Hamburger Presse schießt sich auf Stadtbahn ein

Standpunkt | Bei einer 1999 vom „Hamburger Abendblatt“ beauftragten Umfrage unter Hamburgern votierten 59 % für die Einführung einer Stadtbahn. Nun, 11 Jahre später, hat man es endlich geschafft: Bei einer aktuell durchgeführten Umfrage sprachen sich nur noch 41 % der befragten für die Einführung aus.

Wobei 41 Prozent noch immer ein überraschend gutes Ergebnis ist, räumt doch die Presse – vor allem „Abendblatt“ und „Welt“ – regelmäßig Platz für Stadtbahngegner ein. Man mäkelt ständig herum und diskreditiert das Nahverkehrsmittel als „Prestigeprojekt“, so als ob Hamburg die einzige Stadt weltweit sei, die ein weiteres schienengebundenes Massentransportmittel plant bzw. betreibt. „Prestige“ suggeriert auch, als sei die Stadtbahn ein Luxus für gutbetuchte. Aber gerade der Nahverkehr stellt für weniger kaufkräftige Menschen die einzige Möglichkeit zur Mobilität dar, was im krassen Gegensatz zum Wörtchen „Prestige“ steht.

Man vergisst auch nie zu erwähnen, dass es ein „Grünes Prestigeprojekt“ sei, womit man natürlich gestandene CDU-Wähler auf die Palme bringt. Man muss wirklich kein GAL-Wähler sein, um für den quantitativen und qualitativen Ausbau des Nahverkehrs zu sein. Es macht sich aber halt einfach besser, sowas in die Ecke der Öko-Fritzen zu pflanzen. Dabei beweist drolligerweise die Umfrage, dass dieses Vorurteil nicht hinhaut: Die GAL steht bei 10 % – ergo: 31 % der Umfrageteilnehmer sind keine GAL-Wähler und trotzdem für die Stadtbahn. Aber wer will schon Argumente lesen.

Die Berichterstattung der Hamburger Presse ist nicht kritisch gegenüber der Stadtbahn, sondern ablehnend – gelinde gesagt. Und das ist keine Verschwörungstheorie: Schon im Oktober letzten Jahres legte sich die Hamburger Presse einhellig darauf fest, dass die Stadtbahn ihrer Meinung nach in Hamburg nichts zu suchen habe. Unter der scheinheiligen Überschrift „Fährt die Stadtbahn Hamburg in den Ruin?“ (natürlich tut sie das!) fasste das „Abendblatt“ den Journalistentenor so zusammen:

  • Kay E. Sattelmair, Kolumnist und Ex-Geschäftsführer der Welt: Neue Schulden werden jeden Tag bekannt gegeben. Wie sie zurückgezahlt werden, bleibt unverbindlich.
  • Christoph Heinemann, Redakteur im Ressort Landespolitik bei der Hamburger Morgenpost: Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen. In der Krise müssen auch grüne Prestigeprojekte auf den Prüfstand.
  • Martin Kopp, die Welt: Die neue Stadtbahn wird Hamburg noch viel mehr Probleme bereiten, als bisher bekannt.
  • Rebecca Kresse, Hamburger Abendblatt: Die Stadtbahn wird kommen. Unter allen Umständen. Finden wir uns besser damit ab.

Man findet sich natürlich nicht damit ab. Und der Leser darf keine ausgewogene, faire, objektive Berichterstattung erwarten, wenn die geballte Hamburger Presse sich einhellig gegen die Stadtbahn ausspricht.

Das Urteil haben Journalisten gefällt, die nicht in der Lage sind, ein Verkehrsunternehmen vom Verkehrsverbund zu unterscheiden. Oder die einen Artikel über S-Bahn-Surfer mit einer U-Bahn abbilde und nicht einmal den Unterschied zwischen S- und U-Bahn kennen. Journalisten, die offenbar Autofahrer sind und den Auto-Lobbyverband ADAC als „Mobilitätsverein“ titulieren, was falscher gar nicht sein kann. (Zu finden in einem unfassbar schmeichelhaften Interview der „Welt“ mit dem neuen ADAC-Präsidenten Meyer unter der vielsagenden Überschrift „Autofahrers Abrechnung“.) Journalisten, die man in Nahverkehrsdingen als inkompetent bezeichnen darf — und das ist noch sehr höflich ausgedrückt.

Presseschau

Im Folgenden eine kleine Presseschau vom „Abendblatt“ und der „Welt“. Gesucht wurde nach „Stadtbahn“, Rubrik Hamburg, von 01012009 bis 31102009 sowie 01112009 bis 03052010, bei der „Welt“ einfach nach dem Suchbegriff „Stadtbahn“.

Rot markiert: Artikel mit eher negativer Tendenz zur Stadtbahn; abgeschwächt: Taucht zwar in der Ergebnisliste auf, hat jedoch mit dem Thema nichts unmittelbar zutun.

Ein paar konkrete Beispiele: Die „Welt“ berichtete (Mitautor: oben genannter Martin Kopp), das Anwohner ein Bürgerbegehren planten und der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord Wolfgang Kopitzsch (SPD) sich gegen die Streckenführung aussprach; das Kopitzsch ein paar Tage später zurückruderte und sich missverstanden fühlte, war dann keine Meldung mehr wert.

Laut HVV im Fahrgastbeirat vertretene Verbände und Institutionen:
  • ACE-Wirtschaftsdienst GmbH
  • ADFC e. V. (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club)
  • AStA Uni Hamburg (Allgemeiner Studierenden-Ausschuss der Universität Hamburg)
  • Bund für Umwelt und Naturschutz, Landesverband Hamburg
  • DBB Hamburg (Deutscher Beamtenbund und Tarifinformation)
  • DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund)
  • Fahrgast­beirat Harburg
  • Fahrgastbeirat Stade
  • Fahrgastinitiative Hamburg (FIH) / Pro Bahn e. V.
  • Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderungen e. V.,
  • Hamburger Sportbund
  • Handelskammer Hamburg
  • Landesseniorenbeirat Hamburg
  • Landesfrauenrat Hamburg e. V.
  • Landesjugendring Hamburg e. V.
  • SchülerInnen­kammer Hamburg
  • VCD e. V. (Verkehrsclub Deutschland) Landesverband Nord

Für die „Abendblatt“-Umfrage produzierte man gleich drei Artikel (hier, da und dort), die sich alle auf die Stadtbahn ablehnend konzentrierten; das der (sonst sehr schweigsame) HVV darauf mit einer Pressemitteilung reagierte („HVV-Fahrgäste sind für die Stadtbahn“) konnte – leider, leider – bis heute nicht erwähnt werden. Bei keiner der großen Zeitungen. (Korrekterweise bezieht sich die HVV-Pressemitteilung auf den Fahrgastbeirat, in dem neben Privatpersonen auch jede Menge Verbände und Institutionen vertreten sind, siehe Kasten).

Die „Hamburger Morgenpost“ („Mopo“) hält sich bisher im Falle der Stadtbahn zurück, was daran liegen könnte, das Christoph Heinemann („Hamburg ist nicht auf die Stadtbahn angewiesen“) damit beschäftigt ist, die armen Schwarzfahrer vor der bösen S-Bahn-Wache zu verteidigen.

Diese Liste könnte man locker fortsetzen, es böte Stoff für ein eigenes Blog.

Unterm Strich ist die aktuelle „Abendblatt“-Umfrage so gesehen aber ein Armutszeugnis für die autoverliebte Presse: Immer noch sind 41 % der Hamburger für die Stadtbahn. Nun steht zu befürchten, das die Umfrage der Startschuss für eine Pressekampagne ist, denn schließlich ist nun die Mehrheit der Hamburger gegen die Stadtbahn, was als Aufhänger dient. Offenbar legt die „Welt“ mit einem schamlosen, wirklich widerlichen Kommentar schonmal los.

Da der Nahverkehr selber keine Lobby hat, dürfen sich Autofahrer entspannt zurücklehnen. Es wäre nämlich ein astreines Wunder, wenn der Nahverkehr trotz kombinierten Widerstand von ADAC und Presse effektiv ausgebaut werden würde. HVV-Kunden haben sich gefälligst mit überfüllten Bussen zu begnügen, alles andere wäre ja Prestige.
— OR

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