„Hartz IV“-Jobber des HVV

Bei einigen Bloggern ist das Thema HVV & „Hartz IV“-Jobber aufgekommen, mit teils bedenklichen Behauptungen. Der HVV bietet schon seit Jahren solche Angebote für ALG II-Empfänger an, früher gab es ähnliches (ABM). Es werden mehrere Sparten angeboten, die wichtigsten sind:

  • „Verkehrsanlagenbetreuer“, welche vornehmlich die Bahnhöfe der U- und der S-Bahn überprüfen. Dazu gehört unter anderem, ob die Fahrpläne vorhanden sind, die Fahrkartenautomaten, Fahrtreppen und Aufzüge funktionieren. Das mutet vielleicht auf den ersten Blick etwas seltsam an, denn die neuen Geräte melden sich bei einer Störung quasi selbst in der Zentrale. Manchmal versagt aber auch die schönste Technik. Besonders die Fahrtreppen und Aufzüge sind für mobilitätseingeschränkte Menschen enorm wichtig. In dem diese von dem übergeordneten HVV gemeldet werden, wird das dafür zuständige Verkehrsunternehmen unter Druck gesetzt, schnell zu reparieren. Verkehrsanlagenbetreuer tragen zivil, da sie ja nicht in den Kontakt mit Fahrgästen kommen.
  • Für P+R (Park & Ride) gibt es eine gesonderte Gruppe. Sie zählen die Fahrzeuge, damit der Auslastungsgrad ermittelt werden kann. Daneben gucken sie auch, ob alle Autos verschlossen sind. Es kommt nicht selten vor, das Autofahrer vergessen, ihr Gefährt abzuschließen. Wird ein offenes Auto aufgefunden, wird ein Zettel reingelegt und der Türknopf runter gedrückt.
    Diese Leute haben eine HVV-Jacke an, glücklicherweise. Stellen Sie sich vor, sie sehen zwei (in Zivil), die sich an einem Auto zu schaffen machen – renitente Leute kommen da schnell auf die Idee, die vermeintlichen Autoknacker mit dem Regenschirm eins überzubügeln. Durch die HVV-Jacke ist aber schon von weiten sichtbar, das es sich nicht um Autoknacker handelt.
  • Die dritte Gruppe hat ebenfalls Dienstkleidung, auf der übrigens HVV steht und nicht ersichtlich ist, dass es sich um AktivJobber handelt. Sie helfen bei Problemen mit dem Fahrkartenautomaten, beantworten Fragen wie man von A nach B kommt oder helfen mobilitätseingeschränkten Mitbürgern, insbesondere Behinderte. Bei Schulklassen helfen sie den Lehrern, die Schülergruppe „zusammenzuhalten“. Warum sie Dienstkleidung tragen, sollte doch eigentlich auf der Hand liegen: Der Fahrgast soll sie ja erkennen, damit er weiß, dass man sich mit einer Frage an sie wenden kann.
    Die Beobachtung von F!MBR-Autor ist indes nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Reisen diese Leute mit der Bahn zu ihren Einsatzorten, fallen sie aufgrund ihrer Dienstkleidung natürlich auf (was ja, wie gesagt, auch beabsichtigt ist). Allerdings wird nicht geraunt, dass es AktivJobber sind (das wissen die meisten nämlich gar nicht), sondern ob gleich die Fahrkarten hervorgezückt werden sollen. Sie werden nämlich gerne mit dem Fahrkartenprüfdienst verwechselt. (Was auch dem Irrtum geschuldet ist, dass der HVV-Fahrkarten kontrollieren würde, was er nicht macht. Dafür sind immer die jeweiligen Verkehrsunternehmen, z.B. HOCHBAHN oder S-Bahn, zuständig.)

Der HVV ist Träger dieser AktivJobs und darf diese nur jeweils 12 Monate anbieten. Jedes Jahr aufs neue muss der HVV nachweisen, dass die Tätigkeit gemeinnützig ist und gleichzeitig nachweisen, wie viele seiner Schützlinge er in Lohn und Brot vermitteln konnte, denn das gehört mit dazu. 13,8 Prozent wurden erfolgreich vermittelt (Quelle: HVV-Geschäftsbericht 2008, PDF, S. 26 & 27). Das klingt nicht viel. Aber in der heutigen Zeit ist das ein großer Erfolg, erst recht bei dem Stigma „Hartz IV“.

Die Debatte, die in Medien und von der Politik zum Thema „Hartz IV“ geführt wird, erinnert langsam an eine regelrechte Jagd. Ist es sonst gerne der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der zur Jagd bläst, ist es zurzeit ein in Umfragen abgeschmierter „Liberaler“, immer dankbar und eifrig unterstützt von der „Bild“-Zeitung. Sie stellen ALG-II-Empfänger gerne als faules, alkoholisiertes, RTL-II-guckendes, arbeitsscheues, minderwertiges Pack hin. Das ist Quatsch.

Gerade die vom HVV zur Verfügung gestellten AktivJobs beweisen das doch. Dies als „Bundesarbeitsdienst“ (in Anlehnung an den „Reichsarbeitsdienst“) zu diffamieren zeigt ein beängstigendes Geschichtswissen und spielt gleichzeitig „Bild“, Koch und Westerwelle in die Hände, die da behaupten, ALG-II-Empfänger müsse man zur Arbeit zwingen.

So manchem Fahrgast wurde der Zugang zum ÖPNV erleichtert, sei es durch Information oder tatkräftige Hilfe. Immer wieder kann man beobachten, dass die angeblich Arbeitsscheuen (oder zur Arbeit erzwungenen) mit großem, persönlichen Engagement bei der Sache sind. Und so mancher Fahrgast hat sich beim HVV schriftlich dafür bedankt (!), was im ÖPNV schon für sich allein genommen ein kleines Wunder ist.
— OR

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