußen ins Fahrzeug holen, womit die Klimaanlage noch mehr Energie verbrauchen würde, um gegen die Hitze anzukühlen. Im Winter will man die Heizungsluft und im Sommer die kältere Luft im Inneren halten, eigentlich logisch.

Aufgrund des hohen Energieverbrauchs (sowohl Heizungs-, als auch Kühlleistung) ist es wünschenswert, den Innenraum abzudichten. Im Nahverkehr müssen aber ständig die Türen geöffnet werden, sonst kann man schlecht einsteigen. Beim Bus regelt das der Fahrer für jede Tür einzeln, bei Zügen geht das bisher nicht. Dem will man abhelfen.

Kalte Luft drinnen, warme Luft draußen – oder umgekehrt

Neue Züge – zum Beispiel der neue U-Bahn-Typ DT5 (aber nicht die Updates des DT4 oder des S-Bahn-Modells 474-Plus) – erhalten bei jedem Einstieg Infrarotschranken und eine intelligente Türsteuerung. Die erkennt, ob jemand gerade einsteigen oder aussteigen will. Ist der Einstiegsbereich frei, schließen die Türen automatisch. So minimiert man den Luftaustausch. Wie beim Kühlschrank, den hält man ja auch nur solange offen, wie man was rausholt oder reinpackt. Es ist abzusehen, dass selbstständig-schließende Türen zu großer Verwirrung bei den Hamburger Fahrgästen führen dürfte, mit entsprechenden Diskussionen. Sinnvoll ist es aber allemal.

Bei (Gelenk-) Bussen muss der Türbereich freigemacht werden, damit die Türen sicher schließen können. Auch bei den neuen U-Bahnen (Modell DT5) schließen die Türen automatisch - wenn auch aus einem anderen Grund: Man heizt (oder kühlt) ja nicht für draußen.

Im Nahverkehr, wo ständig die Türen auf- und zufliegen, bleiben Klimaanlagen aber eine energiehungrige Sache.

Abstecher zum Fernverkehr

Völlig anders verhält es sich bei den ICE-Triebzügen, dort ist der Innenraum faktisch hermetisch abgedichtet, weil sonst der Krach (und der Druck) bei hohem Tempo unerträglich wäre. Die aktuellen Probleme beim ICE2 sind jedoch nicht ausschließlich der defekten Klimaanlagen zuzuschreiben; viel wichtiger – in der Presse nicht beachtet – ist der Ausfall der Belüftung, wobei beide Systeme getrennt sind. Jeder einzelne ICE-Wagen verfügt über entsprechende Gerätschaften; das alle gleichzeitig ihren Dienst versagten ist wirklich ein Rätsel und mit der Behauptung, die Züge seien schlecht gewartet, definitiv nicht zu erklären.

Immerhin hat die Presse nun ihr Sommerlochthema und erhitzt die Diskussion gekonnt. Hierzu zwei Anmerkungen, ausgewählt auf SPIEGEL ONLINE, übertragbar aber auch auf andere Medien.

Am 11.07.2010 hieß es:

Fahrgäste berichteten von Temperaturen von gefühlt über 50 Grad.

In diversen TV-Berichten kam eine Frau zur Sprache, von der diese Aussage stammt. Die Betonung liegt auf „gefühlte“.

Am 15.07.2010 (willkürlich herausgegriffen) war dann von gefühlte nicht mehr die Rede:

In einigen Waggons stiegen die Temperaturen auf mehr als 50 Grad Celsius.

Aus einer „gefühlten“ Temperatur wurde einfach so ein Fakt. Im gleichen Artikel dann noch die Info:

So sollen die Aggregate in Fernzügen nur auf Temperaturen bis 32 Grad Celsius ausgelegt sein, schreibt die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf ein Schreiben des Bahnvorstands an das Eisenbahnbundesamt. Danach sei ein Abkühlen bei höheren Temperaturen als 32 Grad „nicht gewährleistet“.

Die Klimaanlagen müssen dafür ausgelegt sein, dass sie bei einer Außentemperatur von 32 °C den Innenraum auf 24 °C herunterkühlen. Das heißt aber nicht, das die Anlage ab 32,1 °C automatisch den Betrieb einstellt, wie das in den Berichten suggeriert wird; sie kann dann halt nur nicht mehr die 24 °C Innenraumtemperatur  gewährleisten.

Es ist beruhigend zu wissen, das die Hitze noch so heftig sein kann – Journalisten sind selbst unter erschwerten Bedingungen stets in der Lage, kleine – aber nicht unwichtige – Details einfach wegzulassen.

Kühlen Kopf bewahren

Klimaanlagen sind eine feine Sache, haben aber auch ihre bzw. verursachen Probleme – bis hin zu zwischenmenschlichen. Man sollte nicht vergessen, das die Menschheit auch ohne diese Erfindung gut über die Runden kam.

Immer öfter ist zu lesen, wie sich Fahrgäste über ihren Sitznachbarn beschweren, weil dieser schwitzt und entsprechend duftet. Das sollte doch kein Wunder sein. Wenn ein Bauarbeiter in glühender Sonne neun Stunden lang schwer schuftet und zum Feierabend in der Bahn nach Hause fährt, kann man doch nicht im ernst erwarten, dass er Lavendelduft versprüht.

Ohne Toleranz kann eine Großstadt mit 1,7 Millionen Seelen nicht funktionieren. Daran wird auch die beste Klimaanlage der Welt nichts ändern. Also einfach die Nase in die entgegengesetzte Richtung halten.
— OR; Foto, oben: © Maren Beßler, pixelio.de; mitte, unten: Rycon

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5 responses to this post.

  1. Posted by mitropa1 on 17.07.2010 at 20.38

    Ein Problem ist einfach das, dass man in den Zügen und Bussen keine Fenster mehr öffnen kann. Früher konnte man die Fenster weit aufmachen, das wird aber sicher einer EU Norm nicht entsprechen, kann man doch auch den Kopf zum Fenster hinaushalten. Heute hat man in neueren Fahrzeugen bestenfalls noch Schlitzfenster so überhaupt etwas zu öffnen ist. Und wenn es dann nicht einmal eine Druckbelüftung für den Notfall gibt, ist man der Klimaanlage hilflos ausgesetzt. Vielleicht wäre ein kleiner Schritt zurück zu Fenstern, die man wenigstens bedingt öffnen kann, zumindest im Nahverkehr eine Lösung. Und in einer Zeit da mangels ICE IC mit alten Interregiowagen mit öffenbaren Fenstern 200 km/h laufen, kann das mit dem Verbot offenbar auch nicht so streng sein. Und die Dachklappen bei den Omnibussen waren eine Lösung, die schon gar keinen Fahrgast hat gefährden können, ganz im Gegenteil, sie wurden nicht gebraten.

  2. Posted by Hans on 18.07.2010 at 00.08

    Viele neue Busse sind schlecht eingestellt. Entweder ist der Fahrerplatz zu kalt und der Fahrgastraum zu oder anders rum. Die neuen Busse kann man teilweise mit Klima total vergessen, da geht die Leistung des Busses beim Anfahren so in den Knick, daß man gerne mal FG fragt ob die mal mithelfen beim Anschieben. Und das daran gearbeitet wird, daß nur Klimabusse auf langen Linien fahren ist auch ein Wunschdenken. Da wird aus Erfahrung nicht wirklich drauf geachtet, denn Neue oder Unliebsame können erst einmal schwitzen. Das sind so die Spielchen der ABLV`s oder DE`s.
    Auch diverse Umläufe geben es auch nicht her. Mal ist man kurz auf ner kurzen Linie, dann wieder auf ne Hammerstrecke und dann ohne Klima.
    Abgesehen davon kann man es keinen FG recht machen, Quarktaschen gibt es genug. Und diese werden auch immer mehr.
    Der Blogger dieser Seite sollte sich mal wieder regelmäßig hinter`s Steuer klemmen.

  3. Hitzeschock für die Fahrgäste: In Waggons der Bahn soll es wegen der Ausfälle von Klimaanlagen noch heißer gewesen sein als bisher bekannt. In einem der Pannen-ICE seien laut einer internen Fehleranalyse Temperaturen über 70 Grad gemessen worden, berichtet nun „Frontal 21“. Da sieht man, wo man hinkommt, wenn man ein Unternehmen auf Teufel komm raus privatisieren und an die Börse bringen will. Die Politiker sollten doch einsehen, dass manche Unternehmen besser im Staatsbesitz bleiben sollen.

  4. Posted by Rycon on 20.07.2010 at 21.16

    Der Bericht von Frontal21 ist so ausgefallen, wie von den Autoren Christian Esser und Astrid Randerath zu erwarten war (die haben auch das fürchterliche Buch „Schwarzbuch Deutsche Bahn“ verfasst).

    Aufgeblasen, unsachlich, zweifelhaft und unseriös.

  5. Posted by mitropa1 on 21.07.2010 at 11.33

    Es mag auch von den Hitzeopfern einiges überzogen ausgedrückt worden sein, aber dass Jungsanitäter als Fahrgäste im ICE schlimmeres verhinderten ist wohl unstrittig.
    Und wer häufig die Bahn nutzt hält auch wenn es Eisenbahnern nicht passt, Frontal 21 für glaubwürdiger als die Presseverlautbarungen der DBAG. Der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transnet wurde doch nicht Bahnvorstand um die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder und Fahrgäste zu vertreten, sondern um genau das Gegenteil zu erreichen, die Mißstände zu vertuschen. Und diese Erfolge haben wir jetzt, übrigens absolut nicht nur im ICE.

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