Eine Anleitung zum Verhindern II

Wie man ein unliebsames Projekt mindestens verzögern wenn nicht verhindern kann, haben Sie schon erfahren. Das geht ganz wunderbar mit der Forderung nach Gutachten. Es gibt aber noch ein paar Punkte unbedingt zu beachten, damit ihr Plan erfolgreich funktioniert.

Achten Sie auf ihr Image!

Der Nahverkehr hat ein paar Bonuspunkte in der öffentlichen Wahrnehmung, er gilt als umweltfreundlich, jedenfalls umweltfreundlicher als das Auto. Daneben hat er eine gewisse soziale Funktion, ist er doch die einzige Möglichkeit für sozial schwächere Mitbürger, mobil zu bleiben.

Es kommt daher nicht gut an, wenn Sie aus Ihrem Benz steigen und gegen den Nahverkehr poltern. Selbst wenn das ehrlich ist, es gilt als politisch nicht korrekt.

Deshalb betonen Sie, dass sie natürlich für den Ausbau des Nahverkehrs sind. Selbstverständlich erkennen Sie die Vorteile des öffentlichen Nahverkehrs an. Arbeiten sie heraus, wie wichtig ein funktionierender Nahverkehr für eine Großstadt wie Hamburg ist, auch wenn Sie – das Publikum möge das bitte verzeihen – selbst kein Kunde des HVV sind und lieber in die eigene Limousine steigen.

Sie glauben nicht, das Ihnen das jemand abkauft? Oh, doch doch – ADAC, Handelskammer, FDP und andere betonen stets, welch Herzensangelegenheit der Nahverkehr für sie sei.

Aber doch nicht da!

Statt vor der eigenen Haustür solle man doch besser in den Nahverkehr an anderer Stelle – möglichst weit weg von ihrem Standort – investieren, dort ist das Geld schließlich viel sinnvoller angelegt. Verweisen Sie darauf, dass man bestens mit öffentlichen Verkehrsmitteln versorgt ist (und verschweigen Sie, dass es bei ihrem Nachbarn im anderen Stadtteil anders aussieht). Schlagen Sie vor, wenn es denn Bedarf gibt – den Sie aber eigentlich bestreiten – lieber vorhandene Verkehrsmittel zu verstärken, Busse beispielsweise.

Wer mag schließlich nicht gerne in proppevolle Busse steigen? Da ist es so schön kuschelig und man wird nicht mit sovielen Sitzgelegenheiten belästigt. Busse sind auch herrlicherweise langsam, da kann man die Reise richtig genießen. Und umweltfreundlich sind diese auch – ganze sechs Brennstoffzellen- und zwei Diesel-Hybridbusse fahren schon in der Stadt. (Sollte jemand anmerken, dass aber die restlichen 1.000 Busse mit Diesel pur betrieben werden, und die Prototypen schweineteuer sind, wechseln Sie schnell und unauffällig das Thema.)

Schüren Sie Ängste!

Anwohner mögen keine Bauarbeiten, wer mag die schon. Reden Sie mit ihren Nachbarn und malen Sie katastrophale Auswirkungen an die Wand, wenn es um Bauarbeiten geht. Betonen Sie, das während und nach der arbeiten eine verwüstete Landschaft droht, wo kein Blümchen mehr wachsen kann. Unterstützen Sie ihren Vortrag visuell und zeigen Sie Bilder aus Tschernobyl und Hiroshima kurz nach dem Bumm.

Vermeiden Sie während dieser Kampagne aber eigene Bauarbeiten, in der eigenen Wohnung oder dem Ladengeschäft. Es ist nicht ratsam, mit einer Bohrmaschine oder einem Hammer in der Hand gegen Bauarbeiten zu wettern.

Ziehen Sie Irrwitzige vergleiche, zum Beispiel, dass in der Nachbarstraße alle Geschäfte kaputtgingen, als man Sielbauarbeiten durchführte. (Das Kunden allerdings nicht gerne durch die Fäkalien der Anwohner stampfen, um Einkaufen zu gehen, lassen Sie außen vor.)

Vergleichen Sie, was das Zeug hält. Vergleiche wirken wie Beweise der eigenen Aussage und ziehen immer. Aber niemals in Details gehen, nur allgemein etwas anschneiden und gleich zum nächsten Vergleich hüpfen. Die Schlagzahl verhindert, dass die Zuhörer in Ruhe nachdenken können und bemerken, welch unfug Sie verbreiten.

So werden Befürchtungen und Ängste ordentlich angeheizt und wer Befürchtungen hegt oder Angst hat reagiert ablehnend, was ja ganz in Ihrem Sinne ist.

Soll bei Ihnen eine Stadtbahn errichtet werden, haben Sie noch weitere, tolle Möglichkeiten.

Schüren Sie Ängste vor dem Unbekannten mit allen Mitteln!

Erzählen Sie herum, dass dieses Verkehrsmittel furchtbar gefährlich ist, das Stadtbahnen ganze Scharen von Fußgängern und Radfahrern umnietet und Autofahrern brutal das Leben kosten (kann). Die meisten Hamburger wissen nämlich nicht, dass ihre Großstadt so ziemlich die Letzte ist, die noch nicht über eine Stadtbahn verfügt. Deshalb fällt die Behauptung, Stadtbahnen würden ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legen, auf fruchtbaren Boden.

Viele Menschen haben besonders viel Angst, wenn es um Staus geht. Zeigen Sie auf die Sonne (oder dem Mond), um zu verdeutlichen, wie lang Staus im Autoverkehr werden, die eine Stadtbahn verursacht. Ein gigantischer Verkehrskollaps droht! Autofahrer werden stundenlang tagelang im Stau stehen!

Verwenden Sie aber niemals die Bezeichnung „Stadtbahn“ sondern stets „Straßenbahn“. „Straßenbahn“ klingt nicht nach einem modernen Verkehrsmittel, vielmehr nach einem Verkehrshindernis aus der Urzeit. So kann man den Leuten viel besser einreden, das es ein „anachronistisches“, völlig veraltetes, untaugliches und bei uns in den 1970ern abgeschafftes Verkehrsmittel ist. Geben Sie zu verstehen, dass es schon seinen Grund hatte, die alte Straßenbahn abgeschafft zu haben. Da, wie gesagt, Hamburger selten über den Tellerrand blicken, fällt ihnen dieser Humbug nicht auf.

Viel zu teuer, oder: Wir haben kein Geld!

Zum Ein-Mal-Eins des Verhinderns gehört selbstredend der wiederholte Verweis auf leere Kassen. Das hat schon die letzten 30 Jahre gut funktioniert, es wird auch die nächsten 30 Jahre funktionieren. Die öffentlichen Kassen haben die wundervolle Eigenschaft, immer leer zu sein, besonders wenn es um den Nahverkehr geht. Oder können Sie sich daran erinnern, dass je über volle Kassen geklagt wurde? Eben. Im Verhindern das effektivste Mittel überhaupt, wenn Sie einige Regeln beachten.

Welch Glück, das die meisten Menschen nicht zwischen Betriebs- und Investitionshaushalt unterscheiden können. Wenn Befürworter betonen, dass man nach der Investition den Betriebshaushalt entlastet, hören die meisten schon nicht mehr zu. Hacken Sie daher immer auf die Investitionskosten herum.

Bei diesem Punkt ist es besonders wichtig, niemals in die Details zu gehen, sowas verwirrt nur unnötig. Nennen Sie immer den höchsten Preis, den Sie irgendwo mal aufgeschnappt oder sich selbst ausgerechnet oder schlicht ausgedacht haben. Machen Sie aus Millionen unbedingt Milliarden und fügen Sie lakonisch hinzu, dass sowieso alles viel, viel teurer wird. Seien Sie sich nicht zu schade, selbst missratene Baukostenschätzungen von Opernhäusern heranzuziehen (siehe vergleiche, weiter oben).

In dem Sie die Kosten kurz & knackig verallgemeinern, übertreiben und dramatisieren, legen Sie ihren Kontrahenten die meisten Steine in den Weg. Die müssen nämlich erstmal ihre Argumente auseinanderpuhlen und differenzieren, was sich für das allgemeine Publikum total trocken, langweilig und rechtfertigend anhört.

Während Ihre Gegner sich mit Mühe und Not den Mund fusselig reden, um den von ihnen vorgetragenen Käse einigermaßen richtigzustellen, können Sie ganz gepflegt und ruhig wieder zum Anfang der Diskussion zurückkehren: Man brauche das doch alles nicht, an anderer Stelle wäre es viel besser investiert und so weiter.

Aber vergessen Sie dabei niemals die Grundregel. Während Sie alle Register ziehen, um den Ausbau des Nahverkehrs zu verhindern, müssen Sie stets behaupten, das Gegenteil erreichen zu wollen. Es soll nur eben am anderen Ende der Stadt gebaut werden.

Und vorher brauchen wir sowieso noch ein paar Gutachten.
— OR

One response to this post.

  1. Posted by Thomas Müller on 04.07.2010 at 00.50

    Sag mal, hast Du mein „Gespräch“ nach der Veranstaltung in der Patriotischen Gesellschaft mitgeschnitten???

    Es ist gut Dich an Bord zu haben. Mach‘ weiter so.

    Mit stadtbahnfreundlichen Grüssen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s