Der Großraum-Linienbus „CapaCity“


Fahrzeugvorstellung | Bereits im Januar letzten Jahres war der Großraum-Linienbus „CapaCity“ von Mercedes-Benz zu Gast bei der HOCHBAHN, das Fahrzeug gelangte jedoch nicht in den Fahrgasteinsatz. Das ist also schon ein Stückchen her, trotzdem soll an dieser Stelle von diesem interessanten Fahrzeug berichtet werden.

Der CapaCity ist als Konkurrenz zum sogenannten „XXL-Bus“ (Fachbezeichnung: Doppelgelenkbus) gedacht, der uns Hamburgern durch die Metrobus-Linie 5 bekannt ist. Der hiesige „XXL-Bus“ stammt vom belgischen Hersteller Van Hool und hört auf die Bezeichnung AGG300 und ist 24,78 Meter lang; Der CapaCity ist mit 19,54 Meter gute 5 Meter kürzer. Vorgestellt wurde der CapaCity, damals noch als Prototyp, auf den „Mercedes-Benz Omnibustage“ (MOT) 2005. Für beide Fahrzeuge ist in Deutschland eine Sondergenehmigung aufgrund der Überlänge erforderlich.

Die wichtigsten Daten im Überblick; Der AGG300 in der Hamburger Version, der CapaCity in der Vorführversion und – zum Vergleich – ein Citaro-Gelenkbus (Serie):

*) Dies ist ein theoretischer Wert, der nur durch entsprechende Konfiguration des Innenraums erreicht werden kann. Angaben laut Hersteller. Bilder: HOCHBAHN-Presse (links), Daimler

Zwei Gesichter

Das Design sollte ursprünglich dem einer Stadtbahn nahe kommen („Metrodesign“), einige Verkehrsunternehmen wollten das gute Stück jedoch im Citaro-Design, damit es besser zur eingesetzten Flotte passt. Folglich gibt es den CapaCity in zwei Outfits – ob es auch einen preislichen Unterschied gibt, ist nicht bekannt. Wir Hamburger konnten das Metrodesign bereits Oktober 2006 bewundern. Im folgenden soll nun der CapaCity bildlich vorgestellt werden (ich bitte die recht schlechte Qualität der Bilder zu entschuldigen. Die Fotos können durch anklicken vergrößert werden).

Der Außenbereich

Fahrzeugfront

Das Gesicht eines typischen Citaros.

Seitenansicht

Glatte Oberflächen. Die Seitenteile und Fenster sind – wie üblich – geklebt.

CapaCity - Nachläufer

Gelenk & Nachläufer

Der Nachläufer ist dem Citaro L entnommen und liegt auf zwei Achsen.

Heckansicht

Auch der Hintern ist aus dem Citaro-Baukasten. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, statt CapaCity die Produktbezeichnung Citaro weiter zu verwenden (Citaro XXL?).

Heckkamera

In diesem Knubbel oben ist die Kamera – jeweils eine pro Fahrzeugseite – verbaut. Über den Fahrerarbeitsplatz sind entsprechende Monitore angebracht.

Der Innenbereich

Vordereingang (Tür I), Blick in die Fahrerkabine

Einsteigen bitte! …auch hier keine Überraschungen.

Fahrerarbeitsplatz

Das Cockpit entspricht den VÖV-Richtlinien, man findet sich schnell zurecht. Auf der linken Seite sind Ablagemöglichkeiten zu erkennen. Obwohl der CapaCity vier Türen hat, sind nur drei Knöpfe (zwei Taster, ein Leuchtmelder) verhanden. Tür III und Tür IV können folglich nur von Fahrgästen geöffnet werden, mit den bekannten Problemen.

Fahrerplatz, Dachbereich: Der Monitor

Direkt über den Fahrer ist ein Bildschirm angebracht, welcher die Bilder der Heckkameras anzeigt.

Über der Winschutzscheibe: Aufkleber mit Kapazitätsangaben

Aus Fahrgastsicht erschreckend ist die – im Verhältnis gesehen – mickrige Anzahl der Sitzplätze; Und das in einem Vorführwagen. Ein 25 Jahre alter Stadtbus (Typ O 305) bot gerne bis zu 47 Sitzplätze – und war 8 Meter kürzer. Im Vordergrund ein Brennstoffzellen-Bus.

Blick vom Eingang (Tür I) nach hinten

So stellen sich die Citaro-Designer den Fahrgastraum vor. Verwendet werden die Farben grau, grau, grau und – als Abwechslung – grau. Einzig die Haltestangen haben Farbe erhalten.

Gegenüber Tür II, Mehrzweckbereich

Für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen steht ein großzügiger Mehrzweckbereich zur Verfügung. Das Blau der Aufkleber sorgt für einen unfreiwilligen Farbtupfer.

Links Tür II, Gelenk vorne, rechts Mehrzweckbereich

Tristesse: Warum man nun ausgerechnet in einem grauen Innenraum anthrazitfarbene Sitzbezüge wählt, bleibt schleierhaft. Hamburger Regenwolken und Fahrgastraum gehen eine traurige Symbiose ein.

Blick vom Gelenk zur Tür III

Kurz vor- und kurz nach dem Gelenk sind Türen, hier ist Tür III zu sehen. Das sorgt für einen schnellen Fahrgastwechsel. Auch hier ist ein Mehrzweckbereich, der jedoch kleiner ausfällt – sonst gäbe es noch weniger Sitzplätze. Mercedes spendierte seinem Vorführwagen Außenschwenktüren, bis auf ganz vorne – da wurde die Tür als innenschwenker ausgeführt. Eine sinnvolle Konfiguration.

Blick von Tür III in den Heckbereich

Hier ist gut das Dilemma zu sehen, wenn es im Heck noch unbedingt eine Tür geben muss: Die Sitzplätze müssen auf mächtige Podeste gebaut werden, damit Motor und Aggregate noch untergebracht werden können. Im Fußbereich ist in der Ecke noch ein weiterer Hügel zu erkennen. Wie gut, das sich immer Jugendliche hinten niederlassen – die Stufen ermöglichen keine berauschend gute Zugänglichkeit.

Blick in die hintere Ecke: Seitensitze und Rückbank

Auf der Ablage fehlt nur noch die „Apotheken Rundschau“ – und der Warteraum beim Arzt wäre optimal nachempfunden. Die Sitze sehen unbequem aus, sind es überraschenderweise aber nicht. Aber jeder Hintern ist anders.

Blick von Tür IV nach vorne

Von den wenigen Sitzgelegenheiten befinden sich viele entgegen der Fahrtrichtung – was bei den meisten Fahrgästen nicht zu Applaus führen dürfte. Ab Tür II sind alle Sitze auf Podest, teils unangenehm hoch.

Blick von hinten nach vorne

Bevor wir den CapaCity verlassen, noch ein Blick von hinten nach vorne.

Fazit

Der von Mercedes-Benz gestellte Vorführwagen hinterlässt keinen berauschenden Eindruck. Das Sitzplatzangebot ist für diese Fahrzeuglänge schlicht zu mickrig, vorhandene Sitze zum überwiegenden Teil unglücklich angeordnet – was vor allem auf die mit Krampf durchgezogene Niederflurigkeit zurückzuführen ist. Niederflur hat den Sinn und Zweck, insbesondere mobilitätseingeschränkten Fahrgästen einen einfachen Zugang zu bieten – dazu zählen Gehbehinderte, aber auch ältere Menschen; Und genau diese sind auf bequeme Sitze angewiesen, wobei die Erfahrung zeigt, das diese in Fahrtrichtung zu sein haben. Vernichtet man zugunsten einer durchgängigen Niederflurigkeit entsprechende Sitzplätze, erweist man dem Fahrgast einen Bärendienst.

Sicher, der Name „CapaCity“ deutet schon an, das Kapazität in einem Stadtbus das Ziel dieses Fahrzeugs ist. Kapazität kann aber nicht nur bedeuten, möglichst viele Fahrgäste reinzuquetschen, sondern auch, wie die Kapazitätsqualität gewährleistet wird. Besonders für den deutschen Markt ist dies wichtig. Die überwiegende Mehrheit der Fahrgäste hat immer noch die Wahl, zwischen einen bequemen Sitz hinter dem Lenkrad oder einer Fahrt mit dem Massentransportmittel Omnibus. Dabei ist zu bedenken, das eben auch immer mehr ältere Mitbürger nicht auf die vermeintliche Unabhängigkeit, das eigenen Autos zu nutzen, verzichten wollen.
Immerhin können die Verkehrsunternehmen bei der Bestellung eine höhere Bestuhlung ordern. Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks schielen die aber auch gerne nach der reinen Kapazität – und weniger nach dessen Qualität.

Neben der reinen Konfiguration überrascht die eintönige Innenraumgestaltung. Mercedes-Benz meint (unter anderem) zum Innenraum:

„Im Innenraum fällt als erstes die extrem geräumige, freundliche und helle Atmosphäre auf. Die komplett neue und moderne Farbgebung unterstreicht die hohe Wertigkeit des Gesamtkonzepts. Innendecke, Seitenwände, Bodenbelag und Sitzpolster sind farblich perfekt aufeinander abgestimmt und werden ergänzt durch ein Haltestangen-System aus gebürstetem Nirosta-Edelstahl, das ebenfalls zur leichten und großzügigen Raumgestaltung beiträgt.“

Um Fair zu bleiben: Der hier gezeigte CapaCity ist bzw. kann damit nicht gemeint sein. Tatsächlich sind zwar auch hier die Farben „perfekt aufeinander abgestimmt“ – ein grau geht in ein grau über, das durch ein grau perfekt ergänzt wird –, aber eine extrem freundlich-helle Atmosphäre wollte nicht aufkommen. Wenn das die Zukunft des Fahrgastraumes sein soll, dann gehen wir einer sehr grauen Zukunft entgegen.

Aber auch hier ist es Sache des Verkehrsunternehmen, wie der Innenraum farblich gestaltet werden soll – von der Dachkante bis zu den Sitzbezügen bietet Mercedes-Benz eine reichhaltige Auswahl an.
Leider kann man in Designfragen Verkehrsunternehmen (im allgemeinen) bzw. Busunternehmen (im besonderen) keine überragenden Fähigkeiten attestieren; für sie sind Busse nun einmal Nutzfahrzeuge und basta. Es wäre daher schön, wenn der Hersteller im Notfall förmlich fleht, solche Innenraumgestaltung zu unterlassen. Als vorführwagen führt der hier gezeigte CapaCity eher vor, wie man es nicht machen sollte. Schließlich fällt eine solche Trostlosigkeit auch auf einen renommierten Hersteller zurück.
— OR; Bilder: Tabelle siehe dort; Bilder Vorführwagen: Rycon.

One response to this post.

  1. Posted by Paul on 16.06.2010 at 17.25

    Diese Busse sind sehr schön!!! LOL LOL

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