Die Sache mit den Fahrkartenautomaten


Kommentar |
Etwas Neues wurde eingeführt und hätte es sich um eine Werbeveranstaltung von Apple gehandelt, hätte die Presse selbstverständlich live, gierig und begeistert darüber berichtet. Zum Beispiel darüber, wie toll doch der neue Touchscreen ist und wie leicht man das Gerät bedienen kann.

Auch im Nahverkehr wurde etwas „neu“ eingeführt. Man berichtet zwar nicht live, aber aufgeregt. Zum Beispiel die „MOPO“ am 02.02.2010:

Zu Beginn des Jahres hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) die Hochbahn-Automaten mit neuen Touchscreens ausgestattet. Gleichzeitig verschwanden die Listen mit der Übersicht der 120 Schnellbahnhaltestellen samt Preisauskunft.

… oder das „Hamburger Abendblatt“ zwei Tage später:

Seit Jahresbeginn hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) die Fahrkartenautomaten der Hochbahn-Stationen ausgetauscht: Statt der alten Tastenautomaten sind nun neue Geräte mit der so genannten Touchscreen-Technologie installiert.

Das Blatt hat sogar ein Video [YouTube] über dieses brandheiße, aktuelle Thema in die Welt gesetzt.

„Neu“ ist hier allerdings ein sehr dehnbarer Begriff. Um herauszufinden wie „neu“, muss man tief im Pressearchiv der Hamburger Hochbahn wühlen, welche die Fahrkartenautomaten aufgestellt hat (und nicht, wie immer von Journalisten posaunt wird, der HVV). Dann erfährt man [PDF]:

Am 8. Januar 2007 hat Hamburger Hochbahn AG begonnen, insgesamt 200 ihrer Fahrkartenautomaten auszutauschen. Sie ersetzen die orangefarbenen Automaten, bei denen die Fahrkarten noch über eine „Knopfleiste“ ausgewählt wurden. Die neuen Fahrkartenautomaten unterscheiden sich durch eine moderne Optik und einen bedienerfreundlichen „Touchscreen“ von ihren Vorgängern. Der Fahrgast kann durch Berühren des großen Bildschirms direkt das gewünschte Ticket, zum Beispiel die „Neun-Uhr-Tageskarte“ anwählen.

Bis Anfang Mai werden alle alten Fahrkartenautomaten ausgetauscht sein.

Die „neuen“ Automaten mit Touchscreen gibt es schon seit 2007, hier noch mit alter Bedienoberfläche. Die, hier links abgebildete, Tafel mit Fahrziele und Preisbereiche wird durch neue Funktionen überflüssig.

Ja, Sie haben richtig gelesen: 2007, volle drei Jahre ist das her. Schon seit drei Jahren gibt es diesen neumodischen Kram, der sich „Touchscreen“ nennt. Drei Jahre schon gibt es keine „Tastenautomaten“, die doch so furchtbar viel besser waren.

Welch Glück haben doch die S-Bahn-Fahrgäste, geht man nach den Presseberichten, denn dort scheint ja die Automatenwelt noch in Ordnung zu sein. Aber, Obacht, auch dort droht Ungemach!
Laut „MOPO“:

Der HVV, der im April auch die S-Bahn-Haltestellen mit der neuen Technologie ausrüsten will,

… laut „Abendblatt“:

Beim HVV, der bis April auch die S-Bahn-Stationen mit den neuen Automaten ausrüsten will,

Zu den „neuen“ Automaten gibt es auch eine Pressemitteilung der Deutschen Bahn, sie datiert vom 13.10.2008 und dort heißt es:

Die neuen Automaten lassen sich schnell und einfach per Berührung über den Bildschirm (Touchscreen) bedienen und sind noch kundenfreundlicher. Die Kunden erhalten an den Automaten Fahrkarten des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV), aber auch Fahrkarten des Schleswig-Holstein-Tarifs, DB–Fahrkarten, das Schleswig-Holstein- und Niedersachsen-Ticket sowie alle weiteren LänderTickets.

Also nix mit Tasten und neuen Automaten, ebenso wenig das der HVV „ausrüsten will“, wenn überhaupt, dann „ausrüsten lassen will“.

Sollen im April ausgetauscht werden, obwohl es sie schon heute nicht mehr gibt: Alte Automaten mit Tasten bei der S-Bahn († 2008)

Nun aber zum eigentlichen Anlass der Berichterstattung: Nicht die Automaten sind neu, sondern die Bedienoberfläche; diese wurde modifiziert und der Funktionsumfang der Geräte erweitert. Und nein, man hat kein neues iDings, nur weil das Betriebssystem aktualisiert wurde.

Jedenfalls ist es nun auch an den HOCHBAHN-Fahrkartenautomaten möglich, Tickets für Schleswig-Holstein zu bekommen. Außerdem kann man nun eingeben, zu welcher Haltestelle man möchte – das Gerät spuckt dann die entsprechende Fahrkarte aus. Richtig ist, dass dadurch die Tafeln der Zielstationen (mit der Kennzeichnung der entsprechenden Preisstufen) überflüssig werden und wegfallen. Nun kann der geneigte Kunde aus 7.926 Zielen wählen, denn Fähranleger & Bushaltestellen sind nun implantiert. Das ging vorher nicht: Bisher waren nur die Preisstufen der Schnellbahnhaltestellen an den Tafeln verzeichnet, wer danach in den Bus umsteigen wollte, musste rätseln, welche Preisstufe denn die Richtige ist oder, was teurer kommt, beim Busfahrer eine zweite Fahrkarte für den Rest der Strecke kaufen.
Die wichtigsten Kurzwahltasten (z.B. die Preisstufen 1, 2, 3), wie man sie von den (ur-) alten Automaten kennt, sind aber weiterhin direkt anwählbar. Ob es so geschickt gewesen war gleich die gewohnten Tafeln abzuhängen, darüber kann man in der Tat streiten.

Ärgerlich an dieser Art der Berichterstattung sind nicht nur die haarsträubenden Fehler, die gemacht werden, sondern vielmehr die Ungerechtigkeit derselben. Bringt Apple ein neues Gerät mit neuen Funktionen heraus, wird das gefeiert als wäre es die Menschheitserlösung von Jesus Christus persönlich. Wird im Nahverkehr etwas neues eingeführt, bricht gleich der Weltuntergang an.
Auf der einen Seite wird den Betrieben quasi unterstellt, nur Schwachsinn in die Welt zu setzen; auf der anderen Seite wird der Fahrgast als Gehirnamputiertes, doofes Ding dargestellt, der es nicht hinbekommt, einen „Touchscreen“ zu benutzen. Es liegt doch auf der Hand das jemand, der die alten Tafeln mit den Preisstufen gewohnt ist, erst einmal perplex guckt, wenn er diese nicht findet. Man muss einen doch die Chance lassen, sich ein paar Sekunden in Ruhe dem Gerät zu widmen und den Bildschirmanweisungen zu folgen – ohne ihm ein Mikrofon grinsend unter die Nase zu halten.

Ebenso wird dargestellt, als ob die neue Oberfläche mit den erweiterten Funktionen ohne einen vorherigen Test einfach mal eben so, urplötzlich, eingeführt wurde, was nicht so ist. Die HOCHBAHN arbeitete im vorwege mit Behindertenverbänden zusammen und setzte die neue Oberfläche schon bei zwei Geräten seit Anfang Dezember an den U-Bahn-Haltestellen Hamburger Straße und Borgweg ein. Seitdem druckten die Automaten fast 40.000 Tickets. Wie viele Fahrgäste sich mit einer Frage zur neuen Bedienoberfläche an das Unternehmen wendeten? Exakt einer.

Das ergibt eine Beschwerdequote von 0,0025 Prozent. Ein Wert, wo selbst Apple-Chef Steve Jobs frohlocken und die Presse begeistert berichten würde, wie einfach doch das neue Gerät zu bedienen sei.
— OR; Bilder: Rycon

One response to this post.

  1. Natürlich sollte man neuen Techniken nicht prinzipiell negativ begegnen, aber man hätte trotzdem einiges besser machen können. So wäre es gut gewesen wenn man die Liste der Schnellbahnhaltestellen mit den Preiskategorien 1-3 nicht sofort entsorgt hätte. Schließlich wird auf der ersten Seite diese Auswahlmöglichkeit als eine Möglichkeit vorgegeben.

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