„Einstieg vorn“ im Alltag angekommen


Vorne einsteigen, dem Busfahrer die Fahrkarte unaufgefordert zeigen und weiter nach hinten gehen: Seit dem 07.03.2012 ist dies nun auch in Hamburg und seiner Metropolregion ganztägig zur Regel geworden. Ausgenommen sind die Metrobuslinien 4, 5 und 6, bei denen es bei den alten Spielregeln geblieben ist (ab 21 Uhr, Sonn- und Feiertag ganztags).

Die allermeisten Fahrgäste haben sich erstaunlich schnell auf die neuen Spielregeln eingestellt. Vorfälle sind, in Relation zur Beförderungsleistung, nur extrem wenige zu verzeichnen gewesen.

Begrenzung von Einnahmeverlusten

Bereits in den ersten zwei Wochen ist der Einzelfahrscheinverkauf – allein bei der HOCHBAHN – um etwa 15-20 % nach oben geschossen. Gut 34.000 Einzelfahrscheine wurden zusätzlich abgesetzt. 100.00o Euro, die bisher durch die Lappen gingen, konnten dadurch eingenommen gehoben werden. Die PVG vermeldete laut einem Hamburg 1-Bericht ebenfalls bis zu 20 % mehr Absatz, bei der Kurzstreckenkarte 30 %. Die Angaben beziehen sich ausschließlich auf den Verkauf beim Fahrpersonal, zusätzlicher Verkauf an Automaten und Servicestellen (Zeitkarten, respektive Abo) sind nicht enthalten.

Weiterhin sind Bergedorf und Harburg in diesen Zahlen nicht inkludiert. Als vorherige Pilotregionen besteht dort schon seit 07.03.2011 der „Einstieg vorn“. Gut 3 Millionen Euro Einnahmedefizit konnte dort nach einem Jahr Laufzeit gehoben werden. Für das übrige Verbundgebiet gehen vorsichtige Schätzungen davon aus, das 6 Millionen Euro eingesammelt werden können.

Inwieweit die Schwarzfahrerquote durch die Maßnahme gesenkt werden konnte, steht derzeit noch aus. In den Bussen wird, neben der Sichtprüfung durch die Fahrer, weiterhin der Fahrkartenprüfdienst unterwegs sein. Dieser führt eine genaue Kontrolle durch, vor allem was die Gültigkeit der Karten angeht. Aus der Anzahl der kontrollierten Fahrgäste und die daraus resultierenden, aufgespürten Schwarzfahrer ergibt sich die Schwarzfahrerquote. In den Pilotregionen sank die Quote beachtlich; Bergedorf von 4,8 % auf 1,9 % und Harburg von 6,6 % auf 1,7 %.

Verbundweit lag vor „Einstieg vorn“ die Schwarzfahrerquote zwischen bei bis 3,5 %, dies entspricht gut 20 Millionen Euro Einnahmedefizit pro Jahr. Durch die Sichtkontrolle erhofft man, die Quote um circa 1 % zu drücken.

Betriebliche Auswirkungen

Busbewegungen werden bei allen städtischen Busverkehrsunternehmen per Satellitenortung laufend erfasst und protokolliert. So ist die Fahrplanstabilität leicht prüfbar. Ergebnis: Es kam es zu keinen nennenswerten Verspätungen aufgrund der Fahrkartensichtkontrolle. Tatsächlich beschleunigt sich, wie erhofft, in vielen Fällen der Fahrgastwechsel, da durch die Entzerrung der Ein- und Ausstieg nun parallel verläuft. In der Regel steht Tür I bei dem roten Haltenmast bereit zum Einsteigen.

Beim Fahrpersonal kommt die Änderung, nach anfänglichem murren, inzwischen ebenso gut an, wie bei den Kunden. Interessante Nebeneffekte sind, das Busfahrerinnen und Busfahrer mehr (und positiven) Kontakt zu ihren Gästen bekommen, wobei dies natürlich individuell von Gast zu Gast verschieden ist. Weiterhin ist zu beobachten, das weniger Leute mit offenen Speisen – Stichwort: Döner – den Bus betreten, was Sauberkeit verbessert und Geruchsbelästigung vermeidet. Ausnahmen gibt es allerdings immer.

Anklang beim Kunden

Wie oben bereits berichtet, haben die allermeisten Kunden keine großen Probleme mit dem „Einstieg vorn“. Verbundweit landeten in den ersten Wochen etwas über 550 Beschwerden auf dem Schreibtisch; einige davon jedoch bereits vor Start der Regeländerung. Neben grundsätzlicher Abneigung waren viele Fragen darunter, wie mit Traglasten verfahren wird. Sogar eine Handvoll positive Eingaben konnten entgegengenommen werden.

Bewertung der Öffentlichkeitsarbeit

Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sind Themen, die hier im Blog gerne zur Sprache kommen. Kundeninformation ist das Zauberwort und gerade beim Nahverkehr überaus wichtig, nicht selten aber stiefmütterlich behandelt.
Dies ist der „Einstieg vorn“-Einführung nicht zu attestieren, Konzeptionierung und Durchführung der Öffentlichkeitsarbeit und der internen Kommunikation wurden vorbildlich umgesetzt. Ob dynamische Fahrgastinformation (Anzeiger) und Ansagen in den Bussen, Informationen an den Haltestellen und Fahrzeugen, Aushänge an den Haltestellenmastern oder dem persönlichen Einsatz zu Beginn der neuen Regelung – alles exzellent umgesetzt. Gleiches gilt für die Presseinformation und -einbindung. Insbesondere die offenkundig gute Zusammenarbeit der autarken Verkehrsunternehmen verlief angenehm und vorbildlich gut.

„Davon wusste ich ja noch gar nichts!“ ist jedenfalls eine ganz schwache Ausrede für Menschen, die weiterhin versuchen, ohne gültige Fahrkarte den öffentlichen Busverkehr zu nutzen.

Verbesserungen

Derzeit sind nur an den hinteren Türen entsprechene Folienaufkleber angebracht.

Wie früher gang und gäbe, soll es zur besseren Kennzeichnung an Tür I – an der nicht ausgestiegen werden soll – wieder ein entsprechendes Piktogramm angebracht werden. Bisher sind lediglich an den hinteren Türen entsprechende, von außen wie innen sichtbare, Informationen angebracht. Wann dies umgesetzt wird, steht zurzeit noch in den Sternen – hoffentlich zügig.

Jedoch dürfen von dieser Regelung abweichend ältere Kunden auch weiterhin Tür I zum Ausstieg nutzen.

Problemfelder: hoher Andrang und mobilitätseingeschränkte Personen

Herrscht an einer Haltestelle großer Andrang und der Fahrplan zwickt, ist es den Busfahrerinnen und Busfahrer freigestellt, auf die Sichtkontrolle zu verzichten und alle Türen zum Einstieg freizugeben. Diese Freistellung soll jedoch möglichst wenig zur Anwendung kommen.

Viele Fragen beschäftigten sich bereits beim Start mit der Problematik von mobilitätseingeschränkten Kunden; hierzu zählen alle Fahrgäste, die in irgendeiner Form (Kinderwagen, viel Gepäck, Fahrrad und selbstverständlich Rollator- und Rollinutzer) in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Selbstverständlich dürfen diese Kunden auch weiterhin hinten einsteigen, bei Möglichkeit soll der Fahrgast (bezieht sich logischerweise auf gesundheitlich nicht beeinträchtigte Menschen) nach Sicherung der Traglasten den Fahrausweis sichtbar zeigen. Hier gilt es, die kundenfreundlichste Lösung zu wählen. Der Alltag zeigt inzwischen, dass sich praxisgerechte Lösungen ganz natürlich eingependelt haben.

Ältere Fahrgäste nehmen den „Einstieg vorn“ übrigens besonders gut an. Diese Kundengruppe nutzte nämlich schon immer bevorzugt Tür I zum zustieg und halten sich, dort sind ja auch die entsprechenden Sitzgelegenheiten, im Vorderwagen zwischen Tür I und Tür II auf.

Verlagerung von Einzelscheinverkauf zu Zeitkarten

Erfahrungen anderer Städte sowie den Testregionen Harburg und Bergedorf zeigen, das nach anfänglichem, überproportionalem Absatz von Einzelfahrscheinen (Erwerb beim Busfahrer) zunehmend viele sich für eine Zeitkarte (Monatskarte) entscheiden. Daher darf davon ausgegangen werden, dass der Verkauf beim Fahrer wieder abebben wird, was wiederum den Fahrgastwechsel und die Qualität der Sichtkontrolle verbessert. ♦
— Titelbild, Grundlage: HVV, Collage: Rycon; Fotos, oben: HVV; unten: Rycon

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4 responses to this post.

  1. Posted by Kristof on 26.04.2012 at 10.36

    Meine Beobachtung zum Thema Pünktlichkeit: Ich steige regelmäßig nur wenige Stationen nach dem Beginn einer Linie ein, wo noch relativ wenige Fahrgäste den Bus nutzen. Hier zeigt sich, dass die Busse nun häufig früher fahren, als der Fahrplan hergibt. Vermutlich wollen die Fahrer so schon frühzeitig die später zusätzlich gebrauchte Zeit ausgleichen. Das ist natürlich sehr ärgerlich, wenn man dadurch den Bus verpasst. Hier sollte der Fahrplan entsprechend angepasst werden.

  2. Posted by Philip Newton on 26.04.2012 at 10.57

    Wobei ich das Gefühl habe, dass zwar das „Vorne einsteigen“ bei den Fahrgästen angekommen ist, das „nach Hinten durchgehen“ allerdings nicht durchgängig.

    Allzu häufig kommt es dazu, dass in der vorderen Bushälfte sich die Passagiere im Stehen ballen, während der hintere Teil fast leer ist und zum Teil sogar Sitzplätze vorhanden sind.

    Vielleicht denken sich einige, „ich steige eh bald aus, da bin ich besser in der Nähe der hinteren Tür, statt nach hinten durchzugehen, wo ich mich an meiner Haltestelle erst wieder nach vorne drängeln muss“; dafür können einige allerdings gar nicht erst zusteigen, weil vorne kein Platz mehr ist und hinten nicht zugestiegen werden soll.

    Oder man geht nur eine Sitzreihe nach hinten durch und nicht noch etwas weiter. Oder man steht im hinteren Gang und versperrt den Zugang zu ein, zwei freien Sitzplätzen.

  3. Posted by Busfahrer on 18.05.2012 at 08.40

    Es gibt vereinzelte Pflegefälle die vorne aussteigen und hinten ohne vorzeigen einsteigen. Dieses hält sich aber im Promillebereich. ;)

  4. Posted by Paranoja! on 18.06.2013 at 20.51

    Diese Regel ist einfach nur Krank und zählt praktisch schon zur Deutschlandweiten Paranoja!

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