DB, HOCHBAHN, HVV: Gemeinsame Erklärung zur Berichterstattung von Radio Hamburg

Wortlaut | Vorbemerkung: Radio Hamburg hält das Thema Sicherheit in Hamburgs Nahverkehr weiter am köcheln. Am 25.05.2010 gaben Ulrich Sieg, Vorstand der Ressorts U-Bahn und Busbetrieb bei der HOCHBAHN sowie Kay Uwe Arnecke, Sprecher der Geschäftsführung S-Bahn Hamburg GmbH, dem Sender ein langes Interview. Das Gespräch ist auf der Radio Hamburg-Seite in vollständiger Länge abrufbar. Irgendwann im Juni – die Artikel auf der Radio-Hamburg-Website tragen kein Datum, wann sie veröffentlicht wurden – ließ der Sender eine Umfrage durchführen, die angeblich feststellte, dass 73 % der Fahrgäste Angst bei der Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel hätten.

Das Ergebnis nach einzelnen Fragen soll 2 + 19 + 53 + 44 = 118 % betragen, was schlicht unmöglich ist. Mehr als 100 % können nicht an einer Umfrage teilnehmen. Die („repräsentative“) Umfrage wurde von Trend Research durchgeführt, ein detailliertes Ergebnis veröffentlichte Radio Hamburg auf der eigenen Website nicht.

In einer Bildergalerie, die das Datum 14.06.2010 trägt, behauptet Radio Hamburg:

Auf eine Stellungnahme lassen die entsprechenden Stellen noch immer auf sich warten. Aber wir lassen nicht locker: Lesen Sie hier unsere Mail mit der Interview-Anfrage an Senatorin Anja Hajduk und die zuständigen Ansprechpartner bei der Hochbahn und S-Bahn!

Im verlinkten PDF-Dokument ist ein Screenshot einer E-Mail abgebildet, die kein Datum trägt.

In einem Interview mit Anja Hajduk, deren Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zuständig für den Nahverkehr ist, schreibt Radio Hamburg nun nicht mehr von „zuständige Ansprechpartner“, sondern von den Chefs:

Seit einer Woche geben die Verantwortlichen, Hochbahn-Chef Günter Elste und S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke, keine persönliche Antwort auf die Frage, ob sie bereit sind, mehr Geld in die Sicherheit der Hamburger zu investieren.

Dass mindestens Kay Uwe Arnecke sehr wohl die Frage bei Radio Hamburg im oben genannten Interview beantwortet hat, erfährt der Leser (und Hörer) nicht.

Die Art und Weise der Berichterstattung führt zu dem ungewöhnlichen Vorgang, das die Deutsche Bahn, die Hamburger Hochbahn und der HVV eine gemeinsame Erklärung abgaben und sich gegen diese Art der Berichterstattung wehren, was uns als PDF erreichte. Sie wird im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben. Der Text spiegelt nicht die Meinung von Rycon wider.


DB, HOCHBAHN, HVV

Gemeinsame Erklärung zur Berichterstattung von Radio Hamburg

Hamburg, 16. Juni 2010. Am vergangenen Montag haben die Pressesprecher der Hamburger Hochbahn AG und der DB AG sehr ausführlich Florian Wittmann (Chef vom Dienst RHH) die Positionen der Unternehmen zum Thema Sicherheit und die Rahmenbedingungen der aus ihrer Sicht in Hamburg üblichen und bewährten konstruktiv-kritischen Zusammenarbeit zwischen Medien und Unternehmen erläutert. An diesen Erläuterungen hat sich nichts geändert.

Am 25. Mai 2010 haben die Herren Arnecke und Sieg sehr umfangreich in Ihrem Sender zum Thema „Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr“ Stellung genommen. Seit dieser einstündigen Sendung hat sich an unserer Einschätzung der Sicherheitslage nichts geändert. Gleichwohl haben sich die Verkehrsunternehmen Hamburger Hochbahn AG und DB AG mehrmals bereit erklärt, zu der Sicherheitslage und zu der in Ihrem Auftrage durchgeführten Umfrage Stellung zu nehmen sowie zu den von den Verkehrsunternehmen ergriffenen Maßnahmen Auskunft zu geben.

Wir müssen deshalb feststellen, dass Sie – im Gegensatz zu den über Ihren Sender verlautbarten Äußerungen – kein Interesse an der Stellungnahme der verantwortlichen Unternehmen und an einer objektiven Berichterstattung haben. Vielmehr bestehen Sie darauf, die Interviewpartner aus den Unternehmen selber zu bestimmen. Ein Umstand, der mit einem soliden journalistischen Vorgehen nicht vereinbar ist, sondern deutliche Züge einer gezielten Medienkampagne trägt. Wir fordern Sie deshalb auf,  die Behauptungen, dass sich die Verantwortlichen nicht äußern wollen, zu unterlassen, unser Gesprächsangebot anzunehmen und zu einer objektiven journalistischen Berichterstattung zurückzukehren.

Zu Ihrer derzeitigen Berichterstattung zum Thema Sicherheitsgefühl im ÖPNV nehmen der HVV und die beiden großen Verkehrsunternehmen wie folgt Stellung: Selbstverständlich ist nachzuvollziehen, dass nach Gewalttaten ein höheres Unsicherheitsgefühl bei den Befragten zu beobachten ist. Dies ist bei solch tragischen Fällen nicht anders zu erwarten. Das Lagebild wird natürlich ständig ausgewertet und das umfangreiche Sicherheitskonzept, wenn erforderlich, angepasst – wie in der Vergangenheit auch.

Die von Ihnen in Auftrag gegebene Umfrage und die Bewertung der Antworten weist aber deutliche methodische Mängel auf. Der HVV, die DB AG und die Hamburger Hochbahn AG lassen seit Jahren u.a. das subjektive Sicherheitsgefühl ihrer Fahrgäste von renommierten Instituten erfragen – ein wichtiges Instrument der  Unternehmenssteuerung. Die Ergebnisse dieser Befragungen zeigen ein deutlich anderes Bild als die von Ihnen behaupteten 73 Prozent an Fahrgästen, die angeblich Angst bei der Benutzung von U- und S-Bahn haben. Hierauf hatte der HVV per Mail die Redaktion von Radio Hamburg hingewiesen. Dieser Hinweis wurde nicht nur ignoriert. Vielmehr wurde in der Antwortmail sehr deutlich, dass es Radio Hamburg nicht um eine kritische Debatte, sondern um eine gezielte Stimmungsmache geht.

Auch die Behauptung, der HVV und die Hochbahn sowie S-Bahn nähmen ihre Kunden nicht ernst, entspricht nicht den Tatsachen. Gegen diese Behauptung verwahren wir uns auch im Namen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verbundes und der Verkehrsunternehmen, die tagtäglich – auch im Bundesvergleich – einen sehr guten Job für die Hamburgerinnen und Hamburger machen.

Sehr gerne treten wir auf einer sachlichen Ebene wieder in den Dialog mit Ihnen ein!

— OR

One response to this post.

  1. Posted by Herbert on 18.06.2010 at 13.04

    Großartig auch das verlinkte Interview, in dem Radio Hamburg die Bundespolizei zu einer Art besserer S-Bahn-Wache macht. „Wenn etwas passiert, holen die auch nur die Landespolizei“ – sinngemäß. Offenbar hat man bei Radio Hamburg nicht ganz verstanden, dass die Bundespolizei _die_ Polizei in Bahnanlagen ist und exakt die gleichen Aufgaben, Rechte und Pflichten dort hat wie die Landespolizei Hamburg z.B. bei der U-Bahn.

    Schon damals (25.5.) wurde on-air von Radio Hamburg darüber beschwert, dass der Pressesprecher der Bundespolizei nicht zum Sender kommen wollte, wenn nicht auch die Landespolizei im Interview anwesend sei. Nachdem Radio Hamburg die Aufgaben der Bundespolizei aber zumindest völlig irreführend wiedergab, war auch das wohl eher als dezenter Hinweis an die morgendliche Hörerschaft auf die „böse Bundespolizei“ gedacht.

    Dabei ist deren Verhalten völlig einleuchtend: Warum sollte nur die für die S-Bahn zuständige POLIZEI anwesend sein, die in U-Bahn und Bussen zuständige Landespolizei aber nicht? Offenbar hat Radio Hamburg die Landespolizei ja nichtmal angefragt, jedenfalls scheinen sie nicht abgesagt zu haben (das hätte RHH ja sicher auch den Hörern mitgeteilt) und anwesend sind sie auch nicht.

    Großartiger Journalismus dort.

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