Sicherheit im Hamburger Nahverkehr (2/2)

Teil 2 von 2 | Im ersten Teil ging es um einen Rückblick zum hochsensiblen Thema Sicherheit im Nahverkehr und wie man die Konzepte beschreiben kann. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Videoaufzeichnung und/oder -überwachung.

Bürgerrechte sind ein äußerst wichtiger Gesichtspunkt in einer freien Gesellschaft und wer will schon in einem Überwachungsstaat leben? Aus Mitarbeitersicht ist es auch nicht wünschenswert, durchgehend vom Arbeitgeber überwacht zu werden. Zudem ist es unpraktikabel, Bilder tausender Kameras live zu sichten. Der goldene Mittelweg ist die Videoaufzeichnung, wie sie in Hamburger Verkehrsmitteln, d.h. Schnellbahnen und Bussen, zur Anwendung kommt. Sie ist aus Datenschutzsicht ein vertretbares Mittel.

Funktionsweise der Videoaufzeichnung

In den Fahrzeugen, egal ob Bahn oder Bus, befinden sich im Fahrgastraum mehrere Kameras, sogenannte Kameradome (halbrunde, getönte Kugeln an der Decke). Die Kameralinsen sind so ausgerichtet, dass möglichst der gesamte Raum erfasst wird. Die Aufzeichnung erfolgt auf einer, in einem speziellen Gehäuse untergebrachten, Festplatte. Nach einer gewissen Aufzeichnungsdauer – üblicherweise 24 Stunden – werden die vorhandenen Bilder überschrieben, sie sind damit unwiederbringlich verloren. (PC-Kenner wissen: Überschreiben ist etwas anderes als Löschen.)
Im Falle eines Falles wird zur Beweissicherung, meist durch die Polizei angeordnet, der Datenträger sichergestellt, das heißt, ausgetauscht. Dieses wird von einem sogenannten Betriebsaufseher durchgeführt.

Bei einigen Busunternehmen gibt es eine Ausnahme, nämlich die über dem Busfahrer angebrachte Kamera, die sowohl den Eingang (Tür I), den Fahrerplatz als auch den Kassenbereich abdeckt. Sie ermöglicht neben der Aufzeichnung auch die direkte Bildübertragung in eine Leitstelle. Sollte der Busfahrer angegriffen werden und nicht mehr über Funk die Situation schildern können, kann er über einen verdeckt angebrachten Taster einen „Überfallnotruf“ absetzen. In der Leitstelle wird dies deutlich sichtbar auf dem Monitor angezeigt. Mittels GPS werden die Standortdaten ermittelt und in einem Stadtplan angezeigt. Um die Lage zu sondieren, kann sich der Leitstellenmitarbeiter nun in diese Kamera „einklinken“ und ggf. die Polizei verständigen. Die verfügt damit auch über wertvolle Information, z.B. um wie viele Angreifer es sich handelt, ob sie eventuell bewaffnet sind und so weiter. Bei einigen Systemen wird zusätzlich das Mikrofon des Funkgerätes aktiviert.

Die Aufschaltung der Leitstelle wird dem Busfahrer automatisch in einem Display angezeigt. Meist wird ebenso automatisch der Betriebsrat informiert, einige Systeme schicken – ohne Menschliches zutun – eine E-Mail oder SMS an die Arbeitnehmervertretung. Damit soll eine Mitarbeiterüberwachung ausgeschlossen werden.

Effektivität der Videoaufzeichnung

Verhindern können Videoaufzeichnungsanlagen dramatische Wahnsinnstaten naturgemäß nicht, genau so wenig wie ein Feuerlöscher ein Feuer verhindern kann. Aber sie stellen ein Hilfsmittel – analog zum Feuerlöscher – zur Verfügung, denn Täter können so identifiziert werden, was die Erfolgschancen einer Fahndung beträchtlich erhöht.

Das sorgt mittelbar für mehr Sicherheit. Täter können davon ausgehen, nicht unerkannt zu entkommen. Spätestens, wenn ihr Antlitz in der Zeitung auftaucht, können sie anfangen, schon einmal die Koffer zu packen. Genau das ist in dem aktuellen Fall passiert: Die Täter haben sich selbst gestellt.

Grenzen der Technik

Die größte, teuerste und ausgefeilteste Technik kann Zivilcourage nicht ersetzen. Auch Politiker oder Sicherheitsexperten fordern immer wieder Zivilcourage ein. Das lässt sich theoretisch natürlich leicht so dahinsagen, die Praxis sieht aber anders aus.

In den Fahrzeugen ist man eingesperrt, man kann nicht entkommen. Der Adrenalinspiegel schießt in die Höhe, Angst breitet sich aus. Zudem ist der Großstadtmensch darauf getrimmt, sich nicht in die belange der anderen einzumischen und man will ja auch schließlich nicht selbst am Ende im Krankenhaus liegen – oder schlimmeres.

Dennoch wird man Gewalt nur mit Courage bekämpfen oder ihr zumindest Einhalt gebieten können. Man kann seine gesellschaftliche Verantwortung, die man auch seinen Mitmenschen gegenüber hat, nicht am Bahnhofseingang abgeben. Kameras können ebenso die Verantwortung nicht übernehmen, sie sind kein Allheilmittel.

Der Schlüssel ist zusammenzuhalten – wenn mehrere Leute aufstehen, sieht die Sache schon ganz anders aus. Das zeigt der aktuelle Fall: Die beiden Täter ließen von ihrem Opfer ab und suchten das Weite, als mehrere Fahrgäste und der Busfahrer einschritten.

Praktische Tipps
Man muss nicht die Ärmel hochkrempeln und die Fäuste ballen, um effektiv helfen zu können. Ein paar Ratschläge:

  • Notbremse ziehen, Zugfahrer informieren: Zögern Sie nicht, die Notbremse bei brenzligen Situationen zu ziehen. Keine Sorge, U- und S-Bahnen fahren dann noch weiter bis zur nächsten Haltestelle. Informieren Sie den Fahrer per Gegensprechanlage, damit er die Polizei verständigen kann. Schildern Sie kurz und knapp die Lage („X Männer verprügeln einen Fahrgast, wir brauchen Hilfe!“). Sind die Angreifer bewaffnet, teilen sie unbedingt auch das dem Fahrer mit.
  • Im Bus umgehend den Fahrer informieren: Gerade bei langen Gelenkbussen ist das wichtig. Er kann umgehend Hilfe anfordern.
  • Halten Sie die Täter nicht auf: keine Heldentaten. Fliegen die Türen auf, lassen Sie die Täter entkommen (und kümmern sich eventuell um den Verletzten).
  • Auf dem Bahnsteig: Die Notrufsäulen betätigen und/oder den Nothalt ziehen. Beim ziehen des Nothaltes erfolgt eine Warnmeldung an die Leitstelle. Diese  wird auf die Haltestelle aufmerksam und schaltet sich in die Videoüberwachung ein, um die Lage zu sondieren. In der Umgebung befindliche U-Bahnen werden angehalten. Wenn Sie einen Vorfall außerhalb des Bahnsteiges (Zugänge, Schalterhalle) mitbekommen haben, melden Sie das bitte über die Notrufsäule sofort.
  • Nach der Tat: Bleiben Sie am Ort des Geschehens. Die Polizei ist auf Zeugenaussagen – auch im Videozeitalter – angewiesen, damit die Fahndung umgehend anlaufen kann.
  • Sollten Sie selber Opfer einer Gewalttat geworden sein: Versuchen Sie sich bitte mindestens den Ort des Geschehens zu merken (Haltestellenname, Zugnummer oder Wagennummer des Busses). Wenden sie sich unverzüglich an den Bus-/Zugfahrer, an die Leitstelle des Verkehrsunternehmens über die Notrufsäulen oder an die nächste Polizeidienststelle. Diese werden eine Sicherung des Videodatenträgers veranlassen und Ihnen, wenn nötig, ärztliche Hilfe zukommen lassen.

Generell gilt: Notruf und Notfalleinrichtungen benutzen, denn dafür sind sie da. Zudem sorgt das für Aufmerksamkeit, was die Täter verunsichert und in günstigen Fällen vertreibt – was den oder die Opfer am meisten hilft.

Aktuelle Sicherheitslage

Die HOCHBAHN meldet für 2009, laut „Welt“, 281 Gewalttaten und damit mehr, als noch im letzten Jahr. 2008 mussten 240 Vorfälle registriert werden, während 393,2 Millionen Fahrgäste befördert wurden.

Dahinter verbergen sich vor allem Übergriffe auf Angestellte. Die gefährdetste Zielgruppe im Nahverkehr sind nicht Fahrgäste, sondern Busfahrer, sowie natürlich Mitarbeiter des Fahrkartenprüfdienstes und der HOCHBAHN-WACHE.

Debattenkultur

Es liegt in der Natur der Sache, das auflagensteigende Schlagzeilen nur über ungewöhnliche Ereignisse handeln. Gewöhnliche Sachen sind nun einmal keine Meldung wert. Die Feststellung, dass es Einzelfälle sind, hilft den Opfern natürlich herzlich wenig; aber es hilft, eine sachliche Diskussion zu führen.

Wie immer bei spektakulären Ereignissen werden schnell – und verzweifelt – Vorschläge in den Raum geworfen, die bei näherer Betrachtung Unfug sind. Beliebt ist die Forderung, natürlich, „Hartz-IV“-Empfängern als Pseudo-Sicherheitspersonal einzusetzen.
Sicherheitspersonal muss in Verteidigung, Rechtslage, Gewaltprävention und Konfliktbewältigung ausgebildet werden, eine psychologische Schulung gehört dazu und ein Gehalt, das mehr als 1 Euro die Stunde beträgt.
ALG-II-Empfänger in eine Uniform zu stecken, sie in die Bahn zu setzen und dann sich selbst zu überlassen ist daher eine Forderung, den man getrost als populistisch bezeichnen kann. Oder einfach als strohdumm.

Fazit

Videoeinrichtungen, bauliche Veränderungen an Anlagen und Fahrzeugen sowie deutlich mehr Personal – das alles verursacht sehr hohe Kosten und es dauerte Jahre, dies alles umzusetzen. Im Hinblick auf andere Verkehrsunternehmen in Deutschland haben die Hamburger Betriebe schon früh einen sehr hohen Standard erreicht. Das hat seinen Preis, der sich auch auf die Fahrpreise auswirkt.

Das entbindet uns Fahrgäste aber nicht, so schwer es fällt, selber im Falle eines Falles sich ein Herz zu fassen und einzugreifen. Dabei gilt: je mehr Leute, desto besser.
— OR/XP/HS; Bild: Hartmut910 (pixelio.de)

2 responses to this post.

  1. Sehr gut spez. die ‚was tun‘ Tipps.

    Kleine Mäkelei: Besser fett markieren im Internet, als Text ohne Link zu unterstreichen.

  2. Posted by Rycon on 23.02.2010 at 14.18

    Kein Thema, ich habe die Formatierung geändert. Wirkt so auch prägnanter. :-)

    Viele Grüße!
    — OR

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s