Sicherheit im Hamburger Nahverkehr (1/2)

Teil 1 von 2 | Seit Anfang dieser Woche ist in Hamburg eine Diskussion um Gewalt und Sicherheit im Nahverkehr in Gange. Auslöser war ein unfassbar brutaler Angriff zweier 20-jähriger Männer auf einen Dritten, ausgelöst durch eine Lappalie. Liest man sich die Mitteilung der Polizei durch, kann man sich schon fragen, ob die Täter wirklich noch zur menschlichen Spezies gezählt werden dürfen – erinnert das doch schnell an tollwütige Tiere. Aber wahrscheinlich täte man den Tieren unrecht mit diesem Vergleich, selbst tollwütigen.

Derartige Akte widerlicher Gewalt sind ein Festessen für Boulevardmedien, welche dieses emotional aufgeladene Thema auf gewohnte weise ausschlachten. Das verunsichert, wer sollte es ihnen verdenken, nicht wenige Fahrgäste. So steht schnell die Frage im Raum: Was wird für die Sicherheit im Hamburger Nahverkehr getan?

Öffentlicher Raum

Zuerst muss man sich vergegenwärtigen, dass der öffentliche Nahverkehr das Spiegelbild der Gesellschaft ist. Vom Handwerker über Bankangestellte bis zum Rentner oder Arbeitslosen – im ÖPNV sind alle versammelt. Früher übernahm das der Marktplatz, den es heute nicht mehr in ursprünglicher Form gibt; und auch in den Einkaufsstraßen splittet sich die Gesellschaft, der eine Teil geht zu Diór, der andere zu H&M und der Nächste zum Aldi-Markt. In Bus und Bahn finden aber alle wieder zusammen.

Spektakuläre Gewaltausbrüche sind kein spezifisches Problem des Nahverkehrs, ebenso wenig Alkoholkonsum und dergleichen. Die Leute fangen ja nicht in der Bahn mit dem saufen an. Aber im ÖPNV bekommen das eben mehr Menschen mit, als nachts im Park. Die öffentliche Meinung – oder, besser: die veröffentlichte Meinung – verknüpft so etwas gerne mit dem Ort, an dem es stattfindet. Saufende Jugendliche am Eingang einer Disco? Machen wir die Disco zu! Damit löst man zwar kein Problem, aber hey, man hat immerhin etwas getan.

Rückblick

Das Thema Sicherheit im ÖPNV gab es in den 60er, 70ern und zum Teil noch 80ern schlichtweg nicht. Natürlich liefen da nicht nur Engel auf Hamburgs Straßen rum, aber andere Themen waren wichtiger. Im Nahverkehr gab es zu der Zeit auch noch die örtlichen Aufsichten auf den Bahnhöfen (Zugabfertiger respektive Haltestellenwärter) und auf den großen Busumsteigeanlagen befanden sich die örtlichen Leitstellen.

Bei den Verkehrsunternehmen explodierten zu der Zeit die Kosten und der Druck, wirtschaftlicher zu arbeiten, stieg. Um die Verluste irgendwie in den Griff zu bekommen, wurden Zugabfertiger von den Bahnhöfen abgezogen und durch viel Technik ersetzt. Im gleichen Maße schrumpften im Busbereich die Leitstellen, bis sie schließlich aufgegeben bzw. zentralisiert wurden. Gleichzeitig sparten die Unternehmen an ihrer Infrastruktur. Bahnhöfe wurden selten gereinigt, kaputte Einrichtungen nicht ersetzt, Schmierereien nicht entfernt, kurzum: Die Anlagen versifften, was zwielichtige Gesellen anzog. Mit Schrecken mag man sich noch an den Hauptbahnhof der 80er erinnern, ein Moloch, der von Fixern, Dealern und Kleinkriminellen bevölkert wurde. Wer da von der guten alten Zeit spricht, muss schon eine besonders wirkungsvolle rosarote Brille aufhaben.

Das „subjektive Sicherheitsempfinden“ der Fahrgäste schmolz wie Eis im Sommer, während immer mehr Übergriffe in U- & S-Bahnen in der Presse für aufgeregte Schlagzeilen sorgte. Kritiker regten gar an, die Schnellbahnen in den Abendstunden einzustellen und durch Busse zu ersetzen. Der Ruf des HVV war ramponiert, die Fahrgastzahlen brachen ein und gleichermaßen schnellten die Verluste der Verkehrsunternehmen in gigantische höhen. Für den Hamburger Nahverkehr vielleicht die dunkelste Zeit.

Die Sicherheitslage, allgemein in der Stadt und speziell im öffentlichen Nahverkehr, bescherte auch einen besonders bitteren Abschnitt in der Hamburger Geschichte. Die Wähler spülten 2001 mit fast 20 % die „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“, oder auch Schill-Partei genannt, in den Senat. Im Rückblick schämen sich nicht wenige Hamburger für diesen Vorgang. Aber der Hintergrund war klar: Die Bürger wollten sich wieder sicher in ihrer Stadt fühlen.

Sicherheitskonzepte im Nahverkehr

Zu der Zeit hatten die Verkehrsunternehmen schon längst mit der Umsetzung ihrer Sicherheitskonzepte begonnen und viel Geld bereitgestellt. Selbst bei der S-Bahn tat sich – noch in den seligen Bundesbahnzeiten – etwas. Das ist im Rückblick äußerst erstaunlich, da die S-Bahn schon immer sehr Träge war; Ende der 1980er-Jahre aber befand sie sich geradezu in einem komatösen Zustand.

Viel Geld nahm man für den Ausbau der Anlagen in die Hand, Kameraanlagen und kombinierte Info-/Notrufsäulen wurden installiert – der Fahrgast war nicht mehr ganz so alleine auf dem Bahnsteig. Von nun an wurden die Anlagen generell mehr gepflegt und in schuss gehalten, hier und da setzte man gar auf klassische Musik, um den Aufenthalt zum Fixen ungemütlicher zu machen. Beethoven wäre wohl nicht sehr geschmeichelt.

Bei Renovierungen wird auf die Beseitigung von „toten Winkeln“ geachtet und auf deutliche Verbesserung der Beleuchtung; Aufzüge sind keine Kammern, sondern Glaskabinen. Dunkle Farben werden vermieden, hell, freundlich und einsehbar soll alles sein. Aus ehemals unheimlichen, versifften Löchern (der guten alten Zeit) werden ansehnliche Zugangsmöglichkeiten, welche die „gefühlte Sicherheit“ enorm steigern. Bei den S-Bahn-Haltestellen, die von der DB Station&Service unterhalten werden, gibt es aber bis heute noch einen Nachholbedarf.

Recht schnell hat man auch an den Fahrzeugen Sicherheitskonzepte umgesetzt. An den Wagenenden wurden Fenster eingebaut, so dass man nun von einem Wagen in den anderen gucken konnte. Bei der Inneneinrichtung wird Wert darauf gelegt, dass alles transparenter ist; heutzutage einer der wichtigsten Aspekte bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge. Türsprechanlagen ermöglichen den Kontakt zum Fahrer und verhältnismäßig flott wurde eine Videoaufzeichnung installiert. Heute verkehren keine Schnellbahnen und kaum ein Bus mehr ohne diese teuren Gerätschaften.

Die HOCHBAHN baute ihre U-Bahnwache auf, die heute HOCHBAHN-WACHE heißt und auch im Busressort zum Einsatz kommt; die S-Bahn zog mit DB Sicherheit (früher S-Bahn-Wache) nach. In den besonders harten Zeiten setzte die Stadt auch auf mitfahrende Polizisten.

Im zweiten und letzten Teil, der am Sonntag, 21.02.2010, erscheint, geht es um die Funktionsweise der Videoaufzeichnung in Bus & Bahn, Zivilcourage und ein Fazit.
— OR/XP; Bild: Dieter Schütz, Pixelio

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One response to this post.

  1. Posted by Nico on 21.03.2010 at 01.46

    Hy

    Zur Richtig stellung der Durchfahrtnächte die S Bahn Wache hat damit begonnen und im Feb. zog die U Bahn Wache nach.

    Mfg.

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