Alkoholverbot im HVV: gute oder schlechte Idee?

Foto: Viktor Mildenberger, pixelio

Kullernde Bierflaschen, unendlich viel Müll, Kotze unter den Sitzen, uringetränkte Heizungen, Vandalismus und immer wieder Gewalt: Die öffentlichen Verkehrsmittel und ihre Nutzer (und Betreiber) müssen eine Menge aushalten. Bei solchen Exzessen sind oft Promillewerte im Blut beteiligt. Alkohol senkt bekanntlich die Hemmschwelle und die Gruppendynamik gerade bei Jugendlichen, deren Hormone noch keine gesunden Bahnen eingeschlagen haben, tun ihr übriges. Aber auch „Erwachsene“ benehmen sich unter Alkoholeinfluss oft äußerst unangenehm.

Irgendwann wurde es den Regionalverkehrsunternehmen metronom zu viel und man setzte ab 15.11.2010 in den Zügen ein Alkoholverbot durch. Begleitet wurde – und wird – diese Aktion durch eine informative, innovative und kreative Kampagne. Mit dem Verbot erregte der metronom bundesweit für aufsehen.

Fahrgäste dürfen nun nicht mehr mit geöffneten alkoholischen Getränken den Zug betreten oder im Zug erwischt werden. Wenn doch, werden 40 Euro fällig; bleibt man stur, fliegt man aus dem Zug. Taschenkontrollen werden selbstverständlich nicht durchgeführt und auch alkoholisierte Fahrgäste werden befördert – sie dürfen nur eben nicht mehr nachtanken, solange sie den metronom nutzen.

Nach einem Bericht des Fernsehsenders Hamburg 1 ist dieses Verbot ein voller Erfolg. So gingen die Vorfälle innerhalb der letzten fünf Monate von 188 auf 68 zurück. Nun werden Forderungen laut, das Alkoholverbot auf den gesamten HVV auszudehnen.

Zeichnung: Stefan Koenig; Foto: AARGON, pixelio

Erfolg übertragbar?

Es ist natürlich eine interessante Frage, ob man die Erfahrungen des Regionalverkehrs, wo in der Regel Zugbegleiter mitfahren, auf den Nahverkehr übertragen kann. Verbote sind hier schwieriger durchzusetzen. Zudem bedeutet ein Verbot auch immer die Beschneidung von Freiheiten. Dem Handwerker, der in der Bahn sein wohlverdientes Feierabendbier genießt, ist dies ebenso verboten, wie der „Hausfrauen-Sekt“ nach einem Ausflug. Der mündige, verantwortungsvolle Fahrgast wird in Mithaftung genommen, was ein Geschmäckle hat, zumal im liberalen Hamburg.

Ein Alkoholverbot hätte noch weitere Konsequenzen. Denn ein Verbot müsste sich ebenso auf Verkäufer, die ihre kleinen Läden auf den Verkehrsanlagen wie Bahnhöfe oder Busanlagen haben, erstrecken. Für viele (kleine) Betreiber dürfte das wohl zum Ruin führen. Ein Verbot einerseits und ein legaler Verkauf andererseits wäre aber zynisch. Hier entgehen dann den Verkehrsunternehmen Mieteinnahmen.

Nicht zu vergessen ist der Alkoholkonsum vor der Fahrt, die allermeisten Leute fangen ja nicht in der Bahn mit dem Trinken an, sondern haben schon „vorgeglüht“. Selbst wenn das Partyvolk sich an das Verbot hält, saufen sie umso mehr (und umso heftiger), bevor sie den Bahnhof betreten; während der Fahrt sind sie folglich besonders hackevoll.

Verwüstete Landschaften

Oft wird behauptet, die Hamburger Verkehrsmittel seien verdreckt und den Verkehrsunternehmen wird die Schuld daran gegeben. Dass es aber Fahrgäste sind, welche die Fahrzeuge und Anlagen verdrecken, wird komischerweise unterschlagen. Hier spielt der Alkohol eine unrühmliche Rolle. Man kann nicht bestreiten, das das Partyvolk regelmäßig verwüstete Landschaften hinterlässt; so mancher Bahnhof sieht Samstagnacht wie eine Müllkippe aus, leere Flaschen, wohin man blickt. Viele wartende Fahrgäste machen eher den Eindruck, als ob sie in einer Kneipe und nicht auf einem Bahnhof sind. Besonders heuchlerisch wird es, wenn exakt diese Leute am Montagmorgen ihren Arbeitskollegen erzählen, wie furchtbar verschmutzt doch die Bahnhöfe sind.

Piktogramm: metronom

Der metronom argumentiert, nicht zu unrecht, mit dem Vorbildgedanken, den Erwachsene gegenüber Jugendlichen haben. Was für ein Vorbild geben wir den Kindern, wenn am frühen Abend das Bier in der Bahn zischt? Oder eine Gruppe lustiger Hausfrauen am Sonntagnachmittag mit Sekt anstößt? Jugendliche trinken immer früher, 12-Jährige ballern sich die Birne zu und Komasaufen ist zum Hobby geworden. Das kommt ja nicht von ungefähr. Aber wie will man Jugendlichen den verantwortungsvollen Konsum beibringen, wenn sich die Erwachsenen nicht verantwortungsvoll benehmen?

Alkoholverbot – ja oder nein?

Es gibt gute Argumente, die für ein Verbot, aber auch gute die dagegen sprechen. Die Chance auf bessere Sauberkeit, weniger Gewaltdelikte und Belästigungen in Fahrzeugen und Anlagen, sowie der Erfolg der metronom-Aktion sprechen sicherlich dafür. Dagegen steht, dass der Verkauf konsequent auf den Anlagen verboten werden müsste, die Gängelung und Beschneidung der Freiheit, der Effekt das viele eben vor der Fahrt sich betrinken und nicht zuletzt das Problem, so ein Verbot auch durchzusetzen.

Keine einfache Entscheidung also. Vielleicht sollte man das noch mal bei einem Bier besprechen. Prost.

— OR

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3 responses to this post.

  1. Posted by GeDanke on 27.03.2010 at 19.15

    Hallo.
    Es bestehen meines erachten schon heute Alkoholverbote in den Beförderungsbedingungen.
    Nur leider sind sie nicht mehr so sichtbar, bzw. keiner liest oder erkennt sie.
    Während die Piktogramme „Offene Speißen und Getränke verboten“ außen an den Bussen still und leise verschwunden sind, steht innen unter Allgeimeine Hinweise (HVV) unter Punkt 3; …es ist untersagt alkoholische Getränke zu konsuminieren…( Allgemeine Hinweise kling etwas freundlicher als ein deutliches VERBOT ! ) Wie soll also zb. der Busfahrer entscheiden?
    Aber auch in den A Beförderungsbedingungen des HVV steht schon unter § 3.1.1. ..die Mitfahrt ist…Personen die unter den Einfluss geistiger Getränke oder anderer beraauschender Mittel stehen …untersagt.
    Es müßten diese Verbote wieder deutlich angezeigt werden, denn bestehen tun sie eigendlich ja schon ,wenn man sich die Mühe macht sie zu lesen.
    Also warum das große Tara.

  2. Posted by Hartmut on 06.05.2010 at 13.55

    Zitat:
    Der metronom argumentiert, nicht zu unrecht, mit dem Vorbildgedanken, den Erwachsene gegenüber Jugendlichen haben. Was für ein Vorbild geben wir den Kindern, wenn am frühen Abend das Bier in der Bahn zischt?
    Zitat Ende

    Komisches Argument, wie ich ausführen werde! folgende Aussage ist sicher richtig:

    Zitat:
    Jugendliche trinken immer früher, 12-Jährige ballern sich die Birne zu und Komasaufen ist zum Hobby geworden
    Zitat Ende

    das ist eine tendenz der letzten 5-10 jahre – das feierabendbier wurde schon erheblich länger in zügen getrunken – was nicht zur folge hatte das Kinder sich sinnlos betrinken!
    Der pro-Kopf-Bierverbrauch nimmt in den letzten Jahren übrigens stetig ab (auch in den Zügen) – Also weniger Feierabendbiere, haben eine Steigerung bei den Komasauf-Kiddies zur folge? Ich kann da keine Vorbildfunktion erkennen.
    Das die Kiddies saufen liegt wohl eher an anderen Sachen …. mangelnde Erziehung, Perspektivlossigkeit, Spassgesellschaft u.a.

    IMHO dient das Alk-Verbot (genauso wie das Rauchverbot) in Zügen einzig u. allein dazu die Reinigungskosten zu senken – das ist ein Interesse der Bahngesellschaften – alle Argumente die genannt werden sind scheinheilig

    ein verärgertert ex-Feierabendbiertrinker

  3. Posted by 1887 on 31.03.2011 at 13.29

    Verbote, Verbote, Verbote….

    Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. 90% der Fahrgäste mit Bier sind ruhig und friedlich. Das zum einen, zum anderen:

    Wie will man es am Samstag, 02h an der reeperbanh oder anch einem HSV-Heimspiel durchsetzen? Sicherheitsdienste und CO. haben doch nun wirklich Wichtigeres zu tun als Leuten Bier abzunehmen-oder kommt die Totalprohibition?

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