Die Propaganda gegen die Stadtbahn

Kommentar | Die mächtige Hamburger Handelskammer veranstaltete am 31.12.2009 ihre „Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg“; ein Jahresabschlussbericht des Präses Frank Horch. Das „Hamburger Abendblatt“ hält das für so wichtig, daß das Redemanuskript im Wortlaut veröffentlicht wurde.

Leider kommt bei Frank Horch auch der ÖPNV vor. Seine Rede zeigt exemplarisch sehr schön, wie man ein Verkehrsprojekt – in diesem Falle die Stadtbahn – möglichst schon im Vorwege madig macht und mit neuen Fragestellungen die Sache in die Länge zieht, bis sie hoffentlich ganz in der Schublade verschwindet. Ein paar Anmerkungen hierzu, fangen wir beim Verkehr im allgemeinen bzw. Umweltzonen im besonderen an:

„Der Nutzen einer Umweltzone für die Verbesserung der Luftqualität ist – wie wir aus zahlreichen Studien wissen – äußerst begrenzt. Sie ist, wie unsere Analyse gezeigt hat, wahrscheinlich kein geeignetes Instrument zur Lösung eines Problems, welches Hamburg dank sauberer Luft weitestgehend nicht hat.“

Frei nach dem Motto: „Saubere Luft? Ham wa schon, brauchen wir nicht.“ Was Herr Horch bei der Verteidigung des geliebten Autos vergisst ist die Blechlawine, der Flächen- und Spritverbrauch, die CO²-Emissionen und nicht zuletzt der Lärm.

„Die Einschränkung der Erreichbarkeit der Innenstadt durch Umweltzone oder City-Maut würde aber die Attraktivität der Innenstadt erheblich schwächen und nachweisbar zu Umsatzrückgängen führen, denn ein hoher Anteil unserer Innenstadtkunden kommt aus der Region.“

Nachweisbar ist das sicherlich nicht. Wer nicht unbedingt einen Kühlschrank kauft, wird (und soll) mit dem Nahverkehr anreisen, um seinen Stadtbummel zu machen. Die immer wieder aufgestellte Behauptung, der Handel bräuchte verkehrsreiche Straßen mit Autos, wird nicht wahrer, je mehr man sie wiederholt.
Man stelle sich die Hamburger Innenstadt ohne Hauptbahnhof und Nahverkehr vor. Und es kommt auch nicht von ungefähr, das Einkaufszentren sich in der Nähe großer Nahverkehr-Umsteigeanlagen ansiedeln und entwickeln (Poppenbüttel, Hamburger Straße, Barmbek, Altona, Bergedorf – um nur einige zu nennen).

„Ich rufe deshalb den Senat zum Verzicht auf eine Umweltzone auf und schlage stattdessen erneut eine ‚Partnerschaft für Luftgüte und schadstoffarme Mobilität‘ nach dem Vorbild der erfolgreichen Umwelt-Partnerschaft vor, in der sich die Wirtschaft für den Einsatz neuer, emissionsfreier Antriebe im Straßenverkehr und die weitere Stärkung des ÖPNV in Hamburg einsetzen wird.“

Von einer derartigen „Partnerschaft“ hört man nichts, weshalb die Behauptung, sie sei auch noch erfolgreich, irgendwie unglaubwürdig klingt. Das der Handel sich in irgendeiner Form um „schadstoffarme Mobilität“ engagiert ist ebenso weithin unbekannt. Der Nahverkehr jedenfalls wird eher stiefmütterlich bis ablehnend behandelt. Auch der Wunsch den ÖPNV zu stärken, ist nichts weiter als ein Lippenbekenntnis.

Eine substantielle Stärkung hieße beispielsweise für den Busverkehr eigene Fahrspuren anlegen. Oder für den Schienenverkehr den Hauptbahnhof zu erweitern oder eine Stadtbahn zu errichten.

„Ob dazu allerdings die Stadtbahn der ideale Schritt ist, daran sind bis zur planungsgemäßen Vorlage der Nutzen-/Kostenanalyse in eineinhalb Jahren Fragen erlaubt. Ist die Weiterführung der U4 nach Süden und der Ausbau der S4 nach Ahrensburg nicht mindestens so wichtig? Bedarf es neben U-Bahn und S-Bahn wirklich eines dritten trassengeführten ÖPNV-Systems?“

Sicher sind Fragen erlaubt, aber doch nicht die Vermengung ganz unterschiedlicher Dinge. Hier ist mal wieder wunderbar zu erkennen, wie die Zusammenführung völlig verschiedener Sachverhalte am Ende zu einem Nichts führt.

Die Stadtbahn ist für den innerstädtischen Verkehr wichtig, um übervolle Buslinien abzulösen – und damit die Attraktivität des Nahverkehrs in der Stadt zu erhöhen. Speziell den Steilshoopern wurde so oft eine vernünftige Anbindung versprochen, sie wurde aber nie (aus Kostengründen) verwirklicht. Hier soll endlich mit der Stadtbahn der Bevölkerung ein leistungsfähiges Verkehrsmittel angeboten werden.
Sicherlich ist Herrn Horch der wenig kaufkräftige Stadtteil Steilshoop schnurz-piepe. Für viele dortige Bewohner ist statt Diór eher Aldi angesagt. Für den sozialen Zusammenhalt ist es aber wichtig, auch die weniger kaufkräftigen Stadtteile zu entwickeln – und da ist Mobilität eine wichtige Sache.

Die S4 Richtung Ahrensburg ist ein völlig anderes Thema – sie soll weit entfernte Stadtteile anbinden. Sie löst kein einziges Problem mit den überfüllten Metro-Buslinien. Sicher, das sind Probleme, die Herr Horch nicht haben dürfte. Der normale Bürger in dieser Stadt aber schon, wenn er sich in einen überfüllten Bus quetscht.

Eine U4-Erweiterung Richtung Harburg steht auf nochmal einem völlig anderen Blatt – und ist derzeit auch die unwichtigste. Der Süden ist bereits mit einer (S-)Bahn angebunden; Ein Vergnügen, welches Steilshoop nicht hat.

Besonders perfide ist die übliche Taktik, verschiedene Verkehrsmittel gegeneinander auszuspielen. Eine S4 ist für die Ahrensburger doch nicht weniger wichtig als eine Stadtbahn für die Steilshooper. Und ja: Eine Stadtbahn bringt den Ahrensburger nichts, genauso wie eine S4 den Steilshoopern nicht weiterhilft.

In dem man alles in einen Topf wirft und den Eindruck erweckt, als gäbe es ein „entweder/oder“ zerredet man den Nahverkehr – und das höchst wahrscheinlich mit voller Absicht.
Auch der Lobbyverband ADAC bedient sich dieser Taktik. Der fordert gar für jede Kreuzung eine umfangreiche Studie, welches die Einführung der Stadtbahn verzögern wird. Derartige Studien sind auch nicht billig – und die Kosten werden der Stadtbahn angelastet, was zum nächsten Aufstand führt, das die ja viel zu teuer wird.

Zum Thema Stadtbahn lässt sich übrigens auf der ADAC-Website kein einziges relevantes Dokument, keine Stellungnahme finden. Dafür kolportiert man per Presse irgendwelche Horrorbehauptungen, die Autofahrer einerseits und Anwohner andererseits zutiefst verunsichern (sollen).
In einer Art Arbeitsaufteilung kümmert sich scheinbar die Handelskammer darum, die Verunsicherung der Gewerbetreibenden zu übernehmen.

„Und sind für eine Millionenstadt – wie verlautbart – Freiburg und Straßburg wirklich geeignete Benchmarks? Sicher alles schöne Städte mit schöner Straßenbahn. Aber soweit ich weiß, haben weder Straßburg noch Freiburg ein U-Bahn- oder ein S-Bahnsystem.“

Diese vergiftete Stichelei zeigt, mit welcher Propaganda gearbeitet wird. Nein, Straßburg hat keine U- oder S-Bahn. Aber Berlin hat U-, S- und Straßenbahn. München hat U-, S- und Straßenbahn. Zürich hat O-Bus, S- und Straßenbahn. Wien hat U-, S- und Straßenbahn. Paris hat U- (Metro), S- (RER) und Stadtbahn. London hat U-, Straßen- und Stadtbahn. Und so weiter.

Das Beispiel Straßburg wurde vor allem deshalb angeführt, weil dort die Stadtbahn neu eingeführt wurde. Straßburg zeigt, was mit einer heute aufgebauten, modernen Stadtbahn alles möglich ist. Wie Bevölkerung, Umwelt, Verkehr und – ja! – der Handel und die Wirtschaft profitieren.

Aber das wollte Herr Horch dann wohl doch lieber nicht erwähnen.

— OR

One response to this post.

  1. Posted by Werner Klingbiel on 20.03.2010 at 14.24

    Alle Städte Deutschlands mit U- und S- Bahn haben auch Straßenbahn. Selbst Nürnberg mit seinen 500 000 Einwohnern. Und alle diese Städte bauen ihre Straßenbahnnetze weiter aus.
    Und wenn ein Beispiel die Unhaltbarkeit der Thesen der Handelskammer Hamburg ad absurdum führt, so ist es das Paradebeispiel des mißlungenen Versuches eine autogerechte Stadt zu schaffen, Los Angeles. Und auch Houston als Stadt der Nasa dürfte weder als klein noch als hinderwäldlerisch gelten. Trotzdem hat die Stadt heute (wieder ) eine Stadtbahn. Gerade von einer Organisation die ihre Mitglieder weitgehend zwangsrekrutiert, sollte sich etwas mehr informieren ehe sie unhaltbare Thesen aufstellt. Und schadstoffärmer als mit einer Straßenbahn ist Verkehr nahezu nicht möglich, aber darum geht es diesen Funktionären ja in Wirklichkeit auch nicht, das zeigt sich ja alleine bei ihrer Begeisterung zur U 4. Was der Handelskammer offenbar entgangen ist, ist dass in Berlin der Verkehr in den Stadtteilen wo die Straßenbahn verkehrt flüssiger läuft als dort wo es nur U Bahn und Bus gibt. Man braucht also kein Gutachten, man müsste nur über das Lenkrad seines Daimlers in die Welt der Tatsachen hinübersehen können. Oder fürchtet man möglicherweise, seinen eigenen Benz in Zukunft nicht mehr gestellt zu bekommen und selbst bezahlen zu müssen, wenn der Busabsatz gleichnamiger Firma durch die Stadtbahn in Hamburg zurückgeht. Schließlich wäscht eine Hand die andere.

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