Andere Welten

Kommentar | Als die S-Bahn Hamburg GmbH mit einer eigenen Kundenzeitschrift an den Start ging, sah es nach einer vielversprechenden Idee aus. Anders als die HOCHBAHN-Kundenzeitung – die mit ihrem großen Zeitungsformat nicht nur äußerst unhandlich ist, sondern ihre Leser auch mit Rätseln, Kochrezepten und ähnlichem Quatsch langweilt – versuchte man, den Kunden den Betrieb näher zu bringen. Mehr noch, man zeigte sich nach dem holprigen Start der S3-Erweiterung nach Stade reumütig und auch zu den Verspätungsorgien bekannte man sich. Das waren ganz neue Töne von der DB-Tochter: Probleme erkennen und sich zu diesen bekennen, sie erklären und ein Konzept den Kunden zu präsentieren, wie man diese Probleme in den Griff bekommen will.
(Leider kann auf die bisher erschienen Ausgaben nicht verlinkt werden, denn die PDF-Dokumente werden auf der S-Bahn-Website bemerkenswerterweise nicht archiviert.)

So viel Einsicht war einmal, inzwischen hat man andere Welten erreicht. So berichtet „S-Bahn aktuell“ in der aktuellen Ausgabe [PDF, S.3] ohne jede Ironie:

„Gute Noten gaben die in den Umfragen des Hamburger Verkehrsverbundes angesprochenen Fahrgäste der S-Bahn auch für die Ansagen bei Betriebsstörungen und für die Sicherheit. In beiden Bereichen liegt die S-Bahn Hamburg 2009 über den geforderten Zielmargen.“

Die, bitte schön, was wurde gut benotet? Die „Ansagen bei Betriebsstörungen“? Da staunt der Fachmann – und der Laie wundert sich. Die Fahrgastinformation im Störungsfalle gilt bei der S-Bahn als traditionell und legendär schlecht, weil meist faktisch nicht existent.

Und man muss sich einmal in die Lage eines Fahrgastes aus Stade versetzen, der wochenlang in den vergangenen Monaten das Elend von ausgefallenen Zügen, zusätzliches Umsteigen und vor allem für fehlende über inkompetente bis patzige „Fahrgastinformation“ hat erleiden müssen (siehe hier und hier und da und dort). Wenn solch ein Fahrgast nun in der S-Bahn-Postille liest, wie toll doch die Ansagen benotet wurden und wie pünktlich die Züge seien – dem fliegt doch der Hut hoch.

Überhaupt, dass man wochenlang Probleme mit dem Winterwetter hatte, das Züge und ganze Verstärkerlinien tagelang ausfielen und Fahrgastinformation zu einem seltenen Ereignis zählte fand auf dem Planeten der Hamburger S-Bahn nicht statt. Es findet sich kein einziges Wort zu den massiven Problemen, keine Entschuldigung, keine Einsicht, nix, null.

Dafür blieb scheinbar einfach kein Platz zwischen all der Selbstbeweihräucherung. Man freut sich stattdessen über eine gestiegene Pünktlichkeitsquote, die sich um 1,5 Prozentpunkte auf statistische 94,7 % verbessert habe. Da trifft es sich gut, wenn Züge und S-Bahn-Linien ausfallen, denn nicht verkehrende Züge können sich ja auch schlecht verspäten.

Viel wichtiger scheint der S-Bahn Hamburg zu sein, warum Renate, Harald, Heike und Ronny so furchtbar gerne S-Bahn fahren, jeder mit seinem glücklichen Gesicht abgebildet. Nur: Wen zum Teufel interessiert das? Solche Elemente kennt man eher aus einer billigen Pharma-Anzeige in einem noch billigeren Klatschblatt, wo strahlend-glückliche Menschen erzählen, welch tolle Wirkung das neue Abführmittel auf rein pflanzlicher Basis auf sie hat.

Es wäre die Gelegenheit gewesen sich den Problemen zu stellen, dem Fahrgast zu erklären, was passiert ist, sich zu entschuldigen und Besserung zu geloben. Stattdessen verkündet man irgendwelche Prozentwerte und Noten, die fernab jeglicher Realität zu sein scheinen, auch wenn sie stimmen sollten.

Auf welchem Planeten auch immer die Redaktion von „S-Bahn aktuell“ sitzt – auf der Erde jedenfalls nicht.

P.s.: Die Deutsche Bahn hat sich in einem seltenen Anflug von Einsicht für die Winterprobleme bei den Fahrgästen entschuldigt und verteilt Reisegutscheine.
— OR; Ausrisse: „S-Bahn aktuell“ vom 18.03.2010

Advertisements

2 responses to this post.

  1. Vielleicht lächeln Renate, Harald, Heike und Ronny aber nur für ihren Arbeitgeber. Bei Xing wäre das so.

    http://off-the-record.de/2010/02/24/es-hat-xing-gemacht-und-der-spiesser-lacht/

  2. Posted by Rycon on 30.03.2010 at 05.32

    Eher unwahrscheinlich. Soweit ich das mitbekomme, ist den S-Bahnern das lächeln schon lange abhandengekommen. ;-)
    — OR

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s