Mehrheiten im Wechsel

Noch ein Wort zur kürzlich durchgeführten „Abendblatt“-Umfrage; im Beitrag „Hamburger Presse schießt sich auf Stadtbahn ein“ ist nämlich eine nicht unerhebliche Kleinigkeit flöten gegangen – die Umfrage selbst.

Man braucht keine Kristallkugel, um zu ahnen, dass Presse und Stadtbahngegner sich künftig genau auf diese Umfrage berufen werden und das Schlagwort wird „Mehrheit der Hamburger“ sein. Ein etwas genauerer Blick lohnt sich also.

Die Umfrage führte – im Auftrag des „Hamburger Abendblatt“ – das Institut Psephos durch, welches 1004 Hamburger befragte. Die Ergebnisse zum Thema Stadtbahn von 1999, 2008 und 2010 in grafischer Darstellung.

Das „Abendblatt“ frohlockte zwar mit der Schlagzeile „Mehrheit der Hamburger lehnt Bau der Stadtbahn ab“, vergaß aber bedauerlicherweise zu erwähnen, wie hoch denn die Fehlertoleranz bei der durchgeführten Umfrage ist. Die „Mehrheit“ beträgt zwar kaum übersehbare 10 % – dennoch wäre die Fehlertoleranz eine interessante Information gewesen. So eine absolute Sicherheit, wie die Schlagzeile suggeriert, lässt sich aus der Umfrage jedenfalls nicht wirklich ableiten, wenn man sie im Kontext zu den früher durchgeführten stellt. Aber das bleibt Ansichts- und Geschmackssache.

Auffällig ist der Anteil derer, die sich (eher) ablehnend gegenüber der Stadtbahn zeigen. Wurden 2008 noch 45 % ermittelt, schoss der Wert auf nun 51 % hoch. In diese Zeitspanne fällt die ständig zunehmende, negative bis aggressive Berichterstattung gegen die Stadtbahn. Auch die Horrormeldungen des ADAC, welches sich stets der Presse bedient und sich zur Stadtbahn auf der eigenen Website mit keinem Wort meldet, dürfte etwas ausgemacht haben. Schließlich kommt noch die Finanzlage hinzu; zwar bemängelt man, das die Kosten noch nicht seriös geschätzt werden können, jongliert aber sicherheitshalber schon mal mit Milliarden herum. Milliarde klingt halt dramatischer als Million. Das Hamburg mitnichten die Investitionen zur Stadtbahn alleine stemmen wird, fällt praktisch komplett unter den Tisch. Ebenso wie die schlichte Tatsache, das die geplante, erste Strecke garantiert keine Milliarde kosten wird. Ganz zu schweigen von der Attraktivitätssteigerung des Nahverkehrs (und damit höheren Fahrgeldeinnahmen) sowie den günstigeren Betriebskosten gegenüber dem Bus – alles keine Erwähnung wert.

Dass noch immer – trotz allem – 41 % die Stadtbahn für eher gut/sehr gut halten, erscheint da wie ein kleines Wunder. Hier ist die Zustimmung in den letzten zwei Jahren um sechs Prozentpunkte zurückgegangen, dennoch ist dies kein schlechter Wert. Eine politische Partei würde bei so einem Ergebnis sicherlich die Sektkorken knallen lassen; deshalb sollten sich die Volksvertreter es sich dreimal überlegen, den immer dringlicher werdenden Ausbau des Nahverkehrs auf Eis legen zu wollen.

Es wird ja gerne auf Politiker eingeprügelt, aber es wird nicht erklärt, wie – naturgemäß langfristig angelegte – Infrastruktur- und Verkehrspolitik betrieben werden soll, wenn sich die Leute alle naselang umentscheiden. 1999 noch ein eindeutiges Ja, vor zwei Jahren ein vielleicht und nun ein Nein. Kann man da erwarten, dass von den (im Fachjargon als „Entscheidungsträgern“ bezeichneten) Politikern was Vernünftiges, Langfristiges oder „Nachhaltiges“ raus kommt, zumindest wenn man solche Umfragen ernst nimmt?

Dabei kann doch grundsätzlich nur ein Herumeiern rauskommen. Und das kann´s ja wohl auch nicht sein.

— OR; Grafik: Rycon

One response to this post.

  1. Posted by Mitropa1 on 07.06.2010 at 21.44

    Es wäre einmal interessant zu wissen zu welchem Anteil sich das Hamburger Abendblatt aus den Anzeigen von ADAC oder sonstigen autorelevanten Gebieten finanziert. Als Beispiel diene nur Stuttgart, wo der Vorsitzende des Automobliverbandes als CDU Bundesverkehrsminister einen nahezu unbezahlbaren Bahnhof initiierte nur um die Bahnmittel von sinnvollen, aber eventuell mit Straßenprojekten konkurierenden Bauten abzuschöpfen, damit diese in keinem Fall konkurrenzfähig zum Auto wird. Das nenne ich einen Schachzug und was spricht dagegen, dass es in Hamburg nicht anders läuft. Von Protesten des Rechnungshofes oder der Kammern gegen die U 4 habe ich jedenfalls noch nichts gehört.

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