S-Bahn nach Kaltenkirchen in der Diskussion

A-Bahn aus, S-Bahn an: Das steht bei einigen auf dem Wunschzettel.

Das „Hamburger Abendblatt“ hat gestern und heute gleich zwei Artikel über die AKN gebracht und das sorgt für reichlich Gesprächsstoff. Die AKN sei praktisch gelähmt, da der Vertrag mit dem jetzigen AKN-Chef Klaus Franke am 31.03.2010 ausläuft; ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Der 66jährige Franke erklärte vor einiger Zeit der Belegschaft, ein weiteres Jahr im Amt bleiben zu können, obwohl er schon letztes Jahr in den Ruhestand gehen wollte. Eine klassische Interimslösung und der AKN-Aufsichtsrat kommt hier nicht in die Puschen. Eigentümer der AKN sind zu gleichen Teilen die beiden Länder Hamburg und Schleswig-Holstein. Letzteres versuchte jahrelang die AKN irgendwie loszuwerden, scheiterte damit aber offenbar.

Franke sprang 2009 ein, nachdem sein selbstbewusster Vorgänger Johannes Kruszynski über Nacht gekickt wurde. Gegen ihn ermittelt laut „Abendblatt“ die Kieler Korruptionsabteilung des Landeskriminalamtes. Eine Menge los im beschaulichen Kaltenkirchen.

Dabei stehen wichtige strategische Entscheidungen bei der AKN auf dem Programm: Ein Teil der Fahrzeugflotte soll 2017 durch neue Triebzüge ersetzt werden, was zeitlich auch mit der Anschaffung neuer S-Bahn-Züge zusammenfällt. Hierbei bietet es sich an, die A-Bahn-Linie 1 bis Kaltenkirchen, rund 30 Kilometer, per Oberleitung zu elektrifizieren und als S-Bahn zu betreiben. Betrieblich wäre es hier sinnvoll die S3 durchzubinden, da auf dieser Linie ohnehin Zweisystem-Züge im Einsatz sind; Endstation der S21 wäre folglich Pinneberg.

Bei einer AKN-Konferenz am Dienstag in Ellerau sprachen sich laut „Abendblatt“ 40 Vertreter der betroffenen Städte und Gemeinden für diesen Plan aus. Man nannte sogar Zahlen: 50 Millionen Euro würde die Elektrifizierung kosten und der Bund hätte sich bereiterklärt, diese zu 60 % zu übernehmen. 25 % würde die AKN finanzieren, auf Hamburg und Schleswig-Holstein entfielen die restlichen 15 Prozent. Nach dem Territorialitätsprinzip käme Hamburg geradezu billig davon.Verdächtig billig. Alles etwas zu optimistisch.

Inkompatible Bahnsteige

Man hat beim Applaudieren leider eine Kleinigkeit vergessen: Die S-Bahn-Züge passen hinten und vorne nicht zu den AKN-Bahnsteigen.

Als die AKN ihre Bahnsteige aufwendig sanierte bzw. modernisierte, wurden Maße gewählt, die logischerweise auch zu den eingesetzten Fahrzeugen passen. Alles andere wäre auch unsinnig und unmöglich gewesen, denn wer baut schon auf „Vorrat“ und für Eventualitäten.

Die neuen Bahnsteige wurden auf eine einheitliche Höhe von 76 cm gebracht, was auch nicht unüblich ist. Die Hamburger S-Bahn benötigt jedoch 96 cm hohe Bahnsteige, um einen stufenlosen Einstieg zu ermöglichen.

Auch die Bahnsteiglängen bergen ein Problem. Mit 120 Metern erhielt Kaltenkirchen den längsten Bahnsteig, einige sind 110 Meter lang und der kleinste, gemeinsame Nenner sind die 100 Meter-Bahnsteige, wie in Tanneneck oder Hasloh [Daten der Haltestellen: PDF]. Dort können bis zu 6 AKN-Wagen vom Typ VT A (=3 Einheiten, gute 99 Meter) bequem eingesetzt werden, die zusammen 288 Sitzplätze anbieten. Die S-Bahn kann, als größte Einheit, nur einen Kurzzug vorbei schicken (3 Wagen, 66 Meter), welcher 208 Sitzplätze bereithält.

Daraus ergibt sich: Die Umstellung auf S-Bahn-Betrieb würde pro (maximal möglichen) Zug 80 Sitzplätze kosten. Zudem wäre ein Teil der Bahnsteige schlicht unnütz und ein stufenloser Einstieg wäre nicht gegeben. Letztlich tritt also keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung ein.

Abhilfe schafft hier nur der umfangreiche und kostspielige Umbau aller 14 Stationen. Die Bahnsteige müssten aufgerissen werden, um die Höhe an die S-Bahn-Züge anzupassen; dabei sind auch die Zugänge (Rampen) zu berücksichtigen. Eine Bahnsteigverlängerung erscheint besonders schwierig, da es sich oft um Mittelbahnsteige handelt. Man käme nicht umhin, auch die Gleise entsprechend herauszuzupfen und neu zu verlegen, um Platz zu schaffen.

Das dürfte alles doch nicht so ganz billig werden.

Hamburg sperrt sich

Während die Schleswig-Holsteiner für diesen Plan sind, scheint Hamburg davon wenig zu halten; so schickte die Hansestadt nicht einmal einen Vertreter zur Konferenz.

Ein Affront, der sicherlich seine Begründung hat. Die hochtrabenden Kieler „Achsenkonzepte“ bedeuten für Hamburg meist deutlich höhere Betriebskosten, welche die Stadt aus dem eigenen Etat stemmen muss, während qualitative Verbesserung vornehmlich Schleswig-Holsteinischen Steuerzahlern zugutekommt. Gut möglich, das auch die teure Fahrzeugbeschaffung zulasten der Hansestadt geht, denn hierüber findet sich nichts in den „Abendblatt“-Artikeln.

Der volkswirtschaftliche Nutzen einer S-Bahn-Verlängerung nach Kaltenkirchen sei festgestellt worden, heißt es, und das Potenzial sei „sehr groß“. Es würde eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen winken.

Auf 10.000 pro Tag.

Sechsmal weniger als die MetroBus-Linie 5 täglich befördert.
— OR; Bild: Rycon

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4 responses to this post.

  1. Posted by Christian Schmidt on 25.03.2010 at 13.15

    Die AKN hat nur 5000 Fahrgaeste pro Tag? Das sind ja weniger als 40 pro Zug…

  2. Posted by Herbert on 25.03.2010 at 14.31

    1. Vier Stationen der A1 liegen in Hamburg. Eine weitere (Schnelsen Süd) ist in Planung. Im Gegensatz zur S3 nach Stade wird nicht nur das Umland abgedeckt, auch ein Teil Hamburgs erhält einen deutlich besseren Zugang zum HVV-Netz.
    2. Mittelbahnsteige gibt es an 5 Stationen. Die anderen haben Seitenbahnsteige.
    3. Neue Fahrzeuge braucht die AKN ohnehin. Die alten sind 2017 über 40 Jahre alt.
    4. Auf der S-Bahn nach Stade beträgt die Bahnsteigehöhe – wie bei der A1 – 76 cm. Dort klappt es offenbar ohne Probleme. Eine Stufe für den Einstieg müssen AKN-Kunden heute bereits bewältigen, die ist aber in (!) den Fahrzeugen.

    Christian Schmidt:

    Passt. Die Strecke ist halt selten unkomfortabel. Umsteigezwang in Eidelstedt, lausige Fahrzeiten, die A7 direkt parallel verlaufend – da spricht nicht viel für den HVV. Die AKN fährt auch gern in der Hauptverkehrszeit mit – genau, Einzeltraktionen (30 m). Selbst wenn die S-Bahn nur die heutigen Bahnsteige mit Kurzzügen bedienen könnte, das Platzangebot in der HVZ wäre im 10-Minuten-Takt durchschnittlich 25 % größer!

  3. Posted by Herbert on 25.03.2010 at 14.38

    Übrigens sind laut „Segeberger Zeitung“ die 50 Mio. Euro der Preis für Elektrifizierung und (!) Verlängerung der Bahnsteige auf 135 m. Weitere 60 Mio. Euro fallen allerdings für neue Fahrzeuge an. Das aber, wie schon geschrieben, auch ganz ohne S-Bahn, weil die heute eingesetzten Züge am Ende ihrer Lebensdauer angelangt sind.

    Eine direkte Verbindung von der A1 zum Hauptbahnhof ohne S-Bahnbetrieb wird es nach Auskunft der SH-Landesregierung nicht geben. Diese Lösung wäre „deutlich teurer“.

  4. Posted by Harder on 28.06.2010 at 18.15

    In der Welt steht das der Staatsanwaltschaft Kiel geführtes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue gegen Herr Kruszynski geführt wird. Das hörrt sich nach Korruption an? Was passirt hier mit unseren Steuergeldern?

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