Nachlese: Die S-Bahn und das Wetter

Die Probleme der S-Bahn sorgten auf einigen Internetseiten – hauptsächlich Foren – für aufgeregte Diskussionen. Nach der blamablen Millionenstrafe, kassiert vor allem wegen der Unpünktlichkeit 2008, ist das in kurzer Zeit das zweite Mal, dass die DB-Tochter in die Negativschlagzeilen gerät.

Am Wochenende ging es los: Von eingefrorenen Weichen sprach die Bahnhofsdurchsage, Züge verkehrten völlig verspätet und statt Vollzügen (6 Wagen) tuckelten dann oft nur Kurzzüge (3 Wagen) über die Gleise. Wer zwischen Neugraben und Stade wohnt, guckte besonders blöd aus der Wäsche (siehe unten). Als am Montag, 21.12.2009, dann auch noch die S11 und S2 ersatzlos gestrichen wurden, war dann bei einigen das Fass voll.

Die Krone bildete die spartanische Informationspolitik der S-Bahn – von fehlenden Bahnsteigdurchsagen und wenig informativen Zugzielanzeigern ist die Rede. Wer sich vorab im Internet informieren wollte, war auch nicht besser dran: Die S-Bahn schaffte es gerade, die Störungsmeldung unübersichtlich in die Seitenleiste zu quetschen (siehe Screenshot vom 21.12.2009) – erst später wurde eine vernünftige Artikelseite daraus (die allerdings selbstverständlich nicht archiviert wird und daher jetzt nicht mehr verlinkt werden kann). Begründet wurden die Einschränkungen etwas nebulös mit „witterungsbedingte Fahrzeugausfällen“ – eine Formulierung, die gerade zu zum Spott einlädt.

Hinzu kommt: Der erste Anlaufpunkt für Fahrgäste ist stets die HVV-Website. Dort werden aktuelle Störungen der Verkehrsunternehmen aber generell erst spät – wenn überhaupt – veröffentlicht und auch das nicht einmal prominent auf der Startseite. Fahrgäste auf dem Bahnsteig in Eiseskälte und, im wahrsten Sinne des Wortes, Schnee stehen zu lassen erzeugt eine Wut, die nur schwerlich mit Imagekampagnen kompensiert werden kann. Da nützt es nichts, wenn die S-Bahn bald mit Ökostrom fährt oder die HVV-Website den „BIENE in Bronze für barrierefreien Internetauftritt“ erhält – wenn Störungsmeldungen erst 2 Tage später (hier: 22.12.2009) auf der eigenen Seite auftauchen, bringt die schönste barrierefreie Website herzlich wenig. Das ist wahrlich keine Glanzleistung aller beteiligten.

„Witterungsbedingte Fahrzeugausfälle“

Für reichlich Hohn sorgte dann der angegebene Grund für das Theater. Ein wenig Schnee, ein bissel Kälter und schon verrecken die Züge? Handelt es sich in Wahrheit um eine Schönwetter-Bahn? Betrachten wir das Ganze mal nüchtern und mit weniger Emotionen.

Nicht nur in Norddeutschland, sondern im ganzen Bundesgebiet brach teilweise der Verkehr zusammen. Egal ob Auto, Bus, Zug oder Flugzeug. Auch die gebeutelte Berliner S-Bahn erwischte es (mal wieder).

Die Fahrzeugausfälle in Hamburg bezogen sich einerseits auf vereiste Dachstromabnehmer (bei der neueren Baureihe 474) und auf defekte Türen (bei der älteren 472). Auch ist die Rede davon, das der feine Flugschnee den Fahrmotoren zu schaffen machte. Bezogen auf das Wetter wird nun oft behauptet, das es ja eigentlich keine besondere Witterung gegeben habe, der Wert -1°C wird dabei in den Raum geworfen. Doch ist das wirklich so? Erzählt uns die S-Bahn dummes Zeug?

Wetterlage

Bei den Recherchen zu diesem Artikel stellte sich heraus, das es zwar einfach zu erfahren ist, wie das Wetter die nächsten Tage wird – aber wie es die vergangene Tage war, das ist so eine Sache. Einigermaßen brauchbar ist immerhin WetterOnline, welche selbst die Vorhersagen erstellen. Jedoch kommt es auf die nicht an, da zur Beurteilung ja die Messergebnisse der Wetterstationen von belang sind.

Unglücklicherweise gibt es mit Hamburg-Fuhlsbüttel nur eine Wetterstation im Großbereich Hamburg; Da es in der Stadt jedoch wärmer ist als „weiter draußen“, und die meisten S-Bahn-Züge nachts eher außerhalb (Poppenbüttel, Wedel, Stade, Neugraben, Elbgaustraße – um nur einige Abstellanlagen zu nennen) schlafen, wurden zusätzlich die Temperaturen in Boizenburg und Quickborn mit ausgewertet. Das ist zwar nicht berauschend genau, gibt aber doch immerhin Hinweise darauf, wie die Temperaturen in der Hamburger Walachei waren.
Die Werte ermittelten die Wetterstationen einheitlich um 3.30 Uhr, die Temperaturen (in °C) jeweils in Bodennähe:

Blau: Quickborn; Rot: Hamburg-Fuhlsbüttel; Gelb: Boizenburg

Die niedrigste Temperatur in Hamburg-Fuhlsbüttel wurde am Sonntag, den Beginn des Dramas, mit -15 °C gemessen – solche Werte sind für Hamburg in der Tat eher ungewöhnlich. Da kann es schon mal zu witterungsbedingten Fahrzeugausfällen kommen.

Knappe Fahrzeugreserve

Nach den zuletzt deutlich gestiegenen Fahrgastzahlen und dadurch geforderten Taktverdichtungen bzw. längeren Zügen ist die Betriebsreserve an Fahrzeugen sehr knapp. Fallen vermehrt Züge aus, schlägt sich das schnell auf den Betrieb aus. Dies wird sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern, da beide eingesetzten Baureihen nicht mehr beim Hersteller nachbestellt werden können. Die Entwicklung eines völlig neuen Zuges wird fällig – das dauert Jahre an Entwicklungs-, Erprobungs- und Herstellungszeit. Dies führt zu enormen Investitionskosten – da die Deutsche Bahn den Hamburger S-Bahnverkehr aber nur bis 2017 sicher in der Tasche hat, wird man bis dahin mit den derzeitigen Fahrzeugpark leben müssen.

Ersatzlos gestrichen: Die S11 und S2

Vielfach kritisiert wurde und wird, das die Linien S11 und S2 eingestellt wurden. Übersehen wird, das es sich hier um Verstärkerlinien handelt die Fahrplanmäßig nur Zeitweilig auf Tour sind. Besonders die S2 bringt es Wochentags gerade einmal auf 11 Fahrten – konzentriert auf Morgens und Spätnachmittags – je Richtung. Samstag, Sonntag und Feiertags verkehren weder S2 noch die S11. Da zur Zeit Schulferien in Hamburg sind, ist der Wegfall beider Linien noch lange nicht der Untergang des Abendlandes. Zudem gab es im Großbereich Hamburg keine S-Bahn-Haltestelle, die nicht bedient wurde; Denn die regulären Linien – S1, S21 und S3 bis Neugraben – verkehrten weiterhin auf ihren Stammstrecken.

Sonderfall Stade → Neugraben

Bild 1: Dachstromabnehmer der BR 474.3

Auf der S3 hatten die Züge der neueren Baureihe 474.3 Probleme mit vereisten Dachstromabnehmern – die zwingend für den Abschnitt Neugraben – Stade benötigt werden. Normalerweise beziehen die S-Bahnen in Hamburg ihren Saft aus einer Stromschiene, für die S3-Erweiterung nach Stade bekamen 33 Züge jedoch neue Mittelwagen, die zusätzlich mit einem Dachstromabnehmer ausgerüstet sind. So sind diese Züge in der Lage, auf den herkömmlich elektrifizierten Strecken zu fahren, spezielle Gleise für die S-Bahn sind dann nicht nötig. Diese – durchaus anspruchsvolle – technische Lösung stellt eine Besonderheit in Deutschland da. Die sogenannten Zwei-System-Triebzüge wurden 2007 in Dienst gestellt, sind also folglich 2 Jahre alt (bezogen auf den Mittelwagen). Es ist damit der erste härtere Winter, den diese Fahrzeuge in der Praxis meistern müssen. Hierbei sind konstruktive Probleme nicht unwahrscheinlich – was dann aber auf die Kappe des Herstellers geht.

Auch andere Verkehrsmittel betroffen

Auch die HOCHBAHN hatte, auf Schiene und Straße, mit der Witterung zu kämpfen. Insbesondere eingefrorene Weichen führten für die Stellwerker und Disponenten zu anstrengenden Arbeitstagen. Im Busbereich sah es nicht viel besser aus: Sonntag in den frühen Morgenstunden musste in einigen Stadtteilen gar der Busbetrieb vollständig eingestellt werden. Selbst am Dienstag schlitterten die Busse noch über einige Betriebshöfe.
— OR/EH; Bilder: Titel/Bild 1: Missy Wegner (Wikipedia)

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