U4 gen Süden

Derzeit heiß in der Diskussion ist eine Erweiterung der im Bau befindlichen U-Bahn-Linie 4, welche zunächst nur (netto) aus einem 4.000 Meter langen Stummel mit zwei Haltestellen besteht. Besonders in einschlägigen Foren wird engagiert diskutiert und philosophiert. Wie kam das Thema auf?

In der Bezirksversammlung Harburg brachte die dortige CDU-Fraktion mit der GAL einen gemeinsamen Antrag [doc] ein, indem gefordert wird, den Vorstand der Hamburger Hochbahn – Günter Elste – zum Stadtplanungsausschuss einzuladen. Er möge dort seine Pläne zur Verlängerung der U4 darlegen, die er Anfang diesen Jahres in den Ring geworfen hat. Neben einer möglichen und alternativen Streckenführung soll auch geklärt werden, mit wie vielen Fahrgästen man rechnet. Die Harburger SPD hat sich bereits gegen ein solches Ansinnen geäußert, da man die Kosten für zu hoch hält.

Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete am 06.01.2010 unter der Überschrift „U 4 bis Harburg – mehr als nur eine Vision“ ziemlich konkret über einen möglichen Streckenverlauf. Demnach soll die U4 von dem im Bau befindlichen Bahnhof HafenCity-Universität weiter gen Süden fahren und die Haltestellen Prager Ufer, Mannesallee, Wilhelmsburger Krankenhaus, Wilhelmsburg, Dorfkirche, König-Georg-Deich, Blohmstraße bis zur Endhaltestelle Harburg-Rathaus – also acht neue Haltestellen – bedienen. Die Strecke soll, aus Kostengründen, möglichst nicht unterirdisch verlaufen und man rechnet mit Kosten von „einigen Hundert Millionen Euro“.

Die Überschrift des Abendblattes ist ziemlich gewagt, denn diese Gedankengänge – als Planungen kann man dies noch längst nicht bezeichnen – scheinen nämlich genau das zu sein: eine Vision. Die mutmaßliche Streckenführung verläuft praktisch parallel zur S3 und Parallelverkehre will man eigentlich vermeiden.

Der Sprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Enno Isermann, offenbar überrascht von den Gedankengängen, sagte dem Abendblatt:

„Andere Verkehrsprojekte, wie etwa eine weitere S-Bahnhaltestelle auf der S 3-Strecke bei der Veddel – die Station Zweibrückenstraße – haben da unter anderem Vorrang“.

Neben der HOCHBAHN setzt sich auch die mächtige Handelskammer – nahezu ein Feind der Stadtbahn – für eine U4 nach Harburg ein. Gut möglich, das die einen Versuch unternimmt, der ungeliebten Stadtbahn durch die Forderung einer erweiterten U4 den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sollte dies gelingen, gucken die Steilshooper natürlich mal wieder blöd aus der Wäsche. Gerade hier darf sich die Politik nicht schon wieder eine Blöße geben. Es wäre ein echtes Armutszeugnis, wenn sich Politiker von der Taktik der Handelskammer, alles in einen Topf zu werfen, einspannen ließe. Außerdem, das zeigt die Erfahrung, wird am Ende überhaupt nichts für den Nahverkehr realisiert, weil alles zerredet wird.

Kritische Betrachtungsweise

Die angedachte Streckenführung der U4 wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt – der verkehrliche Sinn geht nämlich unter den Begeisterungsstürmen unter. Denn: Wer soll diese U4 nutzen? Der Hamburger Verkehr ist auf den Hauptbahnhof ausgerichtet und der schnellste Weg für Wilhelmsburger und Harburger in die Stadt ist und bleibt die S-Bahn; die U-Bahn ist langsamer und macht darüber hinaus – aus Harburger Sicht – einen Umweg über die HafenCity.
Der sinnvollste Verkehr wäre für die U4 zwischen HafenCity und Harburg – und es ist dann doch zweifelhaft, ob es Zehntausende Fahrgäste von der HafenCity nach Harburg zieht und umgekehrt. Um eine zusätzliche Schienenanbindung zu rechtfertigen, müssen es aber schon einige Zehntausend sein.

Andererseits täte eine Alternative zur S-Bahn dem Süden gut. Gibt es da eine Streckensperrung, wie man es schon öfter erleben musste, ist der Süden praktisch von Hamburg abgeschnitten; bricht die S-Bahn zusammen, bricht der ganze öffentliche Verkehr zusammen. Zudem könnte die U-Bahn eine Menge Fahrgäste einsammeln, die dann den schnelleren Weg von Harburg-Rathaus mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof zurücklegt. Dann wäre die U4, zumindest abschnittsweise, zu einem Zubringerverkehr degradiert, eine Aufgabe, die eigentlich mit dem Bus erfüllt wird.

Dem erfreulich hohen Fahrgastaufkommen kann auch durch eine Verstärkung der S-Bahn begegnet werden, denn die besitzt noch potenzial. Neben weiteren Zugangshaltestellen können die Züge verlängert werden, statt Vollzüge (6 Wagen) eine Verstärkung auf Langzüge (9 Wagen), die es bereits heute zu Spitzenzeiten gibt. Mittel- bis langfristig steht auch die Möglichkeit offen, die S3 im Süden zu beschleunigen, was zusätzliche Haltezeiten kompensiert und die Attraktivität der ganzen südlichen Linie steigert.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, alles hat seine Vor- und Nachteile. Es wird also eine sehr spannende Diskussion werden und spannend wird auch, für welche Lösung man sich entscheidet und wie weit sich die Lobbyisten durchsetzen. Betrachtet man aber die Politik zum öffentlichen Nahverkehr, sollte man nicht vor 2025 – optimistisch gesehen – mit einer Entscheidung rechnen. Die Spaten und Schaufeln können bis dahin wieder eingepackt werden.
— OR/XP

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One response to this post.

  1. Posted by Werner Klingbiel on 19.03.2010 at 17.54

    Ich habe fast den Eindruck mit der Verlängerungsdiskussion über die U 4 als Hochflurstadtbahn wollen gewisse Kreise, wie die Handelsskammer, die sich immer als Lobbyist ihrer Zwangsmitglieder aufführt ohne jemals die Meinung der Mehrheit ihrer Mitglieder nachzufragen, eine letzte Möglichkeit suchen, die Niederflur Stadtbahn zu verhindern. Nur für sie leider, für die Stadt Gott sei dank sind ihnen mit Beust und insbesondere mit Elste ihre zwei Hauptverbündeten abhanden gekommen. Und mit den Kosten können sie auch nicht sorecht wuchern, solange sie bei Elbphilharmonie und U 4 mit Kritik doch erheblich zurückhaltender sind. Zudem steht ihnen die Landesbank mit ihren Verlusten auch näher als dem gemeinen Nutzer des ÖPNV. Natürlich stört eine Stadtbahn die Freie Fahrt für freie Autofahrer etwas. Das soll sie ja aber auch. Gerade Straßburg beweist, wie lebenswert eine Stadt werden kann, wenn Fußgänger und Straßenbahn frühere unwirtliche Autorennbahnen quer durch die Stadt ablösen. Die Stadtbahn ist durchaus mehr als nur ein Verkehrsmittel, sie ist ein Mittel die Stadt insgesamt aufzuwerten. Und außerhalb Hamburgs haben das offenbar viele rechtzeitig bemerkt. Denn nicht umsonst ist Hamburg die einzige Stadt über 500000 Einwohner, die die Straßenbahn wieder einführen muß, alle anderen Städte dieser Größe in Deutschland haben sie noch und sind sehr froh darüber.

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