Kauderwelsch (11): Beförderungsfall

Es gibt kaum einen Begriff, der – ob absichtlich oder unabsichtlich – so missdeutet wird wie der Beförderungsfall, denn er wird als negative Bezeichnung für Fahrgäste gehalten. Inzwischen ist dieser Irrtum soweit gekommen, dass selbst in Fachpublikationen der Begriff – vermeintlich politisch korrekt – umschifft wird. Das ist sehr schade, denn der Beförderungsfall ist ein Ereignis und nicht wie der Fahrgast ein Individuum. Diese Unterscheidung ist im öffentlichen Verkehr äußerst nützlich.

Erklärungsversuche

Opa Müller fährt jeden Montagvormittag mit dem Bus zum Markt und nachmittags wieder zurück nach Hause. Donnerstags fährt er zu seinem traditionellen Skatabend, auch hier nutzt er den Bus für die Hin- und Rückreise.
Ergo: Opa Müller ist ein Fahrgast, der vier Beförderungsfälle auslöste (nämlich zwei am Montag und zwei am Donnerstag).

Im öffentlichen Verkehr spricht man – naja, sollte man zumindest – von Beförderungsfällen, da man ja schlecht nachprüfen kann, wie oft der jeweilige Fahrgast die Linie(n) nutzt. Ein weiteres Beispiel:

Um zur Arbeit zu kommen, nimmt Frank die S-Bahn von Poppenbüttel, fährt bis Berliner Tor und steigt dann in den Bus um.
Ergo: Die S-Bahn freut sich – sie hatte einen Fahrgast; das Busunternehmen ist auch entzückt, auch sie hatten einen Fahrgast. Zusammen beförderten beide Unternehmen also zwei Fahrgäste, was natürlich Unsinn ist. Fahrgast Frank hat sowohl bei der S-Bahn als auch beim Busunternehmen jeweils einen Beförderungsfall ausgelöst. Ein Fahrgast, zwei Beförderungsfälle.

Das ist keine Haarspalterei, sondern ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Bei der geplanten S4 (Hauptbahnhof → Ahrensburg) rechnet man mittelfristig mit bis zu 50 % mehr „Fahrgästen“ und es hört sich so an, als wäre es gleichzusetzen mit 50 % mehr zahlende Kunden. Das ist aber falsch. Man vergleicht die Beförderungsfälle der jetzigen R10 und geht davon aus, das diese sich bei einer S4 um 50 % erhöhen. Dabei ist es keine ausgemachte Sache, das auch die Einnahmen um 50 % steigen, denn ein großer Teil der Fahrgäste wird sicherlich aus dem Busbereich kommen, es handelt sich also um Bestandskunden. Sprich: Die Beförderungsfälle haben sich vom Verkehrsträger Bus auf den Verkehrsträger S-Bahn verlagert. Ob es auch ein Plus an „echten Fahrgästen“ (also im Sinne zahlender Kunden) gibt, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Schiffbruch beim Umschiffen

Das in der ÖPNV-Sprache durch die Ausradierung des Wörtchens „Beförderungsfall“ etwas fehlt, merkt man auch, wenn der HVV verkündet:

Die Zahl der HVV-Fahrgäste ist 2008 um 3,3 Prozent auf 638,1 Millionen gestiegen (2007: 618,0 Millionen). Damit ist die Steigerungsrate noch höher als im Jahr 2007, als 2,9 Prozent Zuwachs erzielt wurde. Mit diesem Ergebnis verzeichnet der HVV die höchste Fahrgastzahl seiner 44-jährigen Geschichte.

638,1 Millionen Fahrgäste – wow! Für eine Stadt, die „nur“ 1,7 Millionen Einwohner hat, ist das schon erstaunlich. Scherz beiseite: Gemeint sind natürlich Beförderungsfälle. Aber da der Begriff so negativ besetzt ist, vermeidet der HVV – verständlicherweise – dieses Wort wie der Teufel das Weihwasser. Alternativ könnte man von „Fahrten“ sprechen, „die im HVV unternommen wurden“. Oder so etwas in der Art. Rund klingt das aber auch nicht.

Beförderte Fahrgäste

Es gibt noch einen weiteren großen Unterschied zwischen „Fahrgast“ einerseits und „Beförderungsfall“ andererseits. Der Fahrgast sorgt für Einnahmen (Tickets), der Beförderungsfall kostet Geld (die eigentliche Beförderung bzw. Fahrt).

Formulierungen, wie der HVV (siehe oben) sie verwendet, suggerieren, dass die Einnahmen ebenso explodiert seien wie die Anzahl der Fahrgäste, denn: Fahrgäste bringen Einnahmen. Ersetzt man „Fahrgast“ aber korrekterweise mit „Beförderungsfall“, wird deutlich, das mehr Beförderungsfälle natürlich zu mehr Ausgaben führen.

Ist ja auch irgendwie logisch: Mehr Beförderungsfälle benötigen mehr Fahrzeuge, was zu höheren Personalkosten führt und so weiter. Das ist besonders beim Verkehrsmittel Bus eine nicht unerhebliche Sache.

Noch ein Beispiel, um das Ganze etwas zu veranschaulichen: Peter ist leider arbeitslos geworden, behält aber seine CC-Karte. Er fährt kaum noch, löst vielleicht 4 Beförderungsfälle innerhalb eines Monats aus. Nach drei Monaten hat er Glück und findet einen Job, dessen Arbeitszeiten so liegen, das er seine CC-Karte weiter nutzen kann. Um zur Arbeit zu kommen, nutzt er die U1 und die S1, jeweils hin und zurück. Pro Tag löst er nun 4 Beförderungsfälle aus, im Monat (vereinfacht gerechnet) also 80. Statistisch gesehen kostet er nun deutlich mehr, während die Einnahmen aber gleich geblieben sind.

Zugegeben, diese Sichtweise ist nicht besonders schmeichelhaft und es ist ein sehr einfaches (weil individuelles) Beispiel. Aber es zeigt doch, das es keinen Automatismus zwischen mehr unternommenen Fahrten und höheren Einnahmen gibt. Das hatte der „Beförderungsfall“ immerhin angedeutet, bevor wir ihn aus dem Sprachschatz liquidiert haben.

Zuguterletzt sei noch auf den Unterschied zwischen Kunde und Benutzer hingewiesen. Der Kunde ist der zahlende Fahrgast, der am Wochenende jemanden mit seiner ProfiCard kostenlos mitnehmen kann. Dieser kostenlos beförderte Fahrgast ist allerdings kein Kunde, sonst hätte er für seine Fahrt bezahlt, sondern ein Benutzer. Beiden Fahrgästen ist gemein, dass sie jede Menge Beförderungsfälle auslösen, wenn sie Samstagnacht durchzechen und viel herumfahren.

Hier im Blog wird künftig in statistischen Zusammenhängen der Begriff Beförderungsfall verwendet, zumindest vorläufig (wir wollen ja nicht zu sehr gegen den Strom schwimmen).
— OR; Bild: skyrat, Pixelio.de

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3 responses to this post.

  1. Danke für die Beispiele. Ich finde die Verwendung von „Beförderungsfall“ ähnlich wichtig wie die Unterscheidungen HVV, Hochbahn, etc.

    Ein wichtiger Artikel übrigens in Sachen Medien- bzw. Sprachkompetenz. Definitiv gut fürs Blogkarma :)

  2. Posted by Christian Schmidt on 23.03.2010 at 11.42

    Als ich halte das für nicht ganz richtig, es ist aber auch eine Frage der Sichtweise.

    Die Unterscheidung zwischen (z.B. einem) ‚Fahrgast‘, der dann (z.B. mehrere) ‚Beförungsfälle auslöst halte ich für etwas konstruiert. Denn es handelt sich bei dem Fahrgast ja um eine Person, die erst dadurch dass sie in den Bus/die Bahn steigt zum Fahrgast wird.

    Auch die Idee den Unterschied mit Einnahmen (Fahrgast) und Kosten (Befördungfall) zu begründen, ist nicht logisch. Denn nach dieser Definition ist Peter ein Fahrgast (und viele Beförderungsfälle) wenn er eine CC-Karte benutzt, er wäre aber viele Fahrgäste (und viele Beförderungsfälle) wenn er lauter Einzelfahrkarten kaufen würde. Und das ist aus den Begriffen nun wirklich nicht ersichtlich.

    Also, ich denke aus Sicht des Verkehrunternehmen ist ein ‚Fahrgast‘ und ein ‚Beförderungsfall‘das gleiche, nämlich eine Person die ein Fahrzeug besteigt und dann wieder aussteigt. Wobei ich Fahrgast immer benutzen würde wenn es um Personen geht (und auch in Presseerklärungen), und Beförderungsfall wenn man den abstrakten Vorgang geht (z.B. in Statistiken).

    Falsch ist aber in jedem Fall Fahrgast bzw. Beförderungsfall mit Fahrten gleichzusetzen, da ist schon ein Unterschied. Nimmt Frank die S-Bahn und steigt dann in den Bus um, und fährt dann nach der Arbeit wieder zurück, zählen die Verkehrsunternehmen vier Fahrgäste bzw. Beförderungsfälle, es sind aber nur zwei Fahrten – einmal zur Arbeit und einmal zurück.

    Ganz schelcht ist leider auch das Statistische Bundesamt, dort gibt es eine Statistik bei der es nicht klar ist ob es sich um Beförderungsfälle oder Fahrten geht mit dem Titel ‚Beförderte Personen in Deutschland‘…

  3. Posted by Anna Minze on 30.07.2013 at 15.22

    Da möchte ich aber widersprechen: Es ist nicht falsch, einen Beförderungsfall mit Fahrten gleichzusetzen, denn tatsächlich kann man einzelne Linien-Beförderungsfälle auf den Verkehrsmitteln durchaus mit durchgeführten Fahrten gleichsetzen, während die gezählten Unternehmens-Beförderungsfälle eines Verkehrsunternehmens eher mit Fahrgästen gleichgesetzt werden können. Die Unterscheidung der Konzepte Verbund- (VBF), Unternehmens- (UBF), Betriebszweig- (BBF) und Linienbeförderungsfall (LBF) ist hier unbedingt erforderlich. Tatsächlich kann ein Fahrgast vom Start bis zu seinem Ziel bei seiner Fahrt verschiedene Linien bei unterschiedlichen Verkehrsunternehmen im Verbundgebiet zurücklegen. Auf statistischer Ebene hilft dann das Konstrukt Beförderungsfälle, was sehr negativ assoziiert wird, tatsächlich aber notwendig ist und vor allem die Begrifflichkeiten klar erläutert werden müssen.

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