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Die S4 ist tot – es lebe die S4

Thema S4Einige reagierten wie die aufgescheuchten Hasen, als am 21.08.2010 das „Hamburger Abendblatt“ die Meldung brachte, die gedachte S4 Richtung Ahrensburg stünde vor dem Aus. Anlass der Empörung: Offenbar zieht sich der Bund aus seiner Verantwortung und sieht keinen „dringenden Bedarf“ mehr, die Strecke auszubauen.
Eine erstaunliche Einschätzung, bei der die Augenbrauen hochgehen und sich die Stirn in Falten legt. Die Strecke ist für den Ferngüterverkehr von großer Bedeutung und das geht auch dem Bund etwas an.

Bereits Anfang Juli ließ das CSU-geführte Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) sein Desinteresse erkennen, gut vergraben in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage. Umgedeutet wird der Kurswechsel zu einem Aus für die S4. Es gibt da allerdings ein kleines Problem: Der Bund hatte die neue S-Bahn-Linie nie auf dem Zettel.

Kurz gesagt: das Projekt S4

Zwei neue, zusätzliche Gleise fädeln Hasselbrook kreuzungsfrei aus dem bestehenden S-Bahn-Netz (S1/S11) aus. Hierfür ist ein recht aufwendiges Ingenieursbauwerk erforderlich. Im weiteren Verlauf liegt das neue Gleispaar bis zum Bahnhof Ahrensburg („Mitte“) neben den bestehenden Gleisen. Die Station Wandsbek wird aufgegeben; mehrere neue, strategisch günstig gelegene, Stationen auf den Weg nach Rahlstedt entstehen (siehe Linienverlaufstafel). Von Ahrensburg bis Bargteheide entstünde ein zusätzliches Gleis. Optional wäre eine Verlängerung nach Bad Oldesloe auf der bestehenden Strecke.

Charme der Idee ist die Separierung des Nahverkehrs auf einem eigenen Fahrweg. Die entsprechenden Stadtteile würden somit an das hochleistungsfähige S-Bahn-Netz angeschlossen, was insbesondere durch dichten Takt und merkbaren Fahrplan höchst attraktiv wäre. Diese Merkmale ermöglichen eine enge, zuverlässige Verzahnung mit dem Busverkehr, der für sich genommen dieselben Eigenschaften aufweist („starrer Fahrplan“). Die S-Bahn GmbH rechnet mit einem Plus von 50 % mehr Personenfahrten im Gegensatz zum jetzigen Zustand. Eine Zahl, die durchaus realistisch erscheint.

Die verspätungsfreudige R10 entfiele auf diesem Abschnitt. Die Doppelstock-Regionalzüge sind aufgrund der geringen Anzahl an Türen ungeeignet für einen schnellen Fahrgastwechsel, wie er im Nahverkehr benötigt wird (mehr dazu im Beitrag Regionalverkehr versus S-Bahn). Die Verlagerung des Nahverkehrs von der R10 auf die S4 entlastet auch den Hamburger Hauptbahnhof, der bahnsteigtechnisch am Limit operiert.

Die Verlagerung des Nahverkehrs auf eigenen Fahrweg schaufelt entsprechende Kapazitäten auf der bestehenden Strecke frei. Dieser Effekt hat überregionale Bedeutung, denn die freiwerdenden Kapazitäten stünden auch dem anwachsenden Güterverkehr zur Verfügung. Vor allem aufgrund der geplanten festen Fehmarnbeltquerung, einer Brücke zwischen Deutschland und Dänemark, wird von einem höheren Güterverkehr auf der Schiene ausgegangen.

Die S-Bahn-Linie 4 hat somit nicht nur lokale und regionale, sondern auch nationale bis – etwas großspurig – internationale Bedeutung.

Kurz gesagt: Was der Bund will (bzw. wollte)

Diese Ideen stehen im krassen Gegensatz zu dem, was der noch gültige Bundesverkehrswegeplan 2003 [PDF, ~2 MB] vorsieht. Auf Seite 55, unter der laufenden Nummer 1, ist unter anderem die – tatsächlich umgesetzte – Elektrifizierung Hamburg – Lübeck Travemünde zu lesen.

Ferner, und darum geht es hier, der nicht-realisierte dreigleisige Ausbau zwischen Wandsbek und Ahrensburg mit einer Streckenhöchstgeschwindigkeit von 160 km/h. Zu dem bereits bestehenden Gleispaar soll also nur ein Drittes hinzugepflanzt werden. Eine Verknüpfung mit dem hiesigen S-Bahn-Netz ist gar nicht vorgesehen.

Bisher wurde locker-flockig davon ausgegangen, dass die Bundesmittel für den dreigleisigen Ausbau einer S4 zugeschlagen werden könnten. Zwar ein naheliegender Gedanke, jedoch keine ausgemachte Sache. Nah- und Regionalverkehr obliegt den Ländern, der Bund hat mit einer gedachten S4 selbst nichts am Hut. Dreigleisiger Ausbau hin oder her.

Nun wird eine Neufassung des Bundesverkehrswegeplans fällig und das besagte dritte Gleis steht offenkundig zur Disposition. Eine Einladung zum Spekulieren.

Politisches Ränkespiel

Vielleicht ist Berlin der Ansicht, die S4 werden die zuständigen Ländern schon irgendwie schaukeln – was zur Folge hätte, dass man die freiwerdende Streckenkapazität für den Güterverkehr zum Nulltarif bekäme. So wäre es aus Bundessicht folgerichtig, das dritte Gleis rechtzeitig aus dem Plan zu nehmen, um nicht doch noch über einige Ecken in Mithaftung genommen zu werden. Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf, auch zwischen Bund und den Ländern.

Obwohl nach Aktenlage der mögliche Wegfall des dritten Gleises nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der S4 steht, löste die Meldung eine längst überfällige Diskussion aus. Der allgemeine Aufschrei vor allem aus Hamburg erscheint hinsichtlich der jahrelangen Bummelei als ziemlich unglaubwürdig und reflexhaft. Hektische Betriebsamkeit ist beiden nun blamierten Bundesländern jedenfalls nicht zu attestieren.

Zwischenbilanz nach sieben Jahren Bundesverkehrswegeplan

Immer wieder machten HVV, verschiedene Verbände und andere auf die fehlende S4 aufmerksam. Bis auf gut gemeinte Absichten fiel die Ernte jahrelang aber sehr bescheiden aus. Erst in den letzten zwei, drei Jahren ist Bewegung in die Sache gekommen.

Schleswig-Holstein präsentierte Anfang 2008 sein „Drei-Achsen-Konzept“ [PDF], das mit seinen 9 Seiten nicht unbedingt zu den ausführlichsten Konzepten der Menschheitsgeschichte zählt. Die dort bezeichnete S41 bildet die Ost-Achse. Im Konzept geht man davon aus, das die Bundesmittel für das dritte Gleis zugunsten des zweigleisigen Ausbaus der S-Bahn umgetopft werden könnten.

2009 ließ die S-Bahn Hamburg GmbH eine aus dem Jahre 2002 stammende Machbarkeitsstudie aktualisieren. Diese ist leider öffentlich nicht zugänglich. Eine Betriebssimulation, ob die S4 sich überhaupt ins übrige S-Bahn-Netz hineinfriemeln lässt, wurde offenbar erfolgreich durchgeführt. Das „Abendblatt“ zitierte S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke mit den Worten:

„Die in diesem Jahr durchgeführte Betriebssimulation konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Wir könnten noch in diesem Jahr mit der Vorentwurfsplanung beginnen.“

Die ist auch bitter nötig.
Je nach Wetterlage schwanken die postulierten Kostenprognosen beunruhigend zwischen 210 und 400 Millionen Euro, was keinen seriösen Eindruck macht. Am realistischen erscheint noch die grobe Schätzung aus der „Welt“ vom 02.04.2009: 250 Millionen für den Fahrweg und 150 Millionen für die Fahrzeuge, im Saldo 400 Millionen Euro. Allerdings wirkt auch diese Prognose eher wie ein Schuss ins Blaue.

Es ist wenig ermutigend, dass nach sieben Jahren keine qualifizierte Kostenschätzung vorliegt. Hoffentlich muss das nicht-realisierte Projekt S4 nicht noch viele Neufassungen des Bundesverkehrswegeplans erleben. ♦
— Abbildung Linienverlaufstafel: Rycon

„Keinen vordringlichen Ausbau“

Mehrere Bundestagsabgeordnete und die SPD-Bundestagsfraktion stellten der Bundesregierung eine sogenannte „Kleine Anfrage“ zur Verkehrsinfrastruktur – Schiene und Straße – in Schleswig-Holstein. Stein des Anstoßes ist die Hinterlandanbindung der Festen Fehmarnbeltquerung, einer Brücke zwischen Schleswig-Holstein und dem Königreich Dänemark.

Durch diese neue Verbindung wird von großen Auswirkungen auf die bestehenden Verkehrswege ausgegangen. Dies schließt insbesondere die Strecke Hamburg – Ahrensburg – Bad Oldesloe (R10) – Lübeck mit ein, bei der bisher mit einem (noch) höheren Güterverkehr gerechnet wird.

Ziemlich vergraben in der Antwort der Bundesregierung – genauer: des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) – finden sich auch einige Passagen, welche den Hamburger Nahverkehr betreffen.

Das Dokument, Drucksache 17/2398 [PDF], trägt das Datum vom 05.07.2010. Im Folgenden die Passagen (Seiten 10 und 11) mit, zur besseren Lesbarkeit, leichten Änderungen im Layout.

47. Welche Verkehrsentwicklung erwartet die Bundesregierung auf den einzelnen Abschnitten der Eisenbahnstrecke Neumünster–Elmshorn–Hamburg?

Sind an dieser Strecke Ausbaumaßnahmen zur Leistungsertüchtigung vorgesehen?

Wenn ja, welche, und in welchem Zeitraum?

Die bis 2025 erwartete Verkehrsentwicklung auf der Strecke Neumünster–Elmshorn–Hamburg erfordert keinen vordringlichen Ausbau der Strecke. Dies war das Ergebnis der im Auftrag des BMVBS durchgeführten Studie zum Knoten Hamburg, in der die im Rahmen des Bedarfsplans zu finanzierenden Ausbaumaßnahmen im Knoten Hamburg ermittelt und bewertet wurden.

48. Welche Verkehrsentwicklung erwartet die Bundesregierung auf der Trasse der AKN Eisenbahn AG Neumünster–Quickborn–Hamburg?

Sind an dieser Strecke Ausbaumaßnahmen zur Leistungsertüchtigung vorgesehen?

Wenn ja, welche, und in welchem Zeitraum?

Seit der Regionalisierung zum 1. Januar 1996 obliegt die Zuständigkeit für die Planung, Organisation und Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs grundsätzlich den Ländern. Der Bund kann den Ländern Finanzhilfen für Investitionen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse der Gemeinden nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) gewähren.

Nach den von den Ländern Schleswig-Holstein und Hamburg für die AKN-Strecke Kaltenkirchen–Hamburg-Eidelstedt bislang vorgelegten GVFG-Antragsunterlagen zum Ausbau dieser Strecke wurde im Raum Hamburg-Eidelstedt eine Querschnittsbelastung von rund 13 000 Personenfahrten je Werktag prognostiziert.

Im Streckenabschnitt Kaltenkirchen–Hamburg-Eidelstedt wurden seit dem Jahr 1996 verschiedene Baumaßnahmen zur Leistungsertüchtigung realisiert, so u. a. der Bau von zweigleisigen Streckenabschnitten, von neuen Stationsanlagen und die höhenfreie Einbindung der AKN in die Station Hamburg-Eidelstedt. Der Bau von zweigleisigen Streckenabschnitten dauert noch an.

Nach dem dem [sic] BMVBS vorliegenden „Achsenkonzept zum Ausbau des Schienenverkehrs in der Metropolregion Hamburg“ ist gegebenenfalls auch die Elektrifizierung des AKN-Streckenabschnittes Kaltenkirchen–Hamburg-Eidelstedt vorgesehen. Näheres ist dem BMVBS nicht bekannt.

Zum Streckenabschnitt Neumünster–Kaltenkirchen liegen dem BMVBS keine Informationen vor.

49. Welche Verkehrsentwicklung erwartet die Bundesregierung auf den einzelnen Abschnitten der Eisenbahnstrecke Lübeck–Bad Oldesloe–Ahrensburg–Hamburg?

Sind an dieser Strecke Ausbaumaßnahmen zur Leistungsertüchtigung vorgesehen?

Wenn ja, welche, und in welchem Zeitraum?

Die bis 2025 erwartete Verkehrsentwicklung auf der Strecke Lübeck–Bad Oldesloe–Ahrensburg–Hamburg erfordert keinen vordringlichen Ausbau der Strecke. Dies war das Ergebnis der im Auftrag des BMVBS durchgeführten Studie zum Knoten Hamburg, in der die im Rahmen des Bedarfsplans zu finanzierenden Ausbaumaßnahmen im Knoten Hamburg ermittelt und bewertet wurden.

Gerade der letzte Absatz hat es in sich, denn er wird als Aus für die S4 gedeutet. Dazu am Sonntag mehr hier auf Rycon. ♦
— Titelbild: Bundestag.de / BMVBS

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