„Der Hamburger Verkehrsverbund – von seiner Gründung 1965 bis heute“

Besprechung | Es gibt nicht wenige Bücher über den Nahverkehr, nahezu jedes Unternehmen hat ein Geschichtsbuch über sich im Programm und auch Hobbyeisenbahner sind auf diesem Gebiet fleißig. Dazu kommen noch Fachbücher, oder besser: Doktorenarbeiten, die sich allerdings – naturgemäß – nur sehr schwer lesen lassen und folglich nichts für den normalen Fahrgast sind.

Anfang des Monats ist das Buch „Der Hamburger Verkehrsverbund – von seiner Gründung 1965 bis heute“ von Reinhard Krause erschienen, welcher nach einer Reihe verantwortungsvoller Posten von 1996 bis 2001 Aufsichtsratsvorsitzender des HVV war.

Hinter die Kulissen des HVV zu blicken ist normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Zwar prangt an allen Ecken und Enden das HVV-Logo – als Fahrgast hat man aber nie mit dem HVV zutun. Literatur über ein bestimmtes Verkehrsunternehmen (oder Verkehrsmittel) bleibt beim Thema Verbund äußerst sparsam mit Informationen; man erfährt, das Betrieb X im Verbund ist und das wars. Das ändert sich nun schlagartig mit diesem neuen Buch, das mit jeder Menge Halbwahrheiten, die man in Internetforen so liest, ganz nebenbei aufräumt.

Der HVV hat Verkehrsgeschichte geschrieben, nicht nur durch seine innovativen Angebote, sondern allein schon durch seine schiere Existenz: Er ist der weltweit erste Verkehrsverbund überhaupt.

In 19 Kapitel wird die Geschichte des HVV anschaulich beschrieben, in einer Sprache, die jeder lesen kann, der auch bei der „Tagesschau“ oder dem „SPIEGEL“ mitkommt. Der Schreibstil ist etwas ungewohnt, denn die Sätze sind ungewöhnlich kurz; Kommata gibt es selten, was an einem Telegrammstil erinnert. Fachbegriffe werden nur da eingesetzt, wo es nötig ist und die werden auch immer erklärt (im Zweifelsfalle hilft die Rubrik Begrifflichkeiten/Kauderwelsch hier im Blog); bemerkenswert ist aber, dass kein Denglisch vorkommt. Es ist also beileibe kein Fachbuch im negativen Sinne, aber auch kein Roman.

Und erst recht kein Werbebüchlein über den HVV, im Gegenteil: Reinhard Krause berichtet über die enormen Schwierigkeiten, die der öffentliche Personennahverkehr finanziell, wirtschaftlich und politisch im Laufe der Jahre zu bewältigen hatte. Über Krisen, gescheiterten Restrukturierungsversuchen, Fahrgastschwund und enorme Fahrpreiserhöhungen oder ad acta gelegten Schnellbahnerweiterungen.
Während man sonst immer wieder gerne unter die Nase gerieben bekommt, wie erfolgreich ein Verkehrsunternehmen ist, wird in diesem Werk sehr deutlich, das weiß Gott nicht immer eitel Sonnenschein war. Gerade die Auseinandersetzungen zwischen HOCHBAHN (U-Bahn) und Bundesbahn (S-Bahn) werden deutlich; aber gleichzeitig auch, dass man sich zusammenraufen konnte.

Im Kapitel 3 (S. 32) wird ein besonders wichtiges Thema behandelt: die Einnahmeaufteilung. So trocken – und komplex – das Thema ist, am Ende ist man klüger – denn es ist ja doch ganz schön zu erfahren, wo das liebe Geld so bleibt, dass wir Monat für Monat blechen. Auch über die schwierigen Tariferhöhungen, deren erste übrigens eine Preissteigerung von durchschnittlich 21 % (!) den Fahrgästen bescherte, wird detailliert berichtet. Kommt man im Kapitel 8 an, liest man sich in den vielleicht entschiedensten Moment des Hamburger ÖPNV rein – 1973, das Jahr, in dem die Verkehrsunternehmen ungebremst in die roten Zahlen rutschten. Sie wurden ab diesem Zeitpunkt zu Subventionsempfängern und verloren ihre unternehmerische Freiheit und auch Eigenständigkeit, denn fortan bekam – nachvollziehbarerweise – die Politik immer mehr Einfluss.
Seit dem können nahezu alle Verkehrsunternehmen ihre Kosten nicht durch die Fahrgeldeinnahmen decken; im Buch wird ausführlich und eindrucksvoll aufgeführt, wie schwer die Finanzlage im öffentlichen Nahverkehr war und letztlich noch immer ist. Mit diesem ganzen Hintergrundwissen wird man der nächsten Fahrpreiserhöhung sicher nicht gerade freudig begegnen, aber wenn irgendwo die Behauptung aufgestellt wird, da wolle sich jemand die Taschen auf Kosten der Fahrgäste vollstopfen, kann man das als dummes Geschwätz abheften.

Verkehrspolitik ist Stadtentwicklungspolitik – und die Stadt, in der wir heute leben, ist ein Kind der Nachkriegsjahre. Auch dieser Sachverhalt wird gut beleuchtet.

Über die Hamburger S-Bahn findet sich auf Seite 126:

Durch Einzelfälle wie Schienenbrüche, Signal- und Weichenstörungen, Kabelbrände, Zugbrände, aber auch durch häufigere Ereignisse wie ausfallende Züge, unzureichende Fahrgastinformation bei Störfällen, Verspätungen und Verschmutzungen geriet sie [die S-Bahn] immer mehr in die Kritik und in die Schlagzeilen.

Das kommt einem doch bekannt vor – aber gemeint ist hier nicht die aktuelle Lage. Der Text steht im Kapitel 9, welches die Jahre von 1978 bis 1987 zum Thema hat. Soviel zu den immer wieder aufgestellten Behauptungen, früher sei alles besser gewesen.

1996 kam dann das Ende – den Verkehrsverbund, so wie er 1965 gegründet wurde, gibt es seit dem nicht mehr. Seit dem 10.01.1996 haben wir es mit einem neuen HVV zutun, mit einer völlig anderen Struktur. Die letzten vier Kapitel drehen sich folglich um das Gebilde, das wir heute als HVV bezeichnen und kennen; eine spannende Entwicklung und ebenso spannend zu lesen.

Abgerundet wird das Werk durch eine kurz & knackige Chronik über den HVV, welche gleichzeitig auch eine Chronik der hamburgerischen Verkehrspolitik darstellt; zudem gibt es einige wenige, ausgesuchte Bilder bzw. sinnvolle Statistiken/Diagramme, ein paar farbig.

Reinhard Krause hat ein sehr glaubwürdiges Buch geschrieben, dass keiner romantischen Verklärung hinterher dackelt; es wird die Realität beschrieben, Fakten nüchtern dargestellt, Hintergrundwissen wird vermittelt und zusammenhänge aufgezeigt. Mit einer Bewertung der Ereignisse hält sich Krause angenehm zurück – es kam, wie es kam und was man davon zu halten hat, darüber kann sich der Leser eine eigene Meinung bilden.

Um die gegenwärtige Lage des ÖPNV beurteilen zu können, muss man auch die Vergangenheit kennen, und nie hatte man bisher die Möglichkeit, diese kompetenter und vollständiger zu erfahren.

Zielgruppe

Für Leser, die sich an Dampflokomotiven weiden, ihre Modellbahn aufbauen oder die Eisenbahnschwellen einer bestimmten Strecke zählen, ist dieses Buch rein gar nicht zu empfehlen. Für interessierte (und Angehörige) des Nahverkehrs, die auch über die politischen Hintergründe bescheid wissen wollen, und die noch nicht eine in Granit gemeißelte Meinung haben, ist dieses Buch ein muss. Fahrgäste, die etwas mehr über die Hintergründe erfahren wollen, erhalten durch die recht gute Zugänglichkeit (im Sinne der Sprache) des Buches hier eine wunderbare Möglichkeit. Und – was man nicht oft genug wiederholen kann – Verkehrsgeschichte ist auch immer Stadtgeschichte.

Fazit

Für das Thema Hamburger Nahverkehr hat dieses Buch das Potenzial zum Standardwerk zu werden, das man auch später noch ausgezeichnet zum Nachschlagen nutzen kann. Absolut Empfehlenswert und sein Geld wert.


Reinhard Krause:
Der Hamburger Verkehrsverbund von seiner Gründung 1965 bis heute
Paperback, 348 Seiten mit 28 Abbildungen, 19,80 Euro
ISBN: 978-3-8370-2353-4
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Dies ist der erste Beitrag zu einer neuen Artikelserie auf Rycon: In der „Besprechung“ werden Bücher (nicht nur gerade erschienene) und Zeitschriften vorgestellt.
— OR; Bild: Buchcover, abfotografiert vor dem heimischen Monitor

One response to this post.

  1. Guter Tipp!

    „Verkehrsgeschichte ist auch immer Stadtgeschichte“

    Ich würde es noch prägnanter fassen: Stadtgeschichte ist immer Verkehrsgeschichte. Kann man zwar konkret diskutieren, aber im Kern ging es bei der Geschichte von Städten immer zuerst um Logistik.

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